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Kirchheimer "Zukunftswerkstatt" Aufbruch mit neuen Ideen

Selbstbewusste Macher und pragmatische Idealisten kamen am Freitag im Kirchheimer Bohnauhaus zusammen. Stadträte, Vertreter aus Kirchen, Schulen, sozialen Einrichtungen und Vereinen, aber auch die Jugendlichen selbst konferierten zum Thema "Jugendbeteiligung und Jugendengagement".

DANIELA HAUSSMANN

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KIRCHHEIM Beteiligungen gerade für junge Menschen sind bereits in vielfältigster Form vorhanden. Doch die Lebenswelt und die Lebensläufe von Jugendlichen sind einem rasanten Wandel unterworfen. Methoden und Beteiligungsformen, die vor fünf oder zehn Jahren geeignet waren, können heute durchaus überholt sein. Nachdem der Jugendgemeinderat im Jahr 2003 in Kirchheim wegen mangelnder Wahlbeteiligung nicht wiedergewählt wurde, hat die Verwaltung den Auftrag übernommen, die Meinung von Jugendlichen ernst zu nehmen, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen und ihre Mitsprachemöglichkeiten auszubauen.

"Wenn über die demografische Entwicklung in unserer Gesellschaft gesprochen wird, spielt immer auch Jugend eine Rolle", macht Professor Richard Münchmeier in seinem Einführungsvortrag deutlich. "Charakteristisch ist allerdings, dass dabei kaum über Jugend als solche, über die Veränderungen der Jugendphase, ihrer Lebensbedingungen, ihrer biografischen Verläufe und Zukunftschancen diskutiert wird." Vielmehr sei Jugend in diesen Debatten lediglich ein Faktor in der Wirtschafts-, Renten- und Wohnungspolitik, sie werde quantifiziert bei der Berechnung der Defizite des Arbeitsmarkts oder der Chancen des Güter- und Dienstleistungsmarkts, des Bedarfs an Lehrern und Studienplätzen.

Diese Vernachlässigung von jugendpolitischen Fragen, das Zögern, Jugend selbst zum Thema zu machen, ist nach Ansicht des Experten typisch für den generellen Zuschnitt und die gesellschaftspolitische Position der Jugendpolitik in Deutschland. Sie sei mehr als nur eine Politik, die an der Altersgruppe Jugend ausgerichtet werden müsse. Vor allem stelle sie auch eine Querschnittsaufgabe dar, die verschiedene Generationen miteinander verbindet.

Junge Menschen müssten heute leistungsorientierter denn je sein. Während früher die Jugendzeit als Vorbereitung auf das Berufsleben verstanden wurde und als eine allmähliche Loslösung von den Eltern, die mit der Gründung der eigenen Familie endet, habe sich diese Vorstellung erheblich gewandelt. Nicht mehr der Lebenslauf sei die zentrale Bildungsidee, sondern die Idee hoher Flexibilität, Mobilität und das Aufrechterhalten mehrerer Optionen durch die schulische Ausbildung. Um so wichtiger ist es laut Münchmeier, herauszufinden, mit welchen Dingen sich Heranwachsende beschäftigen. Nur so könnten Veränderungen erkannt und Wandel gestaltet werden. Konferenzen wie diese zum Thema "Jugendbeteiligung und Jugendengagement" seien daher ein wichtiger Weg, in der eigenen Gemeinde zu klären, welche Bedürfnisse und Wünsche seitens junger Menschen bestehen.

Zwar seien die Jugendlichen politisch eher skeptisch, dafür aber um so mehr zum gesellschaftlichen Engagement bereit. Ein Umstand, der auf der Konferenz sehr deutlich wurde. Über die Hälfte der etwa 75 Teilnehmer stellten Jugendliche. Über fünf Stunden tauschten sie sich mit den Erwachsenen über ihre Vorstellungen, was eine aktive Beteiligung ihrer Altersgenossen in Kirchheim angeht, aus. Sie brachten auf den Punkt, was ihrer Meinung nach vor Ort noch fehlt oder besser gemacht werden könnte. Jung und alt waren sich einig, dass ein Jugendrat als entscheidendes Bindeglied zwischen Stadt, Kirchen, Vereinen, sozialen Trägern und Jugend fehlt.

Ein Konzept gibt es schon. Bereits vor Monaten hat sich ein Kreis von Schülern um Marisa Scaffidi und Teresa Oberhauser über die Gestalt einer Jugendvertretung in Kirchheim Gedanken gemacht. Die Konferenz war für die beiden Schülerinnen eine Plattform, um ihre Ergebnisse erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Bereits in wenigen Wochen wollen sie erneut zusammentreten und versuchen, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. "Gemeinsam mit den Erwachsenen", wie die 16-jährige Marisa Scaffidi erklärte. "Nur mit ihrer Hilfe können wir das, was wir ausgearbeitet haben, auch in der Praxis umsetzen."

Auf der Konferenz haben sie Ansprechpartner wie Unterstützer für ihr Vorhaben gefunden. Die Bildung von Arbeitsgruppen zu jenen Themen, die sich in den Gesprächen als wichtig herauskristallisiert haben, förderte den Austausch. Neue Kontakte zu bestehenden Netzwerken entstanden. Für Dr. Ralf Vandamme vom Städtetag ein Schritt in die richtige Richtung. Vieles aus dem Vortrag Professor Münchmeiers fand er in dieser "Zukunftswerkstatt", wie er die Konferenz nannte, wieder. Beeindruckt zeigt Vandamme sich vor allem von den Jugendlichen, die rege am Dialog mit den Erwachsenen interessiert sind.

Weitere Themen wie der Vorschlag eines selbstverwalteten Hauses, in dem Jugendliche sich treffen, feiern oder auch ein Jugendtheater gründen können, wurden eingebracht. Selbstbestimmt, nach eigenen Regeln, mit allen Pflichten und Verantwortlichkeiten wollen sie gleichberechtigt unter der Anleitung von Fachleuten, engagierten Bürgern und mit Hilfe der Verwaltung diese Einrichtung aufbauen, gestalten und am Leben erhalten. Was fehlt ist ein Haus oder Patz, auf dem die Pläne in einem ersten Schritt umgesetzt werden können.

Auf dem Rollschuhplatz soll es Sportgeräte für Streetball oder Streethockey geben. Wünschenswert wären neben einer Musikanlage, besseren Toiletten und Beleuchtung auch mobile Überdachungen oder ein Raum für die Jugendlichen. Eine Halle mit Fitnessgeräten, die sie gegen eine geringe Gebühr nutzen können, hätten viele gern. Ein weiterer Vorschlag, der ebenso wie die Forderung nach Umfragen zu jugendspezifischen Themen der Oberbürgermeisterin vorgelegt werden wird. Anschließend sollen die Ergebnisse der Konferenz an den Gemeinderat weitergeleitet werden.

Wolfgang Schinko, Leiter des Kommunikationszentrums für interkulturelle Zusammenarbeit (KiZ), einer Jugendeinrichtung, die jungen Menschen Hilfestellung bei der Lebens- und Berufsorientierung bietet, gab den Hinweis, auch an die finanziellen Ressourcen zu denken. Um die Zukunft der einzelnen Projekte zu sichern, sei daneben auch eine gezielte Vernetzung der Arbeitskreise untereinander notwendig. Die Fortschritte müssten beobachtet und unterstützt werden, auch seitens der Verwaltung.

Thomas Henzler will den Marktplatz für Jugendliche attraktiver gestalten. "Veranstaltungen wie Open-Air-Kinos oder auch Discoabende müssen mehr auf die Zielgruppe zugeschnitten werden", fordert der Sozialpädagoge. "Ein Jugendgemeinderat könnte dabei helfen, Informationen auszutauschen. Es wäre dann einfacher, Aktionen attraktiver zu gestalten und die Jugendbeteiligung zu erhöhen. Aber auch die Bereitschaft, mehr Verantwortung wie beim Aufräumdienst zu übernehmen."

Die einzelnen Arbeitskreise, die sich auf der Konferenz gebildet haben, signalisierten ihre Bereitschaft, Projekte durchzufechten und anzupacken. Termine für die ersten Treffen stehen teilweise bereits fest. Dort, wo im Vorfeld der Konferenz schon angefangen wurde zu arbeiten, erhält das Engagement durch die neu entstandenen Kontakte neue Ideen. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker signalisierte, dass die Vorschläge von der Verwaltung, den beratenden Fachrunden und dem Gemeinderat ernst genommen werden. Denn das Bewusstsein, dass Beteiligung und Bürgerengagement auch von jungen Menschen das Gemeinwesen voranbringe und dass damit eine besondere Qualität für die Lebensgestaltung verbunden ist, sei bei Gemeinderat und Verwaltung schon lange vorhanden.