Lokales

Kirchheimerin zieht morgen in den "Fernseh-Container" ein

STUTTGART Eine Woche lang mit 15 anderen Jugendlichen in Containern leben und dabei auf Schritt



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ANDREAS VOLZ

und Tritt von Kamerateams beobachtet werden? Das klingt nach Fernsehunterhaltung der banalsten Art, "Niveau" bestenfalls unterhalb der Gürtellinie. Vanessa Haug aus Kirchheim musste daher etwas weiter ausholen, wenn sie im Vorfeld jemandem erklärte, auf welches Abenteuer sie sich in den Sommerferien einlässt: Am morgigen Sonntag zieht sie in die "Stadt der Zukunft" ein, die unter Federführung des Fernsehsenders 3sat auf dem Gelände von "Stuttgart 21" in Sichtweite des Hauptbahnhofs entstehen wird. "Das hat überhaupt nichts mit ,Big Brother' zu tun, es geht wirklich in eine ganz andere Richtung", sagt die Schülerin des Kirchheimer Schlossgymnasiums.



Das "nano-Camp 2004" ist wie seine beiden Vorgänger der vergangenen Jahre fester Bestandteil des 3sat-Zukunftsmagazins "nano", das der Mainzer Sender montags bis freitags von 18.30 bis 19 Uhr ausstrahlt. "Die verknüpfen Naturwissenschaftliches mit Aktuellem und erklären die Hintergründe", beschreibt Vanessa Haug das Fernsehmagazin und stellt ihm zugleich das größte denkbare Lob aus: "Wenn ich das einschalte, komme ich nicht mehr von der Sendung weg." Dass sie allerdings einmal direkt in die Sendung reinkommen würde, als Teilnehmerin des sommerlichen Camps, hätte sie bis vor kurzem selbst nicht gedacht. Erst Ende Juni war das klar, als sie den Bescheid bekam, eine von 16 ausgewählten Jugendlichen aus ganz Deutschland sowie aus Österreich und der Schweiz zu sein, die das "nano-Camp 2004" bevölkern dürfen. Rund 250 junge Menschen hatten sich ursprünglich um einen Platz in den Stuttgarter Containern beworben.



Auf der Homepage der Uni Stuttgart habe sie im Internet nach dem Tag der offenen Tür geschaut und sei dabei zufällig auf den link gestoßen, der zum "nano-Camp" führte. "Das interessiert mich, da bewerbe ich mich", war Vanessas erster Gedanke, der nicht lange auf die Tat warten ließ. Aus dem Tag der offenen Tür wurde es dann zwar nichts, weil die musikalische Schülerin an jenem Wochenende ihre Abschlussprüfungen für die Ausbildung zum Chormentor abzulegen hatte. Aber dafür bekommt sie jetzt einen viel intensiveren Kontakt zur Universität der Landeshauptstadt: Professor Balthasar Novak vom Uni-Institut für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren leitet die 16- bis 18-Jährigen an, ihre Container zur "Stadt der Zukunft" auszubauen.



Schon zum Beginn am Sonntagnachmittag ist keinesfalls an ein schlichtes "Einziehen" gedacht. Im Gegenteil: Die acht Teilnehmerinnen und ebenso viele Teilnehmer müssen ihre Container erst einmal anordnen und aufbauen, bevor es richtig losgehen kann. Wie es sich für ein wissenschaftliches Zukunftsmagazin gehört, sieht das Konzept des "nano-Camps" vor, dass die Jugendlichen lernen, "die ökonomischen und ökologischen Herausforderungen heutiger Ingenieure nachzuvollziehen". So beschäftigen sie sich im Lauf ihrer Camp-Woche bis Freitag, 20. August, mit verschiedenen Themen wie bauphysikalischen Untersuchungen an einem "Null-Emissions-Container", dem Bau einer Brücke und von Hochwasser-Staudämmen, der Erforschung der Stuttgarter Kanalwelt oder der Optimierung der Verkehrsströme.



Vanessa Haug freut sich besonders darauf, viele Dinge anzupacken und einfach auszuprobieren: "Ich möchte meine eigenen Hände gebrauchen und nicht einfach zuhören, wenn da jemand vorne steht und mir was erzählt." Richtig lernen könne man ohnehin nur über das Tun. Und momentan befindet sich Vanessa Haug in einem sehr schwierigen Lern- und Entscheidungsprozess: Sie möchte herausfinden, wie es mit ihrer eigenen Zukunft weitergehen soll, wenn sie in zwei Jahren mit der Schule fertig ist. "Ein wichtiger Grund, warum ich mich fürs ,nano-Camp' beworben habe, war der, dass ich noch nicht weiß, was ich studieren will."



Immerhin weiß Vanessa Haug, die vor einer Woche ihren 18. Geburtstag gefeiert hat, was sie nicht studieren will: Jura ist ihr zu theoretisch, und bei Musik oder Kunst fehlen ihr die Berufsaussichten, obwohl beides zu ihren wichtigsten Hobbys zählt. "Es geht wohl in eine naturwissenschaftliche Richtung", vermutet die Schülerin, die sich dann aber immer noch zwischen Medizin, Physik, Chemie oder Biochemie entscheiden muss. Ihr BOGY-Praktikum hat sie im Kirchheimer Krankenhaus absolviert, und auch in die Labore eines Pharmakonzerns hat sie schon einmal "reingeschnuppert". Das "nano-Camp" ist so gesehen nur eine Fortsetzung des Praktikums mit anderen Mitteln. So freut sie sich unter anderem schon darauf, in der kommenden Woche am Computer eine Wohnung entwerfen und anschließend virtuell darin spazieren gehen zu können. Überhaupt möchte Vanessa, die von den großartigen "Mitteln zum Ausprobieren" schwärmt, möglichst viel machen im "nano-Camp" und "total viel erfahren".



Was ihre Mitcamper betrifft, so kennt sie diese bislang nur aus den Informationen, die im Internet zu finden sind, und über das spezielle Kennenlernforum, das "nano" ebenfalls virtuell anbietet. Für Vanessa Haug scheint aber jeder einzelne dasselbe Interesse am Thema zu haben. Außerdem hat die Kirchheimerin bei allen 15 "Kollegen" Berührungspunkte gefunden. "Spitzenkandidaten gibt es aber keine, ich fand alle interessant." Die Leute vom ersten "nano-Camp" in Bremen haben immer noch Kontakt miteinander. Das zumindest hat die 18-Jährige erfahren, und so ähnlich stellt sie sich das auch bei ihrem eigenen Abenteuer vor, das morgen beginnt. Eines aber ist ihr von vornherein klar: "Um Party zu machen, muss ich nicht ins ,nano-Camp'." Schließlich handelt es sich in den Stuttgarter Fernsehcontainern nicht um "Big Brother".



Weitere Informationen zum "nano-Camp 2004" sind im Internet unter www.3sat.de/nano oder unter www.uni-stuttgart.de/aktuelles/presse/2004/51.html erhältlich. Fernseh-Berichte aus dem Camp in Stuttgart sind im "nano"-Magazin auf 3sat von Montag bis Freitag jeweils zwischen 18.30 und 19 Uhr zu sehen.