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Kommunalpolitik gestern und heute – Ein Gespräch mit Weilheims Alt-Bürgermeister Hermann Bauer

Kommunalpolitik gestern und heute – Ein Gespräch mit Weilheims Alt-Bürgermeister Hermann Bauer

Hermann Bauer kennt die Kommunalpolitik aus dem Effeff: Als dienstältester Bürgermeister des Kreises räumte er im März seinen Platz im Rathaus. Er plädiert für Weitsicht, gegenseitige Achtung und jungen Nachwuchs in den Gemeinderäten.

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tobias flegel

Weilheim. Die Mischung macht‘s. Der alte kommunalpolitische Hase Hermann Bauer sieht Gemeinderäte als Spiegel der Gesellschaft. Folglich erzielen die Mitglieder des Organs gute Ergebnisse für ihre Kommune, wenn die Zusammensetzung stimmt. „Ideal ist ein breiter Mix“, sagt Bauer. Im besten Fall seien alle wichtigen Branchen im Gremium vertreten: Ärzte, Apotheker, Lehrer, Landwirte und so weiter. In Weilheim habe diese Mischung immer gestimmt: „Die Wahlen brachten etwa zur Hälfte neue Mitglieder in den Gemeinderat, der Rest bestand aus führenden Köpfen, die geblieben sind“, berichtet er.

Problem Zeitmangel. Die Arbeit eines Stadt- oder Ortschaftsrats bindet Ressourcen. Neben regelmäßigen Sitzungen müssen die Bürgervertreter bei vielen Anlässen präsent sein. Nicht jeder ist gewillt, diese Last auf sich zu nehmen. „Die Menschen sind heute stärker gefordert als vor 20, 30 Jahren“, sagt Hermann Bauer. Viele Unternehmer, aber auch Handwerker, hätten heute nicht mehr die Zeit, nebenbei als Stadtrat zu arbeiten. In wirtschaftlich schlechten Zeiten verschärfe sich das Problem – Beruf und Einkommen werden den Menschen wichtiger. Dann könne es zu einem Ungleichgewicht in den Räten kommen und die ausgewogene Ratsmischung klumpig werden.

Frisches Blut. Junge Köpfe in den Gemeinderäten garantieren erfolgreiche Ratsarbeit, sagt Hermann Bauer. „Es ist wichtig, dass junge Generationen in verantwortungsvolle Positionen nachrücken.“ Deshalb freut ihn, dass sie bei Wahlen antreten, auch wenn es für ihn mehr junge Leute sein könnten. Der frühere Bürgermeister mahnt aber zur Nachsicht mit dem Nachwuchs: „Die Arbeit im Gemeinderat ist ein Lernprozess.“

Viele Köpfe sind die Krux. Unterschiedliche Fraktionen und Wählergruppen im Gemeinderat sind ein Merkmal der Demokratie. Die Bandbreite ist aber auch die Krux der Staatsform: Bei kontroversen Fragen ist es schwer, Mehrheiten zu bilden. In solchen Fällen sind für Hermann Bauer die Fraktionen und Wählergruppen gefordert. Ihre Aufgabe sei es, Abweichler „in den Griff zu kriegen“, damit der Gemeinderat Lösungen für die Zukunft finden kann.

Stadträte sind keine Kontrolleure. Die Aufgabe eines Gemeinderats ist, gemeinsam mit der Verwaltung die richtigen Entscheidungen zu treffen, erklärt Hermann Bauer. „Die Fraktionen sind kein Kontrollorgan“, betont er. Nur bei Missständen sollten die Stadträte in die Arbeit der Verwaltung eingreifen. Nach Ansicht des einstigen Stadtchefs vergessen manche Bürgervertreter jedoch, dass der Kern der Ratsarbeit nicht im Kritisieren besteht, sondern im Ringen um kons­truktive Lösungen. Das führe zu langatmigen „Schachdeckeldebatten“. Spätestens dann schlägt die Stunde eines guten Bürgermeisters: „Der ist der Teamchef“, sagt Bauer. Als Anführer müsse er wissen, wie er seine Verwaltungsmannschaft und Stadträte hinter sich versammeln und eine Einigung herbeiführen kann. Diese Aufgabe hätten viele seiner einstigen Kollegen aus anderen Städten und Gemeinden erkannt: „Der autoritäre Führungsstil der 50er- und 60er-Jahre ist zurückgegangen, stattdessen herrscht ein kooperativer Stil in den Rathäusern.“ Nichtsdestotrotz müsse der Bürgermeister vorangehen und den Gemeinderat vor allem bei gesellschaftlich wichtigen Fragen vo­rantreiben. „Ein Bürgermeister muss in die Vorlage gehen, sich aber auch zurücknehmen können“, erklärt Bauer. Dabei tue sich ein erfahrener Mann oder eine erfahrene Frau leichter, denn mit dem Alter werde man gelassener. „Für manche Dinge ist die Zeit einfach nicht reif“, sagt Bauer. „Die muss man liegen lassen.“

Gegenseitige Achtung. Die Diskussionskultur in den Gemeinderäten entscheidet über die erfolgreiche Arbeit des Gremiums. Freilich könne es manchmal heiß hergehen, doch gegenseitiger Respekt dürfe bei aller Kontroverse nicht zu kurz kommen, mahnt Hermann Bauer. „Grundsätzlich solle der Satz von Albert Schweitzer den Geist im Gremium prägen: ‚Ohne gegenseitiges Vertrauen, kann kein nützliches Werk entstehen‘.“

Fachleute einschalten. Hermann Bauer hat sich früh in seiner Laufbahn für externe Hilfe bei der Stadtentwicklung entschieden. „Ich wusste, dass wir die Dinge festlegen müssen“, erklärt er. Deshalb hätten sachverständige Fachleute mit guten Plänen die innerstädtische Entwicklung und die Neubaugebiete ausgearbeitet“, berichtet er. „Das waren qualifizierte Büros, die ein zurückhaltendes Konzept entworfen haben“. Auf dessen Basis wurden die Schulzentren vernetzt, die Limburg und Landschaft um Weilheim freigehalten und ein Friedhof außerhalb der Stadt angelegt. Diese Strategie habe den Grundstein für die spätere Arbeit von Verwaltung und Gemeinderat gelegt, sagt Bauer. Der sei nach wie vor das Fundament, um die jetzt wichtigen Themen Betreuung, Bildung und Sport weiterzuentwickeln. Das Vorgehen, fremde Berater und Experten zuzulassen, hat Hermann Bauer übrigens bis zum Ende seiner Amtszeit verfolgt. „Ein Bürgermeister kann nicht alles wissen“, lautet die Begründung. Das Ergebnis der professionellen Partnerschaft könne sich sehen lassen, findet er: Nicht nur Weilheims Erscheinungsbild stimme, sondern auch der Haushalt: „Wir stehen besser da als vor 20 Jahren“, sagt Hermann Bauer. Das sei gut, denn durch die Wirtschaftskrise kämen harte Zeiten auf die Stadt zu.

Luft zum Atmen. Städte und Gemeinden brauchen nach Ansicht von Hermann Bauer Freiraum, um sich gut entwickeln zu können. Das betreffe zum Beispiel den Landverbrauch: Weilheim dürfe nur noch ein Sechstel seines Gebiets als neues Bauland ausweisen. Dieses Limit sollte Stuttgart nicht weiter begrenzen, sagt er. „Ich habe in Weilheim für eine kommunalfreundliche Lösung gekämpft und von 1975 bis 2000 nur die Hälfte der Flächen in Anspruch genommen.“ Die Sparsamkeit habe den Landverbrauch im Zaum gehalten. Für eine vernünftige Entwicklung der Stadt habe außerdem die Maxime „Umbau vor Neubau“ gesorgt. Den Gedanken habe die Stadt beispielsweise auf dem Grundstück der ehemaligen Geflügelschlachterei am Egelsberg, auf dem momentan ein Neubaugebiet entsteht, und beim Gebäude der ehemaligen Weberei Faber und Becker umgesetzt. In letzterem ist jetzt ein Supermarkt.

Zufriedenheit durchs Amt. „Das Amt eines Stadt- oder Ortschaftsrats erfüllt die Mandatsträger mit Zufriedenheit, weil sie etwas für ihre Heimat und die Bevölkerung tun“, sagt Hermann Bauer. Das ist für den Ex-Bürgermeister ein weiterer Grund, um für einen gut durchmischten Gemeinderat zu appellieren. „Man sollte die Vielfalt herausstellen und nicht nivellieren“, sagt Bauer. Der Köpfe-Mix spiegele sich nachher im Wesen eines Orts und verleihe ihm sein eigenes Profil. Fotos: Jean-Luc Jacques