Lokales

Kleinod im Himmelreich sorgt für Zwistigkeit

Nachdem Sturm Lothar einen Fichtenwald gefällt hat, entstehen auf dieser Fläche nun zwei Tümpel, die dafür sorgen sollen, dass sich die wertvollen Feuchtwiesen, die es im Himmelreich schon gibt, weiter ausbreiten.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN Wer war zuerst da? Die Henne oder das Ei? So ähnlich stellt sich die Situation im schönen Himmelreich dar, einem Gewann auf Wellinger Markung, und sorgt damit für Zwistigkeit zwischen Gemeinderat und Unterer Naturschutzbehörde. Streitpunkt sind die Feuchtwiesen, die Dr. Roland Bauer, ökologischer Berater beim Landratsamt Esslingen, als Kleinod bezeichnet. Schon vor rund vier Jahren hat er es abgelehnt, sie als Ausgleichsmaßnahmen für das Baugebiet Letten anzuerkennen. Seine Begründung: Die Feuchtwiesen gab es schon ohne das Engagement der Gemeinde Notzingen, weshalb das Gebiet nicht durch zusätzliche Maßnahmen aufgewertet wurde.

Dem halten der Gemeinderat und Bürgermeister Flogaus entgegen, dass dieses Feuchtgebiet erst dadurch entstanden ist, weil die Gemeinde dort Grundstücke gepachtet und später auch gekauft hat, um die Flächen stillzulegen. Der damalige Vorgesetzte von Roland Bauer sei bei einem Vor-Ort-Termin von dieser Idee begeistert gewesen und hätte zudem geraten, mehr Wiesen zu pachten oder zu kaufen und das Wasser vom Hang in Tümpeln aufzufangen. Erst daraufhin sei dieses Gebiet Mitte der 90er-Jahre als Naturdenkmal ausgewiesen worden, so Jochen Flogaus.

Unbelastet von dieser Geschichte hat nun Revierförster Daniel Rittler vorgeschlagen, auf einer ehemaligen Waldfläche zwei Tümpel anzulegen. Sturm Lothar hatte dort fast alle Fichten zu Fall gebracht und die Erbengemeinschaft wollte nicht in eine Aufforstung investieren. Die Gemeinde Notzingen kaufte dieses Grundstück, auf dem nun in den vergangenen zwei Tagen ein großer und ein kleiner Tümpel ausgebuddelt wurden. Während der obere wie vom Forst geplant angelegt werden konnte, fiel der untere weit kleiner aus, als ursprünglich von Daniel Rittler gedacht. Zudem wollte die Gemeinde Notzingen auf einer Wiese Richtung Pumphäusle einen dritten Tümpel anlegen, um noch mehr Flächen als Feuchtgebiet zu bekommen. Dieser wurde jedoch von der Unteren Naturschutzbehörde rundweg abgelehnt. "Dort gibt es schon eine hochwertige Feuchtwiese mit Hochstauden wie Seggen. Wenn in diesem besonderes geschützten Gebiet mit dem Bagger gearbeitet wird, würde man das Biotop kaputtmachen", so Roland Bauer. Nur auf den ersten Blick würde sich die gemähte Wiese von der stillgelegten Fläche unterscheiden, denn die Seggen oder Sumpfdotterblumen dürften landwirtschaftlich genutzt werden.

Gegen diese rechtsmittelfähige Entscheidung hat der Notzinger Gemeinderat während seiner jüngsten Sitzung einstimmig Einspruch erhoben. Der Landschaftplaner Professor Küpfer soll ebenfalls eingeschaltet werden. "Das Kleinod, wie es nun von Seiten des Naturschutzes bezeichnet wird, ist nur deshalb entstanden, weil wir das in die Hand genommen haben. Seitdem steht dort das ganze Jahr über Wasser auf den Wiesen", erklärte Erhard Reichle, der regelmäßig im Himmelreich unterwegs ist und die Quellen samt ihrer Schüttung übers Jahr beobachtet. Er ist davon überzeugt, dass mit einem dritten Tümpel ein weiteres, beziehungsweise größeres Kleinod entstehen würde. Außerdem wurden große Zweifel im Ratsrund laut, ob die beiden neuen Tümpel überhaupt vollaufen, da sie nur aus Regen- und Hangwasser gespeist werden.

Daniel Rittler ist allen Querelen zum Trotz voller Elan bei der Arbeit, um das Feuchtgebiet zu vergrößern. Für die Gemeinde hat er quasi die Bauaufsicht übernommen. Unterschiedliche Tiefen zeichnen den großen Tümpel aus, ein kleines Inselchen den kleinen. Zudem wurden einige Drainageröhren entfernt, was aufseiten des Naturschutzes auf große Zustimmung stieß. Das ganze Gebiet wird sich selbst überlassen, lediglich am Rand werden Sträucher gepflanzt, damit zu den Wiesen hin ein Heckensaum entsteht. Auf der Nord- und Ostseite werden zudem ein paar Bäume gesetzt, was sich im Laufe der Zeit zu einem stufigen Waldaufbau zum Privatwald entwickeln soll.