Lokales

Kirchheims Schicksal hing an einem "seidenen Faden"

Am 20. April 1945 als, noch den Endsieg beschwörend, Durchhalteparolen und Reden zu Hitlers Geburtstag im Teckboten zu lesen und aus den Radios zu hören waren ging in Kirchheim der Zweite Weltkrieg zu Ende. Zwischen 16 und 17 Uhr standen amerikanische Panzer in der Stadt. Von Stund an begann für die Kirchheimer die Besatzungszeit.

ROSEMARIE REICHELT

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KIRCHHEIM Am Vormittag kündeten Tiefflieger, Dröhnen von Artilleriegeschützen und wiederholte Detonationen der Sprengungen eines Munitionslagers im Schlierbacher Wald durch die Amerikaner den Kirchheimern an, dass der Feind nicht mehr weit sein konnte. Am Nachmittag schließlich rückten die Amerikaner aus nördlicher und nordöstlicher Richtung über die Plochinger Steige, die Schlierbacher und die Jesinger Straße in Kirchheim ein. Hinter sich gelassen hatten sie den nordöstlichen Teil Württembergs, den sie in den Tagen und Wochen zuvor eingenommen hatten.

Zur selben Zeit sollen die Franzosen, die vom Schwarzwald über Tübingen den Neckar abwärts herankamen, bis zum Freitagshof vorgestoßen sein. Sie zogen sich aber wieder über den Neckar zurück. Zunächst bildete im damaligen Kreis Nürtingen der Neckar die Westgrenze zwischen dem amerikanischen und französischen Besatzungsgebiet. Erst im Juli 1945, als nach zähen Verhandlungen die endgültige Grenzlinie zwischen der französischen und der amerikanischen Zone festgelegt war, stand der gesamte Kreis Nürtingen unter amerikanischer Besatzung.

Die Tage vor dem Einmarsch Kirchheim erwartete das Kriegsende schon ab den ersten Apriltagen. Zunächst wurden Vorbereitungen für eine eventuelle Evakuierung oder Flucht getroffen. Doch Mitte April stand fest, die Stadt sollte nicht evakuiert werden. Im Gegenteil, es wurden noch weitere Bombenflüchtlinge insbesondere aus Stuttgart aufgenommen. Zu demselben Zeitpunkt, als diese aus den in Schutt und Asche liegenden schwäbischen Städten nach Kirchheim hereindrängten, und die Amerikaner bereits in Heilbronn standen, rief am 12. April Gauleiter Murr in den Zeitungen die schwäbische Bevölkerung zum "verbissensten Widerstand" und dem Einsatz für den Endsieg auf. Es glaubten nicht mehr viele daran.

Ganz kurz vor dem Ende, am 19. April, wurde den Kirchheimern Leid und Schrecken dieses Krieges nochmals hautnah vor Augen geführt. Zum einen war es der trostlose Anblick der letzten deutschen Truppen, die einem anonymen Augenzeugenbericht aus jener Zeit zufolge den Feind im Rücken, "müde, mit Autos und Pferdegespannen, teilnahmslos, hungrig und erschöpft durch unsere Stadt gegen die Alb zogen, nicht wissend, wohin sie sich zurückziehen sollen oder ob es noch ein Halt gibt".

Zum anderen erlebte die Stadt einen Tieffliegerangriff, der noch mehrere Menschen das Leben kostete. Die sieben Waisenkinder der Paulinenpflege, eine Schülerin und ein Sohn der Familie Thaler der andere Sohn wurde schwer verwundet sind auf dem Alten Friedhof begraben. In den Wochen davor starben am 12. Februar unter den Trümmern des Gasthofs "Lamm" drei Menschen und am 5. April zwei Frauen durch Einschüsse im Fickerstift.

"Am seidenen Faden"Im Vergleich zu manchen Nachbargemeinden und zu den Großstädten des Reiches hatte Kirchheim jedoch großes Glück gehabt. Mit Ausnahme des Gasthofs "Lamm" blieb die Stadt unzerstört. Ihr Schicksal allerdings war an einem "seidenen Faden gehangen" wie Stadtpfarrer Christian Berg in seiner Predigt am 29. April 1945 den Kirchheimern mitteilte: "Wäre noch ein zweiter der eindringenden amerikanischen Panzer bewegungsunfähig geschossen, so wäre der Befehl den 300 startbereiten Bombern gegeben worden, und Kirchheim wäre ein Trümmerhaufen gewesen".

Dies erfuhr Berg, als er kurz nach dem Einmarsch im Talar einem Kirchheimer Hilfspolizisten beistand, als dieser von drei Amerikanern auf dem Kirchplatz gefangengenommen zu werden drohte. Nachdem der Pfarrer die Amerikaner mit Erfolg davon überzeugen konnte, dass es sich bei dem Deutschen nicht um einen Mann des Volkssturms handelte, bat er den deutschsprechenden Offizier ins Pfarrhaus. Dieser nahm die Einladung trotz des Fraternisierungsverbots an und führte mit dem Stadtpfarrer ein zwanzigminütiges Gespräch.

Auf diese Art und Weise war es zum ersten Kontakt zwischen ihm und den Amerikanern gekommen. Die Geschichte, Berg sei im Talar mit weißer Fahne den Amerikanern entgegengeeilt, ist eine Legende. Richtig dagegen ist, dass der Stadtpfarrer nach dieser Begegnung in den ersten Tagen der Besatzung einer der wichtigsten Vermittler wenn nicht der wichtigste Mittelsmann zwischen den Amerikanern und den Interessen der Kirchheimer war. In seinen Lebenserinnerungen schreibt Berg zu dem Moment der höchsten Gefahr für Kirchheim: "Kirchheim war offenbar wichtig, weil mit seiner Einnahme ein Ring um Stuttgart geschlossen wurde. Wir ahnten nicht, in welcher Gefahr wir geschwebt hatten, die ein übereifriger deutscher Soldat über uns hätte losbrechen lassen können."

"Der erste, den es trifft"Den "übereifrigen Soldaten" hatte es tatsächlich am 20. April kurze Zeit auf der Ortskommandantur gegeben. Doch glücklicherweise war dort mit Hauptmann Mühleck ein besonnener Mann stationiert. Schon zuvor, als es um die Frage ging, das Postgebäude und das gegenüberliegende Haus zu sprengen, um ein besseres Schussfeld zur Verteidigung zu schaffen, ließ er sich von Postamtmann August Friedrich Ulrich überzeugen, dass dies nicht zweckmäßig sei, sondern eher eine Beschießung der Stadt provoziere, wenn die feindlichen Aufklärungsflugzeuge die Sprengung bemerkten.

Auch Karl Drexler (1911 1999) aus Jesingen, der Mühleck seit dem 10. April in der Ortskommandantur zur Hand ging, berichtete 1996, dass der Hauptmann ihm zu verstehen gegeben hatte, die Lage sei "hoffnungslos". Er hatte deshalb auch Drexler nach Beendigung seines Heimaturlaubs wegen seiner Verwundung nicht mehr als Soldat zu seiner Einheit nach Berlin geschickt, sondern ihn als Gehilfen in der Ortskommandantur eingesetzt.

Dort erlebte Drexler am Vormittag des 20. April 1945 folgendes: "Zwei junge Leutnants" seien in die Ortskommandantur gekommen und hätten "ganz groß gesagt, die Stadt müsse verteidigt werden". Der Hauptmann erwiderte: "Ja, mit was? Ich habe keine Waffen und keine Soldaten. Nichts. So wie wir dasitzen, das ist alles. Wir müssen schauen, wie weit der Feind noch entfernt ist." Es stellte sich heraus, dass die Telefonleitung nach Schlierbach schon tot war.Daraufhin wurde am frühen Nachmittag der ortskundige Drexler zusammen mit dem einen der verteidigungswütigen Leutnants auf Fahrrädern losgeschickt, um auszukundschaften, wo sich die Amerikaner befanden.

Als Drexler am Ortsende in Richtung Schlierbach umdrehen wollte, weil bereits ein Jagdbomber der Amerikaner über ihnen kreiste, zog der Leutnant die Pistole und zwang ihn zum Weiterfahren. Den Leutnant kostete dies das Leben. Drexler wurde nach einer atemberaubenden Flucht verwundet, von den Amerikanern festgenommen und verhört. Nachdem er beteuert hatte, in der Stadt befände sich kein Militär mehr, nur "Flüchtlinge, Frauen, Kinder und alte Leute", machten ihm die Amerikaner klar: "Es ist jetzt fünf Minuten vor Schluss oder fast weniger, und wir wollen nicht noch einen Mann verlieren. Sollten wir nur einen Mann verlieren, wenn wir in die Stadt hineinfahren, dann werden Sie hier auf diesem großen Platz (Rossmarkt) erschossen vor der versammelten Stadt."

Im Anschluss daran wurde Karl Drexler als Geisel auf den ersten Panzer gesetzt und erlebte folgendes: "Sie sind dann mit mir stadteinwärts gefahren. Gerade vis-a-vis vom Raichle-Haus (Schlierbacher Straße 58) haben sie wieder gehalten. Dort bin ich behelfsmäßig verbunden worden. Dann bin ich wieder auf den Panzer gesetzt worden, und wir sind ganz vorsichtig weitergefahren. Alle zehn Meter haben wir immer wieder gehalten. Der Fahrer hat mich immer dirigiert, wie ich sitzen muss, damit er auch gerade von seinem Sehschlitz hinaussehen konnte, an mir vorbei. Meine größte Angst war, wenn jetzt einer auf den Panzer schießt, dann bin ich der erste, den es trifft." Auf dem Panzer fuhr Drexler in die Stadt hinein bis zur Sankt-Ulrich-Kirche. Danach wurde er von den Amerikanern in ein Lazarett abtransportiert und geriet schließlich für drei Jahre in französische Gefangenschaft.

Bevor die Amerikaner die Ortskommandantur im Pflug (Marktstraße 48) eingenommen hatten, kam es dann doch noch in der Dreikönigstraße zu einem Schuss aus einer deutschen Panzerfaust und um Wachthaus und Schloss zu Schießereien. Karl Hoyler, Mitglied der Kirchheimer Freiwilligen Feuerwehr und des ehemaligen "Kriegseinsatztrupps" in Stuttgarter Bombennächten, der sich wie bei jedem Alarm zunächst in einem Keller in Dienstbereitschaft hielt, wagte sich auf die Straße, um Hilfe zu leisten. Die Amerikaner aber, die in ihrer Angst vor "Heckenschützen" auf jeden Uniformierten schossen, verkannten seine Uniform und fügten ihm so schwere Schusswunden zu, dass er kurz danach im Krankenhaus verstarb.

Dasselbe Schicksal ereilte auch einen Fremdarbeiter in französischer Uniform, der den Befreiern freudig entgegenlief. Insgesamt waren, dem oben genannten anonymen Augenzeugenbericht zufolge, allein am 19. und 20. April in der Stadt 54 Todesopfer zu beklagen. "Zehn Kinder, drei erwachsene Zivilisten, 18 Soldaten, ein Franzose und ein Pole haben ihre letzte Ruhestätte auf unserem Friedhof gefunden". Angehörige oder Bekannte mussten beim Schaufeln der Gräber mithelfen.

Nachdem die Amerikaner den Stab des Volkssturms im Amtsgericht inhaftiert hatten, sollen dem offiziellen Bericht der Stadt zufolge US-Panzer mit einigen Kirchheimern, die auf den Aufbauten saßen, durch die Straßen gefahren sein, um "die Übergabe der Stadt bekannt zu machen und vor Auflehnung zu warnen. Die Gefangenen, die der Feind hier machte, wurden für die Nacht im Kornhaus untergebracht und am anderen Tag auf LKWs abtransportiert."

Für ein paar Stunden schaffte der Moment des Umbruchs einen Freiraum für Rechtlosigkeit in der Stadt. So plünderten nicht etwa nur die von den Nazis seit 1941 zwangsverpflichteten Fremdarbeiter vorwiegend Franzosen, Russen und Polen in der Stadt, sondern es bediente sich zunächst auch ein Teil der Kirchheimer Bürger an fremden Gütern. Der Augenzeuge berichtet: "Als die Ängstlichen sich aus ihren Häusern heraus auf die Straße getrauen, sehen sie zunächst noch nichts von den Amerikanern, sondern Kirchheimer Bekannte, die auf dem Rücken und auf Wägelein Säcke voll Lebensmittel heimschleppen, die sie noch während der Schießerei aus den hiesigen Lebensmittelgeschäften geholt hatten. Zu spät hatten die Geschäftsleute ihre Waren an die Kundschaft ausgegeben. Nun hatten einige alles und andere nichts. Im Lager der hiesigen SS waren große Mengen von Konserven, Schnaps und Wein aufgestapelt und hier waren Leute so eifrig am Plündern, dass sie erst abließen, als die Amerikaner auf den Treppen des Kornhauses auftauchten, alle hinausschmissen und nun ihrerseits an den Alkohol gerieten."

Während sich die Deutschen den Alkohol hauptsächlich für spätere Tauschgeschäfte beschafften, freuten sich die amerikanischen Soldaten, nach Einnahme der Stadt nun ausreichend für den Abend und die Nacht versorgt zu sein. Das bekamen laut Augenzeugenbericht so manche Kirchheimer zu spüren: "Die Sieger waren im allgemeinen in den Häusern nicht so schlimm, wie man gefürchtet hatte, aber sie erbrachen die Schränke, durchwühlten alles, die meisten standen unter der Wirkung des erbeuteten Alkohols. Auch viele Frauen wurden die Beute der Sieger, manche fielen ihnen auch willig zu." Im Gegensatz dazu gibt es auch Berichte, die das korrekte Verhalten der Amerikaner hervorheben.

Tag der BefreiungSo unterschiedlich, wie die Erlebnisse mit den Besatzern, so unterschiedlich waren auch die Empfindungen über das Kriegsende in jenen Tagen. In Kenntnis der unzähligen Quellen in Wort, Bild und Ton, die die Verblendung, die Unmenschlichkeit und die Gräueltaten des Hitlerregimes dokumentieren, ist heute zweifellos das Ende der zwölfjährigen Nazi-Herrschaft als Befreiung von einem unmenschlichen Unrechtssystem anzusehen. So empfand dies im April 1945 aber nur eine kleine Minderheit. Die Mehrheit auch in der Kirchheimer Bevölkerung vielmehr fühlte sich zunächst höchstens erleichtert.

Dies spiegelt sich fast in allen Augen- und Zeitzeugenberichten wieder: "20. April ... Das Schießen wird immer toller und da man noch denkt: jetzt trifft es unser Haus, da hört man: amerikanische Panzer sind in die Stadt eingefahren. Der erste Gedanke ist fast eine Erleichterung, denn nun wissen wir, dass es keinen Kampf um die Stadt und die Straßen gibt."

Den Einmarsch der Amerikaner empfanden natürlich die ausländischen Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen als Befreiung. Dazu schildert der damalige Ötlinger Pfarrer Majer über den Spätnachmittag des 20. April auf der Stuttgarter Straße folgendes: "Die in den sechs Panzern verbliebenen Soldaten rauchten Zigaretten und nahmen mit Wohlwollen die aus dem Lagerzaun der Fa. Wiest gleich einer Woge herausquellenden Fremdarbeiter slawischer Zunge an den Hals und an das Herz und beschenkten sie mit dem, was sie gerade da hatten, Zigaretten und Süßigkeiten. Englische Worte und slawischer Redestrom der vielen schreienden Mädchen und Frauen (auch etliche Männer waren dabei) ergaben ein eindrucksvolles Tongemälde." Befreit fühlten sich sicher auch die wenigen Familienangehörigender Familie Reinhardt, die als Zigeuner verfolgt wurden und noch in Kirchheim überlebt hatten. Die wenigen überlebenden Juden aus Kirchheim erfuhren vom Kriegsende im Ausland. Das letzte Mitglied der ehemals sieben jüdischen Familien hatte 1941 die Stadt verlassen. Befreit fühlten sich schließlich auch die Gegner des NS-Regimes, vor allem diejenigen, die verfolgt und inhaftiert waren. Dazu gehörten auch in Kirchheim Leute aus bürgerlichen und religiösen Kreisen, aus der Arbeiterschaft, Gewerkschafter und Kommunisten.

(Fortsetzung auf Seite 19)