Lokales

Kirchheim ruft das "Henriettenjahr" aus

Gestern hat in Kirchheim ganz offiziell das "Henriettenjahr" begonnen: Zum 150. Todestag der herzoglichen Wohltäterin hatten die Stadt Kirchheim und die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg zu einem Pressetermin ins Kirchheimer Schloss eingeladen. Dabei ging es um eine Vorschau auf das beginnende "Henriettenjahr".

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Am 2. Januar 1857 ist Herzogin Henriette Witwe des Herzogs Ludwig Friedrich Alexander von Württemberg, genannt Louis in ihrem 77. Lebensjahr im Kirchheimer Schloss gestorben. Die Todesnachricht hat die Bevölkerung vor 150 Jahren erschüttert: In Kirchheim trauerten die Menschen um eine Wohltäterin, die sich 40 Jahre lang unermüdlich in allen sozialen Bereichen der Stadt eingebracht hatte. Das gesamte Königreich trauerte um die Schwiegermutter Wilhelms I., des Königs von Württemberg.

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Anderthalb Jahrhunderte nach ihrem Tod ist Henriette in Kirchheim keineswegs vergessen. Die Fürstenzimmer im Schloss erinnern ebenso an sie wie das Henriettenstift. Auch viele weitere Kirchheimer Einrichtungen, die bis heute existieren, oder zumindest ihre Vorläufer gehen auf Anregungen der Herzogin zurück etwa das Krankenhaus, die Freiwillige Feuerwehr, die Paulinenpflege oder auch eine Krankenversicherung "für Gewerbegehülfen und Dienstboten".

Auch der Bildungsstandort Kirchheim hat der Herzogin viel zu verdanken, die sich für Kindergärten ebenso einsetzte wie für die Industrieschulen und die höhere Töchterschule. Auf alle diese Verdienste verwies Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker beim gestrigen Pressetermin im Rundsaal des Schlosses. Im "Henriettenjahr" 2007 gehe es darum, die Bedeutung Herzogin Henriettes für Kirchheim herauszustellen und "die Flamme der Erinnerung an Henriette" aufrechtzuerhalten.

Letzteres geschieht vor allem im Rahmen einer Sonderausstellung, die vom 6. Mai bis zum 31. Oktober im Städtischen Museum im Kornhaus zu sehen sein wird. Bettina Wilhelm, die Leiterin des Kirchheimer Amts für Bildung, Kultur und Sport, ruft die Bevölkerung in diesem Zusammenhang auf, Erinnerungen an Herzogin Henriette zusammenzutragen. Ob es sich dabei um persönliche Erinnerungen handelt, die schriftlich oder auch nur mündlich innerhalb der Familie weitergegeben wurden, oder um greifbare Gegenstände, die mit Henriette und ihrem Leben und Wirken in Kirchheim zu tun haben die Ausstellungsmacher sind dankbar für jedes zusätzliche Exponat.

Zur Ausstellungseröffnung am Sonntag, 6. Mai, ist auch ein Festakt zu Ehren der Herzogin geplant. Beim Museumsfest im Oktober sollen Henriette und ihre Zeit ebenfalls im Mittelpunkt stehen, wie Bettina Wilhelm weiter mitteilte. Vorträge von Holger Starzmann, Karl-Georg Sindele und Tilmann Marstaller ergänzen das Angebot, zu dem auch spezielle Stadtführungen gehören. Außerdem ist im Erinnerungsjahr 2007 der Spatenstich für das neue Gebäude des Henriettenstifts vorgesehen. Eine Informationsbroschüre, die alle Veranstaltungen im "Henriettenjahr" auflistet, ist ebenfalls in Planung.

Eine weitere Informationsbroschüre, die im "Henriettenjahr" herauskommt, aber noch lange darüber hinaus wirken soll, kündigte Dr. Frank Thomas Lang vom Verlag des Staatsanzeigers Baden-Württemberg an. Zum 6. Mai soll dieses Magazin erscheinen, in dem es einerseits um Herzogin Henriette geht und andererseits um das Kirchheimer Schloss als Witwensitz. Außerdem zeigt das Magazin interessierten Touristen auf, was Kirchheim und seine Umgebung sonst noch zu bieten haben, damit ein Tagesausflug in die Teckregion möglichst lange in positiver Erinnerung bleiben kann. Die Beiträge dieses Magazins stammen Dr. Lang zufolge ausnahmslos von Fachleuten, seien aber so geschrieben, dass vor allem auch "normale Leser" etwas davon haben.

Eine der Autorinnen ist Dr. Saskia Esser, Konservatorin der Staatlichen Schlösser und Gärten. Sie erinnerte gestern daran, dass das Kirchheimer Schloss nicht ausschließlich als Witwensitz gedient habe. Als Henriette das Schloss 1811 nach dem Tod Franziskas von Hohenheim bezogen hat, war sie schließlich nicht allein nach Kirchheim gekommen, sondern zusammen mit ihrem Mann und fünf gemeinsamen Kindern. In Kirchheim habe es dadurch erstmals eine kleine Hofhaltung gegeben, mit entsprechenden Impulsen für das gesellschaftliche Leben. Von 1817 an, nach dem Tod Herzog Ludwigs, des notorisch verschuldeten Bruders von Württembergs erstem König Friedrich I., war das Schloss in Kirchheim allerdings für die kommenden 40 Jahre wieder Witwensitz.

Die Konservatorin Saskia Esser möchte die Fürstenzimmer nun nach historischen "Raumporträts" umgestalten. Diese Zeichnungen zeigten die Räume, "als wäre die Bewohnerin gerade aus der Tür gegangen". Topfpflanzen, Papageienkäfig und angefangene Handarbeit symbolisieren das Leben, das einst in den Räumen am Alleenring herrschte. Hinzu kam zu Zeiten Henriettes der "Kasemattengarten", der künftig wieder stärker in die Schlossführungen einbezogen werden soll.

Das heutige Leben im Schloss ist geprägt vom Pädagogischen Fachseminar, das von Februar an mit dem kompletten Umzug in Schloss und Marstall beginnt, wie Seminarleiterin Brigitte Heß gestern noch erläuterte. Im Rahmen von fächerverbindenden Projekten könnte das Seminar aber auch das frühere Leben im Kirchheimer Schloss wieder in Erinnerung rufen. Brigitte Heß denkt dabei ans Musizieren im Schloss oder an museumspädagogische Projekte für Schüler. Das "Henriettenjahr" 2007 lässt also in Kirchheim und im Schloss manches erwarten, das auch über das Jahr hinaus wirkt.