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Kommunalpolitik gestern und heute – Ein Gespräch mit Neidlingens Ex-Bürgermeister Ulrich Rieker

Kommunalpolitik gestern und heute – Ein Gespräch mit Neidlingens Ex-Bürgermeister Ulrich Rieker

Er kam, gewann und blieb. Als Ulrich Rieker Bürgermeister von Neidlingen wurde, war er 25 Jahre jung. Er behielt das Amt für 36 Jahre, von 1962 bis 1998. Sein Gespräch mit dem Teckboten in seinem Haus in Neidlingen hat er mit umfangreichen Notizen vorbereitet. Und gibt sehr gerne Auskunft über das, was früher wichtig war – und manchmal ganz anders als heute.

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PETER DIETRICH

Neidlingen. Ob er damals nur der jüngste Bürgermeister in Baden-Württemberg war, oder gar in der ganzen Bundesrepublik – ganz sicher ist er sich da nicht mehr. Aber der aus Weinsberg stammende Rieker weiß noch, wie er sich, damals im Heilbronner Landratsamt tätig, gesagt hatte: „Auf die nächste Bürgermeisterstelle, die ausgeschrieben wird, bewerbe ich mich.“ Die Stelle war in Neidlingen, er war einer von fünf Bewerbern. Doch Rieker schaffte es auf Anhieb, bei seiner ersten Bewerbung im ersten Wahlgang. Doch die anderen vier mussten nicht allzu traurig sein, bis auf einen wurden alle später woanders Bürgermeister. Derartige Chancen hätten die Jungen heute nicht, sagt Rieker.

Als er nach Neidlingen kam, gab es dort kaum Mietwohnungen, kein Bauland und damit auch keine Fremden. Man kannte sich gut im Ort und wusste ganz genau, wer was machte. „Die ersten Wahlvorschläge gab es 1980“, erzählt Rieker, „davor wurde per Mehrheitswahl abgestimmt.“ Die Stimmzettel für die Gemeinderatswahl hatten keine Namen, nur zehn Linien. Jeder konnte die zehn Neidlinger eintragen, die er für am besten geeignet hielt. So kamen bei einer Wahl schnell 180 oder 200 verschiedene Namen zusammen. Entsprechend lange dauerte das Auszählen. „Da ist die Nacht zum Tag geworden.“ Beim Auszählen helfen konnte jeder, denn es hatte ja niemand offiziell für den Gemeinderat kandidiert. Einmal sei einer morgens um halb sechs gegangen, er müsse ins Geschäft. Er ging heim, um noch kurz etwas zu essen – und seine Frau dachte zu Unrecht, er komme vom Feiern.

Stand am Morgen das Wahlergebnis fest, wurden die Kuverts sogleich im Ort verteilt, so erfuhren die gewollt oder ungewollt Gewählten schnellstmöglich vom Ergebnis. Für manche mag es jedoch nicht ganz so überraschend gekommen sein. Denn wer einmal im Gemeinderat war, wurde meist einige Perioden lang wiedergewählt. Einen kommunalen Wahlkampf habe es nie gegeben, erzählt Rieker, auch nach dem Jahr 1980 nicht. „Entweder man kennt uns oder nicht“, hätten sich die Kandidaten gesagt.

Mangels örtlicher Parteipräsenz erfolge der Wahlkampf für die anderen Wahlen von außerhalb Neidlingens. Es gebe dabei schon mal Versammlungen im Ort, sie gehörten allerdings nicht zu den besonders gut besuchten. Bei der aktuellen Wahl hatten die beiden Neidlinger Wählervereinigungen erhebliche Mühe bei der Kandidatensuche. Ein paar Neidlinger, erzählt Rieker, hätten sich deshalb sogar die Mehrheitswahl zurückgewünscht – die Rieker aber im gewachsenen Ort für nicht mehr durchführbar hält.

Der enge finanzielle Spielraum, den der Gemeinderat heute hat – war das früher anders? „Das war schon immer so, nur macht man es heute deutlicher“, meint Rieker. „Das Geld war immer fürchterlich knapp, der Ausgleichsstock war ständiger Begleiter.“ Bei vielem, was in seiner Amtszeit erreicht worden sei, habe er zuvor nicht gedacht, dass es zu schaffen wäre.

Eines der Hauptthemen in Riekers Amtszeit war die Flurbereinigung und der damit verbundene Wegebau, eine Investition von mehr als fünf Millionen Mark. Ein weiteres großes Projekt war das Sportgelände und der Bau der Reußensteinhalle. „Da sind wir heilfroh, dass wir das geschafft haben. Da hat man fest hinstehen müssen.“ Denn die ortsnahen Äcker zu bekommen, war gar nicht so einfach. Die Zustimmung zur Millioneninvestition holte sich Rieker auf Bürgerversammlungen. Etwa 20 davon hielt er insgesamt in seiner Amtszeit ab, lernte sie als „ein sehr offenes Geben und Nehmen“ kennen.

Die Verdolung der Lindach schaffte zu Riekers Zeit Platz für den Ausbau der Ortsdurchfahrt. Auch der Bau der Kanalisation beschäftigte den Gemeinderat. Die damals eigene Wasserversorgung erhielt einen Hochbehälter, die damals gebaute Kläranlage für Neidlingen und Hepsisau ist heute längst wieder abgerissen. Weitgehend Einigkeit herrschte bei der Erschließung mehrerer Baugebiete, anders als heute wuchs die Gemeinde deutlich. Viele Betriebe zogen aus dem Ort ins neue Gewerbegebiet Vogtäcker.

Einen „Kriegsschauplatz“ nennt Rieker den Streit um die Pfarrscheuer in den 1970er-Jahren. Die evangelische Kirchengemeinde wollte die historische Scheuer abreißen und am gleichen Platz eine Doppelgarage erstellen. Rieker war dagegen, der bürgerliche Gemeinderat auf seiner Seite. Der damalige Regierungspräsident kam persönlich und versagte die Abbruchgenehmigung. Aus der Pfarrscheuer wurde ein schönes Gemeindehaus.

Um in das Dorfentwicklungsprogramm aufgenommen zu werden, habe es mehrere Anläufe gebraucht. Den Zustand des Rathauses vor der grundlegenden Sanierung beschreibt Rieker als „fürchterlich“. Ein Wunder, dass damals nichts eingestürzt sei.

Eine aktuelle wichtige Aufgabe sei die Fertigstellung des Friedhofs. Eine Frage sei, „was mit der Flur werden wird“. Es gebe nur noch einen Bauer, und der Kirschenanbau gehe zurück. Das Biosphärengebiet werde Tourismus bringen, „aber zu wenig für eine Lebensgrundlage“. Bei den Arbeitsplätzen sei die Gemeinde „mit Festool gut bedient“. Aber: „Wir wissen nicht, ob unsere Kinder hier leben werden.“

Wichtig ist Rieker zum Abschluss der Verweis auf seine Frau Rosemarie: Als eine der ersten Frauen sei sie in den Kreistag gewählt worden, auf Anhieb mit vielen Stimmen. 25 Jahre lang sei sie für die CDU dort gewesen, davon habe Neidlingen profitiert. Seine eigenen 36 Jahre dankte Rieker den Neidlingern zum Abschied mit einer Spende für die Rathausuhr – einen Hunderter pro Jahr. Fotos: Jean-Luc Jacques/Peter Dietrich