Lokales

"King Jacob" und die gewerbliche Freiheit

Seit 15 Jahren trägt die Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule den etwas sperrigen Namen eines gebürtigen Kirchheimers, der in den USA ein Wirtschaftsimperium aufgebaut und sich in der neuen wie in der alten Heimat als Wohltäter hervorgetan hat. Seit kurzem liegt die erste umfassende Biografie über Schöllkopf vor, aus der Feder von Kreisarchivar Manfred Waßner.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM "Die Biografie ihres Namenspatrons zu erforschen, ist für eine Schule ein berechtigtes Unterfangen", sagte Norbert Häuser, der Leiter der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule, zu Beginn der Buchpräsentation, die von der Schulband mit Rockballaden musikalisch mitgestaltet wurde. Schöllkopf könne Schülern nach wie vor als Vorbild dienen, gerade in einer zunehmend globalisierten Welt: "Er hat als gut ausgebildeter junger Mann die Heimat verlassen und ist in die Welt gegangen."

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Landrat Heinz Eininger lobte an Schöllkopf den Mann der Tat: "Was nicht zur Tat wurde, war wenig wert." Dennoch sei er von einer tiefen Menschlichkeit geprägt gewesen, denn "sein erster Blick galt den Menschen, nicht den Bilanzen". Deshalb habe er sich auch immer mit seiner Heimat verbunden gefühlt, nicht zuletzt als Wohltäter: "Er war in der Welt zu Hause, hat aber die Heimat nicht vergessen." Auch Eininger hob die Bedeutung einer guten Ausbildung hervor. Wie zu Schöllkopfs Zeiten sei sie "bis heute das Rüstzeug für ein gelingendes Leben."

Herausgeber der Biografie, die in wenigen Tagen im Buchhandel erhältlich sein soll, ist der Verein der Freunde und Förderer der Schule. Dessen Vorsitzender Siegfried Russ zeigte sich "froh und dankbar, dass die Erinnerung an Jakob Friedrich Schöllkopf lebendig und greifbar geworden ist." Wie lebendig die Schilderungen Waßners sind, habe er erfahren, als er das Buch aus dem Hause GO Druck Media Verlag zum ersten Mal in die Hand bekam und es nicht mehr weglegen konnte.

Der Autor selbst ging zunächst auf die verwickelte Entstehungsgeschichte der Biografie ein: Der Auftrag dazu habe im Jahr 2000 seinen Amtsvorgänger Christoph J. Drüppel zu einer Forschungsreise in die USA geführt. Nach Drüppels Tod 2002 seien die Materialien unbearbeitet geblieben, bis Waßner dann vor zwei Jahren die Aufgabe übernommen hat, das Buch zu schreiben.

Kreisarchivar Waßner fragte zu Beginn seiner Lesung, wie Jakob Friedrich Schöllkopf dazu gekommen sei, als 22-Jähriger Ende 1841 nach Amerika auszuwandern. Weil der Gerbersohn aus Kirchheim nur wenige eigene Zeugnisse hinterlassen habe, sei die Forschung darauf angewiesen, die Antworten auf solche Fragen aus dem zeitlichen Umfeld zu erschließen.

Hunger und Armut kämen im Falle Jakob Friedrich Schöllkopfs nicht als Grund für das Auswandern in Betracht. Als vermutlich zwölftes Kind seines Vaters Gottlieb Heinrich Schöllkopf wurde Jakob Friedrich am 15. November 1819 in Kirchheim geboren. Das Geburtshaus steht heute nicht mehr. Es war aber wohl eines der beiden Häuser in der Plochinger Straße, die Gottlieb Heinrichs Frauen Elisabeth Barbara beziehungsweise Christiana Margaretha 1802 und 1808 jeweils mit in die Ehe gebracht hatten. Manfred Waßner bezeichnete die Familie Schöllkopf in seinem Vortrag als "wirtschaftlich gesicherte, sogar recht wohlhabende Familie." Als Vater Schöllkopf 1860 im Alter von 80 Jahren starb, habe er ein Vermögen von 60 000 Gulden hin-terlassen. Um diese Zahl besser einschätzen zu können, nannte der Kreisarchivar seinem Publikum einen geeigneten Vergleich: "Der Tagesverdienst eines gut verdienenden Handwerksmeisters lag damals bei rund 1,2 Gulden."

Trotzdem habe es sich bei der väterlichen Gerberei in Kirchheim um einen "nahezu lächerlich kleinen Betrieb" gehandelt, gemessen an dem, was der Sohn Jakob Friedrich in Amerika später aufbaute, nachdem er als 14-Jähriger seine Gerberausbildung im väterlichen Betrieb aufgenommen und sich zwischen 1839 und 1841 in Straßburg als Kaufmann weitergebildet hatte. Grundlage für das amerikanische Wirtschaftsimperium Jakob Friedrich Schöllkopfs waren indessen zinsgünstige Kredite des Vaters, dessen Betrieb 1847 Jakobs älterer Bruder Christian übernehmen sollte.

Drei Punkte hob Manfred Waßner in seinem Vortrag besonders hervor: die Umstände für Auswanderer in den 1840er-Jahren und die Betätigung Jakob Friedrich Schöllkopfs in zwei Geschäftsfeldern, die mit seinem eigentlichen Handwerk nicht viel zu tun hatten. 1856 war Schöllkopf auch Mühlenbetreiber geworden, und 1877 investierte er erstmals in die Wasserkraft am Niagara.

Was die Menschen um 1840 nach Amerika trieb, das waren die sprichwörtlich unbegrenzten Möglichkeiten, wie sie ein zeitgenössisches Handbuch für Auswanderer beschreibt: "Junge, starke, arbeitsame Leute, mit etwas Vermögen, die den Ackerbau oder ein Gewerbe verstehen, können sich hier niederlassen, namentlich Menschen zwischen 20 und 40 Jahren." Dasselbe Buch singt ein Loblied der Freiheit, die zu diesem Zeitpunkt in großen Teilen Europas nur ein Traum von aufrechten Demokraten war. Was die gewerbliche Freiheit betrifft, warnt das Handbuch bereits vor den Schattenseiten der amerikanischen Marktwirtschaft: ". . . diese Freiheit, alles treiben zu dürfen, schickt jedem, der ein einträgliches Geschäft gefunden zu haben glaubt, sogleich eine Menge Konkurrenten auf den Hals".

Jakob Friedrich Schöllkopf jedoch hatte damit kein Problem. Er baute sich von Buffalo am Eriesee aus nicht nur ein Imperium in seinem eigentlichen Handwerk auf, sondern nahm sich auch die Freiheit, in anderen Gewerben tätig zu werden.

Der Einstieg ins Mühlengeschäft begann allerdings mit einem Flop: Sein junger Geschäftspartner Philipp Bauer, ein Müller aus Württemberg, ging 1861 in die Heimat zurück. In der fremden Branche mit ihrem hohen Konkurrenzdruck verlor Schöllkopf somit viel Kapital. 1875 schließlich klopfte der Branchenkenner George Mathews bei "King Jacob" an. Daraus sei nicht nur eine lebenslange Freundschaft entstanden, sondern auch eine fortwährende Erfolgsgeschichte Jakob Friedrich Schöllkopfs in der Müllerei, erzählte Kreisarchivar Waßner seinen interessierten Zuhörern.

1877 betrat Schöllkopf im Alter von fast 58 Jahren noch einmal geschäftliches Neuland. Er erwarb einen Kanal am Niagara, durch den schon etliche Vorgänger ihr Geld verloren hatten. Mit dem Engagement des Kaufmanns aus Kirchheim begann dort allerdings ein Boom, mit dem keiner gerechnet hätte. Manfred Waßner: "Wie Pilze schossen nach 1880 die Betriebe aus dem Boden, um die von Schöllkopf angebotene Wasserkraft zu nutzen. Jakob Friedrich Schöllkopf hatte es geschafft: Erstmals seit Beginn der über ein Jahrhundert lang gescheiterten Kanalprojekte warf die Nutzung der Niagarafälle Gewinn ab. Mit bewundernswertem Gespür und Risikobereitschaft, aber auch mit den richtigen Partnern, war ihm gelungen, was keiner zuvor erreicht hatte."

Wie wichtig speziell dieser Erfolg für Schöllkopf gewesen sein muss, belegte Waßner anhand des letzten Willens. Darin hatte Jakob Friedrich Schöllkopf, der am 15. September 1899 in Buffalo starb, festgelegt, dass seine Nachlassverweser nach seinem Tod den "Hydraulic Power Canal" wenigstens zehn Jahre lang weiterbetreiben sollten. Er wollte, dass sein Werk möglichst lange besteht. Inzwischen ist der Kanal allerdings zugeschüttet, und 1956 zerstörte ein Felssturz die ausgediente "Power Plant".