Lokales

Klimaschutz erreicht Stammtische

Stadt Kirchheim beschließt Klimaschutzkonzept mit umfangreichem Aktionsplan

Kirchheim allein kann die Welt nicht retten. Das ist Stadträten und Verwaltung klar. Dennoch sehen sich alle in der Pflicht, ihr Scherflein im Kampf gegen den Klimawandel beizutragen: Einstimmig wurde in der Gemeinderatssitzung das „Klimaschutzkonzept 2030“ als Handlungsrahmen verabschiedet.

Stau - Jesingerstrasse beim StadionVerkehrsaufkommen - Autos - Autoschlange
Stau - Jesingerstrasse beim StadionVerkehrsaufkommen - Autos - Autoschlange

Irene Strifler

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Kirchheim. Die Stadt habe die Verpflichtung, nachhaltig zu denken in punkto CO2-Ausstoß, aber auch im Hinblick auf die Finanzen, gab Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker zu bedenken und bezeichnete die bisherige Arbeit in Sachen Klimaschutzkonzept als großen Erfolg. Geschockt habe sie die Zahl, dass die Kommune jährlich 400 000 Tonnen CO2 produziere, verteilt auf die Faktoren Verkehr, Strom und Wärme. Da die Stadt nur zwei Prozent der Gebäude besitzt, ist ihr Einfluss gering. Dennoch will sie hier Klimaschutz verwirklichen, um ihrer Vorreiterrolle gerecht zu werden. Vorteil sei, dass das Konzept je nach Haushaltslage verwirklicht werden könne und auch Vorschläge enthalte, die nichts kosten, aber pfiffig seien. Damit spielte Matt-Heidecker auf den „Bus mit Füßen“ an, bei dem Kinder gemeinsam in die Schule gehen.

„Wir haben nicht nur Verpflichtungen als wohlhabendes Land, sondern auch Chancen“, bewertete Bürgermeister Günter Riemer das Thema Klimaschutz als sehr vorteilhaft unter dem Blickwinkel der Wertschöpfung. „Das muss unser Kirchheimer Thema werden“, ließ er keinen Zweifel an der Dringlichkeit des Vorhabens.

Wie das gehen soll, führte Willi Steincke von der Firma KlimaKom aus, die gemeinsam mit Green City Energy sowie über 30 lokalen beziehungsweise regionalen Experten und Akteuren das Konzept erarbeitet hat. Nachdem der Gemeinderat im Oktober 2011 das Konzept beschlossen hatte, ermittelte die Firmen zunächst eine umfangreiche Datensammlung. Anschließend schätzten sie das Potenzial an Einsparungen und Effizienzsteigerungen und entwickelten ein Szenario bis 2030. Quintessenz ist ein darauf basierender Maßnahmenplan, der jetzt in Form des Aktionsplanes 2013 bis 2016 vorliegt.

Auf der Zeitachse bis 2030 hält Fachmann Steincke eine Verringerung des CO2-Ausstoßes um 37 Prozent für realistisch. Dafür sei eine Art Dreisprung der geeignete Hebel: Am wichtigsten ist die Energieeinsparung durch Dämmung oder technische Optimierung. Große Bedeutung hat auch die Energieeffizienz, wozu die Unternehmen mit ins Boot geholt werden müssten, ebenso wie die Privathaushalte. Zuletzt sei die Förderung erneuerbarer Energien von Bedeutung. All diesen Aspekten sucht nun die Sammlung von 43 Projekten gerecht zu werden, die den Aktionsplan bilden. Sie wurden jeweils mit Kosten hinterlegt. Alles in allem scheinen Ausgaben in Höhe von 600 000 Euro für die kommenden drei Jahre realistisch.

„Uns war schon 2011 klar, dass eine Stadt wie Kirchheim aktiv den Klimaschutz voranbringen muss“, eröffnete die Grünen-Fraktionsvorsitzende Sabine Bur am Orde-Käß den Reigen der gemeinderätlichen Wortmeldungen. Über das ambitionierte, aber auch realistische Projekt zeigte sie sich hoch erfreut. „Wir brauchen ein Klimaschutzmanagement“, nannte sie das vordringliche Ziel. Schließlich gelte es, das Potenzial engagierter Bürger zu nutzen. Öffentlichkeitsarbeit und Bewusstseinsbildung seien zentrale Maßnahmen.

„Maßnahmen zur Verringerung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe sind wichtig“, meinte Klaus Buck von der CDU, der sich ebenfalls beeindruckt von der vorliegenden Ideensammlung zeigte. Die CDU halte besonders diejenigen Maßnahmen für gut, die geeignet sind, die finanzielle Belastung der Bürger und der Stadt zu senken. „Zum Klimaschutz gehört auch Verhaltensänderung“, merkte Buck an, dass auch Aspekte wie der Einsatz für den Erhalt von Wäldern wichtig seien und setzte auf die Vorbildfunktion der Stadt.

Das Engagement der Bürger bezeichnete Birgit Müller von der Frauenliste als Grundlage für das weitere Vorgehen in Sachen Klimaschutz. Um dies zu fördern, bedürfe es einer kommunikationsstarken Persönlichkeit. Die nötigen Ausgaben seien nun mal unumgänglich. Als Beitrag zur Wahrung der Schöpfung und zur Generationengerechtigkeit wertete Hans Kiefer von der CIK das Klimaschutzkonzept. So sei er schon zufrieden, wenn letztlich eine schwarze Null rauskomme. Ein Klimaschutzmanager stelle für ihn das A und O des Vorhabens dar.

Zum Klimaschutzkonzept an sich bekannte sich auch Albert Kahle von der FDP/KiBü. Er bewertete allerdings die Kosten für den Aktionsplan kritisch: „600 000 Euro stehen nicht in Relation zum Erfolg.“ Kahle listete auf, dass die Stadt schon über eine ganze Menge Aktivitäten verfüge. So kümmerten sich die Unternehmen engagiert um Klimaschutz, es gebe intelligente Energiesteuerungen, Unternehmervereinigungen könnten gezielt angesprochen werden: „Vieles steht längst auf der Agenda!“ Trotz positiver Grundeinschätzung wollte auch Andreas Banzhaf von den Freien Wählern den kritischen Blick beibehalten. Die Stadt nehme zwar eine Vorreiterrolle ein, viele Bürger seien jedoch noch nicht so weit: „Ziel muss sein, dass an den Stammtischen nicht mehr über die Leistung des Autos diskutiert wird, sondern über den geringen Energieverbrauch des eigenen Häusles.“

„Mal kurz die Welt retten ist nicht der Grundgedanke dieses Klimaschutzkonzeptes, dennoch ist es überfällig“, fasste Hans Gregor für die SPD zusammen. Es handle sich um eine Botschaft, die nachdenklich machen solle. So etwas sei nie zum Nulltarif zu haben, sei aber das Geld wert, resümierte Gregor und meinte zum Thema Klimaschutzmanager: „Den Kümmerer hätten wir gern aus den eigenen Reihen und sehr schnell.“

FDP-Fraktionsvorsitzender Bernd Most beantragte getrennte Abstimmung in der Beschlussfassung: – Das Klimaschutzkonzept 2030 wurde als Handlungsrahmen einstimmig beschlossen.

– Mit vier Gegenstimmen der FDP/KiBü wurde folgendes Paket abgesegnet: Mit dem Aktionsplan 2013–2016 wird die Umsetzung des Konzepts gestartet. Die Verwaltung soll Fördermittel beantragen für die Umsetzungsphase und die Organisation eines Klimaschutzmanagements. In den Haushalt 2014 bis 2016 soll ein jährlicher Betrag von 200 000 Euro eingestellt werden, wobei die Bewilligung genannter Fördermittel Voraussetzung sein soll.

Aktionsplan zum Kirchheimer Klimaschutzkonzept 2013 bis 2016: Projekte und Kostenschätzung

Siedlungsentwicklung ist der Titel der Projektsammlung I, für die 25 000 Euro vorgesehen sind. Ziel ist unter anderem ein Nachverdichtungskataster. Energetische Sanierung im Gebäudebestand heißt Projektgruppe II, die 151 500 Euro und damit die zweithöchste Summe umfasst. Gestartet werden sollen beispielsweise quartiersbezogene Sanierungsinitiativen und ein städtisches Förderprogramm. Erneuerbare Energien und Energieversorgung ist Projektgruppe III überschrieben. Kostenpunkt: 29 000 Euro. Geplant ist neben vielen anderen Dingen ein Infrarot-Luftbild von Kirchheim. Industrie, Gewerbe und Dienstleistung heißt Projektgruppe IV, die mit 19 000 Euro zu Buche schlägt. Die „Aktion Dienstrad“ findet sich hier ebenso wie branchenspezifische Beratung für den Klimaschutz. Mobilität heißt Projektgruppe  V, für die 52 000 Euro veranschlagt sind. Das Gros fließt in das Projekt Radkultur, auch Car-Sharing soll vernetzt werden. Bewusstseinsbildung und Verbraucherverhalten ist die sechste und mit 250 000 Euro teuerste Projektgruppe. Klimaschutzkampagnen mit Eventcharakter, eine Kommunikationsstrategie oder Klimaschutzprojekte an Bildungseinrichtungen fallen hierunter.

Der Klimaschutzmanager als Kümmerer ist besonders für den letzten Projektbereich wichtig und wird mit 73 500 Euro berechnet. Kosten in Höhe von 600 000 Euro ergeben sich rein rechnerisch unterm Strich für die kommenden drei Jahre, wobei die Oberbürgermeisterin die flexible Handhabung der einzelnen als Vorschläge zu verstehenden Module in Abhängigkeit von der Haushaltslage unterstrich.ist