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Kleine Vereine schauen in die Röhre

Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat die aufgekommene Diskussion um den Ausbildungskostenersatz im Keim erstickt und klare Verhältnisse geschaffen. Mit einer knappen Mehrheit von vier Stimmen beschloss der DLV-Verbandsrat die Abschaffung der Ablösesumme. Jenes Betrages also, der beim Wechsel eines Athleten oder einer Athletin zu einem anderen Verein bisher fällig geworden war.

WOLFGANG FRITZ

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DARMSTADT/NÜRTINGEN "Die Großen werden bevorzugt, die Kleinen benachteiligt", kommentiert Gerhard Klinger, Abteilungsleiter der TG Nürtingen, lakonisch diese Entscheidung und bringt damit in kurzen Worten auf den Punkt, was unterm Strich übrig bleibt für die abgebenden Vereine: nämlich nichts. Es ist noch nicht lange her, dass sich Klinger der Auseinandersetzung mit Salamander Kornwestheims Präsident Dr. Hans-Peter Sturm stellen musste. Letztendlich hat er für seine Top-Athletin Stephanie Lichtl noch die Hälfte der geforderten Summe erhalten und daraufhin die Hürdensprinterin freigegeben.

Dieser Vorgang stand stellvertretend für die gängige Praxis. Mal wurde gezahlt, mal nicht, obwohl der DLV in seinen Satzungen die Berechnungsgrundlage klar festgelegt hat. Wer nicht zahlen wollte, stützte sich auf diverse Gerichtsurteile im Wissen darum, kleine Vereine auf diesem Wege ganz sicher ausbremsen zu können.

Eben diese Diskrepanz zwischen Verbandsstatuten und ergangenen Gerichtsurteilen kontra Ausbildungskostenersatz drohte ein ständiger Zankapfel zu werden, dessen Opfer schließlich nur die Betroffenen, die Athleten nämlich, sein konnten. So gesehen hat der Deutsche Leichtathletik-Verband der Rechtsunsicherheit ein Ende bereitet. Mit der knappen Mehrheit von lediglich vier Stimmen sprach sich der Verbandsrat, bestehend aus Präsidium und den Präsidenten der Landesverbände oder deren Stellvertreter, gegen den Ausbildungskostenersatz aus, hat ihn quasi ersatzlos gestrichen. Für die Beibehaltung votierten die Vertreter aus Bayern, Württemberg und Baden.

Hans Krieg aus Beuren, Vizepräsident und Sportwart des Württembergischen Leichtathletik-Verbandes (WLV), betrachtet die ganze Geschichte allerdings differenziert: "Die kleinen Vereine haben zwar geschimpft, wenn die großen gekommen sind und die Athleten weggenommen haben, aber das Geld haben sie dann schon genommen." Da wird der Konflikt deutlich: Einerseits mag man den Ärger kleiner Vereine verstehen, einen Athleten zu verlieren, in den man jahrelang investiert hat. Andererseits benötigen eben jene Kleinen, denen kein Sponsor unter die Arme greift, jeden Cent, um mit ihren Talenten Sportfeste oder Meisterschaften besuchen zu können.

Künftig schauen sie in die Röhre. Jürgen Scholz, WLV-Präsident und Bürgermeister von Sersheim, hat im DLV-Verbandsrat für die Beibehaltung des Ausbildungskostenersatzes gestimmt. Und er sagt auch, warum: "Mit der Abschaffung wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Das macht die Talentförderung nicht mehr attraktiv. Ich bin nicht sehr glücklich über diese Entscheidung, in einer Demokratie muss man sie aber akzeptieren." Die Gerichtsentscheidungen landauf, landab (Scholz: "Sie wissen ja, zwei Juristen, drei Meinungen") waren für die Antragsteller wohl ausschlaggebend. "Man wollte sich nicht dem Gerichtsrisiko aussetzen", vermutet Scholz, der, wäre es nach ihm gegangen, eine salomonische Entscheidung getroffen hätte. Dahingehend nämlich, dass es auf eine freiwillige Selbstverpflichtung hinausläuft.

Auf die neue Situation müssen und werden sich die Vereine einstellen. Gerhard Klinger, noch unlängst selbst Betroffener in Sachen Ablöse-Hickhack, scheint sich bereits arrangiert zu haben: "Ich sehe das Problem nicht, dass kleinere Vereine nichts mehr machen, das läuft weiter wie bisher. Natürlich schade, dass es keine Entschädigung mehr gibt, aber das ist kein Drama." Und beruhigt: "Auch wir bei der TG Nürtingen machen natürlich weiter. Die Talente werden in zwei bis drei Jahren weggehen. Wir wollen versuchen, sie so lange wie möglich an uns zu binden."