Lokales

Kirchheimer „Kindl“ auf internationalem Parkett

Aysen Bitzer ist seit vielen Jahren mit ihrem Modelabel „0039 italy“ erfolgreich

„0039 Italy“ heißt das Modelabel, das seit Jahren auf den ganz großen Laufstegen dieser Welt anzutreffen ist. In Florenz, Paris, München und immer mehr Mode-Metropolen wird die charakteristische Kollektion mittlerweile in eigenen Shops verkauft. Was kaum jemand weiß: Hinter dem Premium-Label steckt eine Kirchheimerin mit türkischen Wurzeln, Aysen Bitzer.

Besuch bei Kirchheimer Modemacherin Aysen Bitzer in 70794 Filderstadt Echterdingerstraße 83
Besuch bei Kirchheimer Modemacherin Aysen Bitzer in 70794 Filderstadt Echterdingerstraße 83

Irene Strifler

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Wie wird die Mode in diesem Winter?

Dieser Winter? (lacht) Wir liefern im November schon die Sommermode 2015 aus, und eigentlich stecken wir gedanklich bereits in der Kollektion für den Winter 2015/16. Für den kommenden Sommer präsentieren wir eine Neuinterpretation des Hemdblusenkleides. Das hat unsere Anfänge vor 15 Jahren geprägt. Doch viel ist davon nicht mehr übrig geblieben: Die Form hat sich enorm gewandelt, vorne kürzer, hinten länger, pfiffige Details, um nur ein paar wichtige Aspekte zu nennen. Aber klar: Erst kommt mal der Winter, und da dominieren grafische Drucke. Aber auch Karo-Flanell ist ein starkes Thema, so ein Hemd kann zum Beispiel ausgesprochen cool wirken zum Seidenkleid mit Bikerboots.

Wer ist denn die Zielgruppe von 0039 Italy?

Frauen in allen Altersklassen, von 18 bis mindestens 70. Es gibt kein Alter in der Mode! Natürlich muss man ein bisschen aufpassen, was einem steht – da ist eben ehrliche und gute Beratung enorm wichtig.

Beratung? Wird nicht vor allem online gekauft?

Klar, der Online-Handel ist wichtig, aber auch die Läden. Um Kontakt mit den Kundinnen zu haben, bin ich fast jeden Samstag in meinem Laden in Stuttgart, dem „Podium“ am Kleinen Schlossplatz, den es seit einem Jahr gibt. Bald betreiben wir insgesamt zehn Läden: in Paris, Palma, Berlin, Florenz . . . Ich habe alle selbst eingerichtet und kenne alle Geschäftsführerinnen gut. Es ist in meiner Branche wichtig, über den Tellerrand hinauszuschauen. Wir produzieren für 43 verschiedene Länder, da gibt‘s große Unterschiede. Die Australier mögen‘s leicht, und an der amerikanischen Westküste geht‘s modisch schon wesentlich lockerer zu als an der Ostküste um New York.

Und was lässt sich über die Schwaben sagen?

Bayern und Baden-Württemberger, die trauen sich modisch schon mal was, vor allem der Münchner kauft gern sehr modisch ein. Düsseldorf dagegen ist wahnsinnig konservativ. In Hamburg oder Berlin wird‘s schon wieder lockerer.

Modisch auf der ganzen Welt heimisch zu sein, ist das für Sie eine Art internationales Lebensgefühl?

Ja, schon. Ich bin aber auch schon immer gern gereist. Ich spreche vier Fremdsprachen, und ich bin meinen Eltern dankbar, dass ich all das lernen und erleben durfte. Auch heute komme ich viel im Ausland herum, war schon überall auf Messen, habe ein Jahr in Rom gelebt. Wenn ich das nicht gehabt hätte, wer weiß, dann hätte ich vielleicht meine Heimat Kirchheim nicht in dem Maße schätzen gelernt. In Wahrheit bin ich ein echtes „Landkindl“ und obendrein ein Familienmensch. Ich liebe die Alb und ihre Bodenständigkeit: Am Sonntag mit Mama, Mann und Kindern in Schlattstall Rostbraten und Spätzle mit Soß‘ zu essen, das ist für mich das Größte. Du darfst deine Wurzeln niemals vergessen!

Ist 0039 Italy auch bodenständig?

Ja. Auf jeden Fall haben wir unsere ureigene modische DNA entwickelt. Wir stehen für tipptopp Passform und Qualität, und es gibt einen Wiedererkennungswert, denn wir sind bekannt für farbenfrohe Teile und Detailfreudigkeit, wir spielen mit Kleinigkeiten wie Applikationen, Spitze und vielem mehr.

Mode hat Sie schon früh fasziniert?

Von klein auf! Ich war immer im Modegeschäft meiner Eltern in Kirchheim zugange, ich liebe Mode, und heute lebe ich meinen Traum! Mein Produkt ist für mich wichtig, ebenso meine Arbeit. Ich freue mich heute noch immer jedes Wochenende auf Montag, denn ich liebe den Austausch mit dem Team, mit all den modeinteressierten Frauen, die hier bei uns arbeiten.

Ausschließlich Frauen?

Nein, das Kaufmännische macht mein Mann. Wir sind ein perfektes Team. Er war es auch, der die Idee zum gemeinsamen Projekt hatte – auf einem Italienurlaub. 0039 Italy war sozusagen unser erstes gemeinsames Kind, dann kamen noch zwei Söhne.

Und seither viele, viele neue Kollektionen! Gab‘s auch schon Flops? Oder mussten sie sich modischen No-gos unterwerfen?

Echte modische No-gos gibt‘s kaum (überlegt), naja, dazu zählen die Dreiviertelhosen, die stehen doch weder stattlichen noch kleinen Frauen. Die gibt‘s bei mir auch nicht. Unsere eigene 0039-Italy-Kollektion besteht pro Saison aus etwa 50 Modellen und 180 Kombinationen. Was immer geht, sind unsere lässigen Blusen. Wer sie einmal erprobt hat, gibt sie nicht mehr her. Wir hier im Atelier tragen eigentlich alle 0039 Italy.

Und zu Hause?

Da werden Sie mich nur mit Jeans und Oversized Blusen antreffen, das ist einfach bequem, und man kann mit den Kindern rumbubeln. Mode darf auf keinen Fall spießig sein, und in erster Linie muss man sich darin wohlfühlen.