Lokales

Klinik-Personal zeigt Entschlossenheit

Mit dem ersten Streik in der Geschichte ihres Hauses setzten gestern rund 150 Beschäftigte der Städtischen Kliniken Esslingen ein Zeichen in den laufenden Tarifauseinandersetzungen des öffentlichen Dienstes. Im OP-Bereich wurde nur mit Wochenendbesetzung gearbeitet, die Versorgung der Patienten sei aber nicht gefährdet gewesen, versichern Klinikleitung und Personalrat.

ALEXANDER MAIER

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ESSLINGEN Die Verärgerung ist groß unter den Beschäftigten der Städtischen Kliniken, und die Personalratsvorsitzende Beate Müller brachte gestern auf den Punkt, was viele bewegt: "Wir streiken nicht um des Streikens willen, sondern weil wir zeigen wollen, dass wir genug haben von den Angriffen auf unsere Arbeitszeit, unsere Arbeitsbedingungen, unsere Bezahlung und unsere Arbeitsplätze. Die Arbeitgeber des öffentlichen Dienstes tun so, als seien wir Egoisten, die den Patienten schaden. Dabei sind Arbeitsverdichtung und Personalreduzierung die eigentliche Gefährdung der Patienten." Sollte die Arbeitszeit erhöht werden, erwartet Beate Müller, dass in Esslingen 38 Stellen wegfallen.

Dass sich gestern laut Gewerkschaft rund 150 der 1300 Beschäftigten der Städtischen Kliniken am Ausstand beteiligten und dass zur Kundgebung am Klinikeingang gut 250 Teilnehmer gekommen waren, zeige die Entschlossenheit. Nach Müllers Worten hatte man sich auf den OP-Bereich konzentriert, Ärzte seien nicht beteiligt gewesen. Das Wohl der Patienten habe man bei alledem nie aus den Augen verloren: "Deren Versorgung war gewährleistet."

Dass die Gewerkschaften sorgsam mit dem Streikrecht umgehen, bekamen sie vom Chef der SPD-Landtagsfraktion, Wolfgang Drexler, bescheinigt. Der Esslinger Abgeordnete machte sich bei der Kundgebung, zu der Delegationen anderer Kliniken im Landkreis gekommen waren, für einen funktionierenden öffentlichen Dienst stark. Er betonte, dass in Deutschland keineswegs weniger gearbeitet werde als im öffentlichen Dienst anderer Staaten der "alten" Europäischen Union.

Wolfgang Drexler nahm die Streikenden gegen den Vorwurf in Schutz, für 18 Minuten zusätzlicher Arbeitszeit täglich einen Arbeitskampf zu führen: "Es geht nicht um 18 Minuten, sondern um den Erhalt von Arbeitsplätzen und darum, dem weiteren Abbau besonders der befristeten Stellen entgegenzuwirken." Wolfgang Drexler kritisierte den Kurs der Landesregierung, Aufgaben der öffentlichen Hand "auf Teufel komm raus" zu privatisieren. Der SPD-Politiker sagte den Streikenden die Solidarität seiner Fraktion zu, um eine weitere Zersplitterung von Tarif- und Arbeitsrecht zu verhindern. Beispielhaft nannte Wolfgang Drexler die für die Uni-Kliniken abgeschlossene Tarifvereinbarung, die nach Alter gestaffelte Arbeitszeiten vorsieht, das heißt Jüngere arbeiten länger, Ältere kürzer.

Uni-Kliniken als Vorreiter Um den Streikenden Mut zu machen, war die Personalratsvorsitzende der Tübinger Uni-Kliniken, Angela Hauser, zur Kundgebung nach Esslingen gekommen. Eine Erhöhung der Arbeitszeit, und seien es auch nur 18 Minuten täglich, führt nach ihrer Einschätzung unweigerlich zum Abbau von Arbeitsplätzen. Das sei in der gegenwärtigen Situation mit rund fünf Millionen Arbeitslosen ein völlig falsches Signal. Das Beispiel der Tübinger Uni-Kliniken zeige, dass die Beschäftigten auch aus der Defensive heraus einen vernünftigen Tarifabschluss erkämpfen könnten. Und Martin Gross von der Gewerkschaft verdi forderte die Beschäftigten im öffentlichen Dienst auf, hart zu bleiben, weil eine Arbeitszeiterhöhung auch auf die Wirtschaft Signalwirkung habe.

Patienten waren von der Streikaktion in Esslingen kaum beeinträchtigt. Cornelia Lindner, die Geschäftsführerin der Städtischen Kliniken, erklärte am Nachmittag: "Bislang war es ganz ruhig bei uns." Klinikleitung und Gewerkschaft hatten sich bereits im Vorfeld auf eine Notdienstvereinbarung verständigt, die die Notfallbehandlung der Patienten sowie deren Versorgung auf den Stationen gewährleisten sollte. Außerdem war Personal in Rufbereitschaft, falls besonders viele Notfälle eingeliefert worden wären.