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Kommunalpolitik gestern und heute – Gespräch mit Alt-Bürgermeister Gerhard Schneider über Lenningen

Kommunalpolitik gestern und heute – Gespräch mit Alt-Bürgermeister Gerhard Schneider über Lenningen

In der Kommunalpolitik macht ihm so schnell keiner etwas vor: Gerhard Schneider war von Februar 1966 bis Mai 1999 Bürgermeister in Lenningen, beziehungsweise Oberlenningen. Außerdem ist er Fraktionsvorsitzender der CDU im Kreistag.

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Iris Häfner

Lenningen. Oberlenningen kannte Gerhard Schneider von einer Wanderung zum Hohenneuffen. Als die Stelle für das Amt des Bürgermeisters im Staatsanzeiger ausgeschrieben wurde bewarb sich der damals 26-jährige Schwenninger Stadtoberinspektor aus einem triftigen Grund in Oberlenningen: seine „Bekannte“ lebte damals in Esslingen und die räumliche Distanz sollte verringert werden. „Nach der Wahl haben wir dann geheiratet“, erzählt der Alt-Bürgermeister schmunzelnd. Acht Stimmen fehlten ihm im ersten Wahlgang zur absoluten Mehrheit, weshalb nochmals ein Urnengang nötig war, bei dem Gerhard Schneider mit 60 Prozent der Stimmen gewählt wurde. Von der Wahlbeteiligung von 93 Prozent können die Kandidaten der anstehenden Kommunalwahl wohl nur träumen.

„Nach nur fünf Jahren Amtszeit kam schon der Vorläufer der Gemeindereform“, erinnert sich Gerhard Schneider. Schlattstall war mit 200 Einwohnern eine kleine Gemeinde, die nur einen nebenberuflichen Bürgermeister besaß. Dies sei kein Dau­erzustand, urteilte Landrat Ernst Otto Schaude – damals gab es den Landkreis Nürtingen noch – und regte deshalb die Eingemeindung des Dorfes nach Oberlenningen an. „Das ging dann relativ schnell, denn Schlattstall war nicht abgeneigt“, sagt Gerhard Schneider. Am 1. Januar 1971 war es dann so weit. „Vom Land gab es dafür Fusionsprämien, von manchen auch Abschlachtprämie genannt“, meint er augenzwinkernd. Eine Million Mark war es in diesem Fall. „Ein ordentlicher Betrag“ nennt es der Alt-Schultes heute noch. Das Geld wurde die nächsten Jahre ausschließlich in Schlattstall investiert. Größtes Anliegen war die Buswendeplatte im Ort, denn bis zur Realisierung dieses Projekts mussten die Schlattstaller bis zur Bundesstraße zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren. Weiter stand auf der Wunschliste: Erneuerung der Ortsmitte und des alten Schul- und Rathauses, ein Spiel- und Bolzplatz, ein Neubaugebiet und vor allem auch die Wasserversorgung. „Die Quellschüttung im Sommer ging manchmal fast bis auf null zurück. Es gab Tage, da musste die Feuerwehr mit dem Tankwagen das Wasser bringen“, so der Alt-Schultes.

Da Hochwang schon immer zu Oberlenningen gehört, bestand die Gemeinde nun aus drei Orten. Im Gemeinderat hatte Schlattstall nun eine Stimme. Somit gab es eine Unechte Teilortswahl „und viele ungültige Stimmen“. Im Jahr 1973 stand die Wiederwahl ohne weitere Bewerber an, rund ein Jahr vor der bevorstehenden Gemeindereform. Im November wurde er auf zwölf Jahre wiedergewählt, konnte das Amt aber nur bis Jahresende 1974 ausüben.

Vor der Realisierung Lenningens gab es viele Diskussionen. „Das ging schon zwei Jahre vorher los“, erinnert sich der einstige Bürgermeister. Gutenberg hatte nicht die Qual der Wahl. „Wo hätten sie anders hin wollen?“, gibt Gerhard Schneider zu bedenken. Anders sah es dagegen auf der Alb aus. „Schopfloch hat sich überlegt, mit Ochsenwang eine Gemeinde zu bilden. Es gibt jedoch nicht viele Beziehungen zwischen den beiden Orten“, sagt er. Schopfloch stieß deshalb nicht auf große Gegenliebe, denn Ochsenwang orientiert sich traditionell „nach unten“ und ist jetzt ein Teilort von Bissingen.

Wer sich bis zum 1. Januar 1975 keine freiwillige Lösung überlegt hat, dem wäre Kraft Gesetz ein Zusammenschluss angeordnet worden. „Jeder hat eingesehen, dass der Verhandlungsweg die bessere Lösung ist“, erzählt der Alt-Bürgermeister. Somit besteht Lenningen seit 1975 aus sieben Ortsteilen: Brucken, Unterlenningen, Oberlenningen, Schlattstall, Gutenberg, Schopfloch und Hochwang. Nun stand die Frage an, aus wie vielen Mitgliedern der neue Gemeinderat bestehen soll. „Wenn man es rein rechnerisch macht, geht es natürlich nicht auf“, so der Alt-Schultes. Gutenberg und Schopfloch hatten jeweils rund 700 Einwohner und wären nach dem ersten Ansatz auf 1,5 Gemeinderäte gekommen. „Jeder hat natürlich zwei bekommen“, so Gerhard Schneider. Die Sitzzahl wurde daraufhin von 18 auf 22 erhöht, Überhangmandate gab es nicht.

Wer Bürgermeister dieser teilortreichen Gemeinde werden sollte kristallisierte sich schnell heraus. „Der Kollege in Unterlenningen war 56 Jahre alt und ging in den Ruhestand“, erzählt Gerhard Schneider. In Gutenberg und Schopfloch hatte das Amt keine Verwaltungsfachleute inne. Sie wurden als Ortsvorsteher zu den gleichen Konditionen übernommen. Somit blieb Gerhard Schneider einziger Bewerber. „Sieben Ortsteile und 40 Vereine hat wohl viele abgeschreckt“, vermutet der Alt-Bürgermeister. Ihn hat dagegen die Aufgabe gereizt, im neuen Gemeinderat weiterzumachen. „Am Anfang gab es gewaltige Ängste. In Oberlenningen war die Infrastruktur durchweg besser als in allen übrigen Orten. Man konnte sich mehr leisten, hatte eine Turnhalle und ein Freibad“, sagte er. Der große Rest befürchtete, zu kurz zu kommen. „Tatsächlich war es jedoch umgekehrt – Oberlenningen musste zurückstecken damit die übrigen Ortsteile nachholen konnten“, stellt er klar.

„Dann waren wir plötzlich 8 000 Einwohner und jeder wollte schnell eine Mehrzweckhalle, insbesondere Gutenberg und Schopfloch“, erinnert sich Gerhard Schneider. Daraufhin ging der Gemeinderat in Klausur und legte die Marschroute fest. Zunächst wurde die große Sporthalle zwischen Unter- und Oberlenningen gebaut, die allerdings erst im April 1983 fertig war. Im Juni 1985 war die Einweihung des Feuerwehrmagazins in unmittelbarer Nachbarschaft. „Wir waren eine der ersten Gemeinden, die sich getraut haben, die Freiwillige Feuerwehr zu fusionieren“, sagt Gerhard Schneider nicht ohne Stolz. Aus sieben Abteilungen wurde eine Wehr, Unter- und Oberlenningen wurden zu einer Abteilung verschmolzen, wes­halb es nur noch sechs Abteilungen sind. Außerdem ist Hochwang jetzt bei Erkenbrechtsweiler.

Weil die Schopflocher mit zehn Kilometern den weitesten Weg zur großen Halle hatten, bekamen sie als erste ihre Mehrzweckhalle. Sie war im Januar 1986 fertig. Im April 1988 konnte dann die Halle in Gutenberg mitsamt Feuerwehrhaus eingeweiht werden. „Damit war ein guter Teil der Infrastruktur neu“, so Gerhard Schneider. Auch der Wunsch der Bruckener nach einem Vereinsraum wurde erhört. Er wurde 1990 realisiert. Schulhausbauten waren immer ein Thema, auch Kindergärten, und das Schlössle wurde gegen manchen Widerstand für über fünf Millionen Mark saniert und ist nun eines der Wahrzeichen Lenningens mit Museum und Bücherei.

„In der Tendenz war die Gemeindereform richtig. Gemeinden unter 1 000 Einwohner sind nicht überlebensfähig was die technischen Möglichkeiten anbelangt“, resümiert Gerhard Schneider.