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Kirche setzt auf "sinnvolle Synergieeffekte"

Sparmaßnahmen zwingen derzeit auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu einschneidenden Reformen. Diese Entwicklung macht auch vor der Kirche nicht Halt: Um seelsorgerliche Synergieeffekte nutzen zu können, plant die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Kirchheims, die sieben selbstständigen Gemeinden bis 2007 zu einer einzigen Kirchengemeinde zu verschmelzen.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Ihr Entstehen hat die Evangelische Kirche einer grundlegenden Reform zu verdanken. Für ihr Überleben in Kirchheim bedarf es nun abermals einer Reform wenn auch auf einem ganz anderen Gebiet. "Es geht um eine Strukturveränderung und nicht um eine Kirchenreform", sagte Dekan Hartmut Ellinger, der in einem Gespräch mit dem Teckboten das "Modell zur Strukturentwicklung" vorstellte. Unterstützt wurde er dabei von Rosemarie Reichelt, der Vorsitzenden der Gesamtkirchengemeinde, von Kirchenpfleger Bernd Kemmner und vom Ötlinger Pfarrer Wilhelm Keller in dessen Funktion als "Pressepfarrer" der Gesamtkirchengemeinde.

Betroffen von der Veränderung sei allein der "Überbau". An dem, "was an der Basis geschieht", ändere sich nichts, betont Hartmut Ellinger und tritt möglichen Verlustängsten in einzelnen Gemeinden von vornherein klar entgegen. Es könne beispielsweise nicht Ziel eines Zusammenschlusses sein, künftig nur noch einen Seniorenkreis in Kirchheim anzubieten, im Gegenteil: "Die Seniorenarbeit bleibt in jeder Gemeinde." Ins gleiche Horn stößt Rosemarie Reichelt: "Wichtig ist, dass sich de facto auf der Gemeindeebene nichts ändern wird. Das Gemeindeleben und die Kreise bleiben erhalten, da wird nichts abgeschafft."

Für Wilhelm Keller ergibt sich aus der geplanten Fusion dennoch ein großer Vorteil: "Bis jetzt muss jeder alles anbieten. Nachher können die Pfarrer enger zusammenarbeiten und dabei auch eigene Schwerpunkte bilden." Als Beispiele dafür nennt er Jugendpfarramt, Erwachsenenarbeit, Öffentlichkeitsarbeit oder besondere Gottesdienstformen. Durch "sinnvolle Synergieeffekte" ließe sich in diesen Bereichen einiges bewegen.

Dekan Ellinger sieht in der jetzigen Struktur mit sieben selbstständigen Gemeinden, die lediglich bestimmte Aufgaben wie Finanzen oder Bauangelegenheiten an die Gesamtkirchengemeinde abgegeben haben, ebenfalls gewisse Schwächen: "Wir bieten im Augenblick sieben Mal das gleiche Programm an mit dem Schwerpunkt in einem Zeitkorridor von nur zwei Stunden am Sonntag." Mit der neuen Struktur könne sich vielleicht auch ein regelmäßiger Abendgottesdienst in Kirchheim etablieren.

In der Gesamtkirchengemeinde sind derzeit sieben rechtlich selbstständige Kirchengemeinden zusammengeschlossen: Auferstehungs-,Christus-, Kreuz-, Martins- und Thomaskirche in Kirchheim sowie die Ötlinger Johannes- und die Lindorfer Matthäuskirche. Auch wenn aus diesen sieben Gemeinden mit ihren insgesamt fast 14 000 Mitgliedern eine einzige Kirchengemeinde wird, bleiben sämtliche Pfarrer weiterhin ihrer bisherigen Kirche zugeordnet. Aus den "alten" Gemeinden werden Seelsorgebezirke.

Statt sieben einzelnen Kirchengemeinderäten, dem übergeordneten Engeren Rat und der Vollversammlung des Gesamtkirchengemeinderats, mit rund 80 Mitgliedern, würde künftig nur noch ein einziger Kirchheimer Kirchengemeinderat tagen. Diesem Gremium sollen 18 gewählte Mitglieder angehören, die acht derzeitigen Gemeindepfarrer, zu denen auch der Dekan zählt, sowie der Kirchenpfleger. Von diesem Modell versprechen sich die Verantwortlichen unter anderem eine Entlastung der Pfarrer von Verwaltungstätigkeiten sowie "deutlich verringerte Sitzungszeiten."

Aktive Gemeindeglieder sollen sich natürlich weiterhin in das Gemeindeleben an ihrer Kirche einbringen können. Zu diesem Zweck sind "Gemeindeausschüsse" vorgesehen. "Diese Ausschüsse kümmern sich um das geistlich-christliche Leben vor Ort", beschreibt Bernd Kemmner deren Aufgaben. Pfarrer oder Pfarrerin besprechen in diesen Gremien gemeinsam mit gewählten Ausschussmitgliedern Themen wie Gottesdienste, Seelsorge, Kreise, Feste oder Kasualien. Das sind "Kernaufgaben", die nach wie vor direkt im Umkreis der jeweiligen Kirche geregelt werden.

Sollte sich der neue einheitliche Kirchheimer Kirchengemeinderat nach den Wahlen im Herbst 2007 tatsächlich wie vorgesehen konstituieren, müsste er sich wohl eher früher als später mit der Zukunft der Pfarrstellen befassen. Das hat aber nichts mit der neuen Struktur zu tun. Auch in der Gesamtkirchengemeinde nach bisherigem Modell muss in nächster Zeit mit der Einsparung einer Pfarrstelle gerechnet werden. Die Verantwortlichen glauben nun, dass dieser schmerzhafte Prozess innerhalb einer einzigen großen Kirchengemeinde leichter zu bewältigen ist als jetzt mit sieben eigenständigen Gemeinden. Deren Mitglieder denken momentan noch "stark parochial, also auf die eigene Gemeinde ausgerichtet", stellt Bernd Kemmner fest.

Auch unabhängig von den Personalkosten sieht Kirchenpfleger Kemmner die neuen Strukturen als notwendig an, weil die einzelnen Kirchen aufgrund der Haushaltslage mittelfristig nicht mehr investitionsfähig seien. Selbst die Mittel für Gebäudeunterhaltung und -sanierung sind gefährdet. "Pressepfarrer" Keller ist deshalb davon überzeugt, "dass ein einziger Kirchengemeinderat in Kirchheim die Sicht für das Ganze stärker fördert und Entscheidungen für alle treffen kann."

Zunächst einmal müssen sich die einzelnen Kirchengemeinderäte mit der Strukturveränderung befassen. Ende Juni 2006 müssen sie ihre Entscheidung für oder gegen das Modell treffen. "Die Entscheidungen in den Einzelgemeinden müssen nicht einstimmig erfolgen", klärt Hartmut Ellinger über das Prozedere auf, "eine einfache Mehrheit genügt." Anders sieht es dann bei der Schlussabstimmung im Gesamtkirchengemeinderat aus, die ebenfalls im Sommer 2006 ansteht: In der Vollversammlung benötigt die angestrebte Strukturreform eine Zweidrittelmehrheit. Wenn alle Gremien zustimmen, kann der neue Kirchengemeinderat seine Arbeit Ende 2007 aufnehmen. "Die Neuwahlen, die in zwei Jahren anstehen, sind für uns eine naturgegebene Frist", sagt Dekan Ellinger zum Zeitplan.

Im nächsten halben Jahr muss die zuständige Arbeitgruppe versuchen, die einzelnen Kirchengemeinderäte von dem zu überzeugen, was Bernd Kemmner folgendermaßen formuliert: "Es gibt nur diesen einen Weg. Wenn der Prozess scheitert, stehen wir wieder am Ausgangspunkt." Im Bewusstsein von der Richtigkeit ihres Vorhabens haben die Verantwortlichen nämlich keinen "Plan B" für den Notfall in der Schublade.