Lokales

Kindeswohl im Vordergrund

Immer mehr Kinder müssen im Landkreis in Obhut genommen werden

Im Durchschnitt alle drei Tage muss ein Kind im Landkreis Esslingen in die Obhut des Staates genommen werden, weil die Verhältnisse daheim zu bedrohlich sind. Wie dramatisch eine solche Aktion ablaufen kann, hat die Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Individueller Kinderschutz, Barbara Hagedorn, dem Jugendhilfeausschuss des Kreistags berichtet.

Anzeige

richard umstadt

Esslingen. Das Thema Kinderschutz ist aktueller denn je und betrifft alle in unserer Gesellschaft. Dabei wurde einmal mehr deutlich, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen. Und genau diese „Kultur des Hinschauens“ forderte Landrat Heinz Eininger im Jugendhilfeausschuss des Kreistags. Aus dem Bericht von Elke Schierer, Stiftung „Jugendhilfe aktiv“, ging hervor, dass durchschnittlich alle drei Tage im Landkreis Esslingen ein Kind in die schützende Obhut des Staates genommen werden muss, weil die Verhältnisse zu Hause das Wohl des Kindes gefährden. Mit diesem starken Anstieg der Fallzahlen liegt der Kreis Esslingen im Bundestrend, wogleich auffällt, dass im Vorjahr im Raum Nürtingen besonders viele Kinder in Obhut genommen werden mussten.

Wie dramatisch eine solche Inobhutnahme sein kann, schilderte Barbara Hagedorn, die Leiterin der Arbeitsgemeinschaft „Individueller Kinderschutz“, in einem erschütternden Fall dem Ausschuss: Eine 26-jährige alleinerziehende Mutter war im Februar 2009 auf den Sozialen Dienst zugekommen, weil sie sich von ihren Eltern lösen wollte und deshalb Beratung und Hilfe suchte. Die Mutter eines siebenjährigen, eines zweijährigen und eines einjährigen Sohnes lebte alleine, aber in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihren Eltern und Verwandten. Außerdem sollte der Soziale Dienst ihrem ältesten Sohn helfen. Der Junge könne keinen Kontakt zu anderen Kindern aufbauen, sei unkonzentriert und würde in einer Fantasiewelt leben. Die Schule habe sie deshalb aufgefordert, erzieherische Hilfen in Anspruch zu nehmen. Die Frau lebte mit ihren Kindern, die von unterschiedlichen Vätern waren, in einer sehr beengten, vermüllten, verdunkelten Zweizimmerwohnung. Die vollen Windeln lagen direkt neben den Lebensmitteln, kein Kind hatte einen adäquaten Schlafplatz. Sie war offensichtlich total überfordert und hatte massivste Konflikte in ihrer eigenen Familie.

Zunächst vermittelte der Soziale Dienst der Frau eine sozialpädagogische Familienhilfe. Der sieben- und der zweijährige Sohn waren ganztags in Regeleinrichtungen untergebracht. Auch wurde an eine Tagesmutter gedacht. Ebenso sollten die Kinder im Sozialpädiatrischen Zentrum vorgestellt werden, da Schule und Kindergarten erhebliche Entwicklungsverzögerungen feststellten.

Als es für die 26-Jährige konkret darum ging, sich von ihren Eltern abzulösen und ihr Erziehungsverhalten zu ändern, kündigte sie die Hilfe auf. Sie nahm die Termine nicht wahr und verschob sie immer wieder. So wurde deutlich, dass die Hilfen ins Leere liefen. Daraufhin stellte der Soziale Dienst beim Familiengericht Anträge auf Entzug der elterlichen Sorge, da von einer ernst zu nehmenden Gefährdung des Kindeswohls ausgegangen werden musste. Die Mutter konnte Gefahrensituationen für die Kinder nicht einschätzen. Die Kinder verletzten sich gegenseitig, sie griff nicht schützend ein. Das sehr kleine, vermüllte Wohnzimmer war mit brennenden Kerzen in Brusthöhe der Kinder beleuchtet, die Kinder spielten Ball darin, was für die Mutter normal war. Außerdem wurde der Soziale Dienst Zeuge, wie sie den ältesten Sohn schlug. Bei einem unangekündigten Hausbesuch bemerkten die Mitarbeiter außerdem, dass die Frau den einjährigen Sohn einschloss und alleine ließ.

Nach der ersten Gerichtsverhandlung wurde noch versucht, die Hilfen für die Familie weiter zu intensivieren und die Mutter zur Zusammenarbeit zu gewinnen. Dies scheiterte jedoch. Die Gefährdungssituation der Kinder wurde immer dramatischer. Den letzten Ausschlag für den Antrag auf Übertragung der elterlichen Sorge gab die Tatsache, dass der Einjährige immer wieder eingesperrt und allein gelassen wurde.

Das Gericht gab daraufhin dem Antrag des Sozialen Dienstes statt. Der Mutter wurde die elterliche Sorge teilweise entzogen. In diesem Fall, und das ist das Besondere daran, ordnete das Gericht für die Herausgabe des Kindes auch unmittelbaren Zwang an, falls erforderlich. Der Grund: Die Reaktion der Mutter konnte nicht eingeschätzt werden, da sie immer wieder versichert hatte, dass sie ihre Kinder für ihr eigenes Überleben brauche. Eine Fremd- und Eigengefährdung war nicht auszuschließen. Aus diesem Grunde war an der Herausgabe der Kinder nicht nur der Soziale Dienst beteiligt, sondern auch ein Gerichtsvollzieher, ein Schlosser, die Polizei sowie der Krisennotfalldienst des DRK.

Als der Soziale Dienst die Kinder abholte, befanden sich alle drei zusammen mit der Mutter in der vermüllten, abgedunkelten, engen Zweizimmerwohnung. Bereitwillig ließen sich die Buben aus der dramatischen Lebenssituation befreien, berichtete Barbara Hagedorn.

Die Mutter war damals mit ihrem vierten Kind hochschwanger. Weil nicht eingeschätzt werden konnte, ob sich die Frau etwas antun würde, blieben eine Sozialarbeiterin vom Sozialen Dienst und die Mitarbeiterinnen des DRK mehrere Stunden bei ihr, bis ihre Schwester und ihr Schwager kamen.

Die zwei Jüngsten wurden gemeinsam in einer Kurzzeitpflegefamilie aufgenommen. Der älteste Sohn kam in eine andere Pflegefamilie.

Nach der Geburt des vierten Kindes im November 2009 befand sich die Mutter in einem psychischen Ausnahmezustand. Die eingeschaltete Gerichtsgutachterin konnte eine akute Lebensbedrohung des Babys durch eine Kurzschlusshandlung der Mutter nicht ausschließen. Aus diesem Grund wurde auch das Baby in Obhut genommen.

Die beiden jüngsten Pflegekinder schliefen in der Pflegefamilie nur gemeinsam in einem Bett. Das gekochte Essen waren sie ebenso wenig gewohnt, wie die Mahlzeiten gemeinsam am Tisch zu sich zu nehmen. Sie hatten auch kein Sättigungsgefühl. Des Weiteren zeigten die Kinder sehr hohe Verlustängste. Sie schrien, wenn die Pflegemutter oder der Pflegevater das Zimmer verließen und waren nur sehr schwer zu beruhigen. Außerdem erschraken sie bei Geräuschen und hielten immer wieder schützend die Hände über ihre Köpfe, wenn die Pflegeeltern sie anfassten. Auch zeigten die Kinder Angst vor Wasser. Sie wollten nicht geduscht werden und schrien immer wieder: „Heiß! Heiß!“ Der älteste Sohn weigert sich bis heute konstant, seine Mutter zu sehen. Er sei von ihr geschlagen und getreten worden, erzählte er den Pflegeeltern und vor Gericht.

Sowohl Barbara Hagedorn als auch Landrat Heinz Eininger machten deutlich, dass das vorrangige Ziel von Inobhutnahmen der Schutz des Kindes ist. „Es gibt ein staatliches Wächteramt, und das nehmen wir ernst“, so der Landrat. Freilich ist das gut funktionierende Kinderschutz-System im Landkreis darauf ausgerichtet, dem Kind und seinen Eltern frühzeitig und nachhaltig Unterstützung und Hilfen anzubieten. Der Kreis setzt dabei auf ein sensibles präventives Netzwerk, dem Eltern, Kinder und Jugendliche vertrauen könnten. Mittlerweile habe man rund 790 Fachkräfte geschult und ein gutes Bewusstsein geschaffen. Nicht zuletzt aufgrund der aktuellen Missbrauchsfälle ist die Öffentlichkeit sensibilisiert. Dennoch seien Übergriffe nie ganz zu vermeiden, wusste Landrat Eininger. Im Notfall gibt es seit 2009 im Landkreis eine 24-Stunden-Rufbereitschaft der Sozialen Dienste. Für Inobhutnahmen bezahlte der Kreis Esslingen im Vorjahr rund 371 000 Euro.