Lokales

Kommunen laufen Sturm gegen das geplante Vogelschutzgebiet

Der Halsbandschnäpper ist in den vergangenen Wochen in nahezu allen Gemeinden am Albtrauf zum Inbegriff des schützenswerten Vogels geworden. Zugleich steht das Tier auch für wildwuchernden Bürokratismus in Europa und im Land, der ohne Kommunikation mit den betroffenen Kommunen Schutzgebiete festlegt.

KREIS ESSLINGEN Rund um die Teck befassen sich die Gemeinderäte zurzeit mit neuen Vogelschutzgebieten, die die baden-württembergische Landesanstalt für Umweltschutz (LfU) ausgearbeitet hat. Grund dafür war die Forderung der EU, eine prozentual wesentlich größere Fläche als bisher zum Schutzgebiet für Vögel zu erklären.

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Die Kommunen waren an der Planung nicht beteiligt. Jetzt sollen sie sich aber im Eilverfahren detailliert dazu äußern. Dettingens Bürgermeister Rainer Haußmann beschrieb in der jüngsten Gemeinderatssitzung den enormen Zeitdruck: "Wir haben die Pläne am 1. Dezember bekommen, die Originalkarte erst am 8. Dezember. Bis 23. Dezember sollen wir aber schon Stellung nehmen."

Haußmann machte sich dafür stark, das Thema Vogelschutzgebiete ideologiefrei zu diskutieren: "Wir sind eine Gemeinde mit viel Streuobstwiesen. Außerdem haben wir kompetente und engagierte Naturschützer." Im entsprechenden Arbeitskreis werde im Interesse aller Beteiligten nach verträglichen Lösungen gesucht, wenn Naturschutz und Gemeindeentwicklung unterschiedliche Ziele verfolgen.

Die geplanten Vogelschutzgebiete behindern die Gemeindeentwicklung allerdings massiv. Mancherorts beginnen sie direkt an der Bebauungsgrenze oder sogar innerhalb. "Rechtskräftige Bebauungspläne müssen aus dem Vogelschutzgebiet rausgenommen werden", forderte Rainer Haußmann und ergänzte: "Wenn man rechtzeitig bei uns nachgefragt hätte, wären sie gar nicht erst reingekommen."

Was die spezielle Situation der Gemeinde Dettingen betrifft, die mit der überaus großen Fläche von 1 029 Hektar betroffen wäre, sagte der Bürgermeister: "Im Westen liegen wir schon im Landschaftsschutzgebiet. Da wird es keine Bebauung mehr geben. Das ist jetzt schon so. Dort tut uns das Vogelschutzgebiet auch nicht weh." Was ihn dagegen stört, sind Gebiete östlich der B 465, direkt unterhalb der Autobahn oder auch südlich des Schulzentrums. Die Verwaltung hat deshalb dem Gemeinderat vorgeschlagen, die ausgewiesene Fläche abzulehnen und für die Nachmeldung fachmännischen Rat einzuholen. Die Ratsmitglieder haben diesen Vorschlag einstimmig angenommen.

Kritik aus OhmdenAls typisch deutsch bezeichnete Ohmdens Bürgermeister Manfred Merkle das derzeitige Verhalten zum Thema Vogelschutzgebiet. Merkle weiß, dass diese EU-Richtlinien in Italien oder Spanien schon längst durchgeführt sind. "Die stehen da auf dem Papier und jeder baut dort wo er will." Zudem kritisierte der Schultes, dass die bisherigen Gespräche wie das "Hornberger Schießen" ausgegangen seien. Er stellte dem Gremium in der jüngsten Sitzung nochmals die gesamten Planunterlagen vor und wies dabei vor allem auf die weitere Planung des Gebiets "Grubäcker" hin. Die "Grubäcker I" werden zurzeit bebaut, Ziel der Gemeinde Ohmden ist es allerdings, dem noch ein "Grubäcker II, III oder gar IV" folgen zu lassen. Außerdem drängt das Ohmdener Gemeindeoberhaupt darauf, zunächst einmal die rein handwerklichen Fehler dieser Richtlinen auszumerzen. Er spielt dabei auf die vorhandenen Steinbrüche und auch auf den Golfplatz auf der Markung an.

Zweite Runde in NotzingenHalsbandschnäpper, die zweite Runde für Notzingen. Wie schon in der vergangenen Sitzung zeigte kein Gemeinderat Verständnis für die Nachmeldung von Vogelschutzgebieten. Die Gesamt-Markungsfläche Notzingens beträgt 770 Hektar. Davon sind 305 Hektar Landschaftsschutzgebiet und nach den neuesten Plänen 470 Hektar Vogelschutzgebiet. "Außer dem ,tatsächlich' bebauten Bereich sind nur Waldflächen im Norden sowie landwirtschaftlich genutzte Flächen im Norden, westlich und östlich der Straße nach Hochdorf nicht einbezogen ansonsten die gesamte Markungsfläche", erklärte Bürgermeister Flogaus. Insgesamt würden 85 Prozent der Notzinger Markung dann unter Schutz stehen.

Verwundert hat den Gemeinderat die sprunghaft angestiegene Population der für das Vogelschutzgebiet wichtigen Arten. Es gibt zwei Kartierungen: eine vor und eine vom Jahr 2004. "Seid fruchtbar und mehret euch", konnte sich Günter Barz nicht verkneifen zu sagen. Wendehals, Rotmilan sowie Mittel- und Grauspecht kommen in der Bodenbachgemeinde zum Teil schlagartig recht häufig vor. "Der Halsbandschnäpper ist im Gewann ,Ofahäfele' vertreten, aber auch im Bereich Müllerweg", wies Jochen Flogaus auf die Brutgebiete des mittlerweile wohl berühmtesten Vogels am Albtrauf hin.

"Wenn man beide Karten vergleicht, muss man unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass sich die Vögel auch ohne das neue Schutzgebiet bei uns wohlgefühlt und sich ordentlich vermehrt haben", sagte Jürgen Wagner. Seine Schlussfolgerung: Das Vogelschutzgebiet ist total unnötig. "Die Umsetzung von Landschaft- und Naturschutz hat Früchte getragen, was gut ist. Dass das Albvorland nahezu in seinem Ursprung mit seiner Kleinparzellierung belassen wurde, wird uns nun zum Nachteil", kritisierte Rudolf Kiltz. Doch wie lange noch gibt es Streuobstwiesen? "Zu 80 Prozent sind die Bewirtschafter 70 Jahre plus", verdeutlichte Jochen Flogaus die Problematik. 330 Ar hat die Gemeinde erst jetzt wieder an Pachtflächen von einem Landwirt zurückbekommen und hofft nun auf Interessenten.

Der Schultes möchte aber vor allem für die nachfolgenden Generationen noch die Möglichkeit der Entwicklungsfähigkeit offen halten. "Die Kinder von heute wollen morgen vielleicht auch noch bauen und ein paar grüne Inseln sollten wir vielleicht auch noch im Ort haben ", sieht sich der Schultes in der Verantwortung. Fraglich ist nun die Realisierung von Hofäcker IV mit 2,5 Hektar, Gewerbegebiet Brühl IV mit 1,1 Hektar, die Fläche für die Kleintierzuchtanlage mit einem halben Hektar sowie die Trasse zur Umfahrung von Notzingen

Holzmaden sieht Konflikte"Die Planung ist erschreckend", kommentierte Holzmadens Bürgermeister Jürgen Riehle in jüngster Gemeinderatssitzung die Nachmelde-Kulisse zum Vogelschutzgebiet auf Holzmadener Markung. "Sie bereitet uns erhebliche Sorge, weil damit jegliche Kommunalentwicklung abgeschnitten wird."

150 Hektar, also ungefähr die Hälfte der Holzmadener Markung, sollen künftig Vogelschutzgebiet sein. Die Pläne des Landes kollidieren dabei mit denen der Kommune: "Die größte und bedeutendste Konfliktfläche liegt westlich von Schillerstraße, Haldenstraße und Hohlweg", so Jürgen Riehle. Das Gebiet, in dem die Gemeinde in den nächsten Jahrzehnten ein Wohngebiet ausweisen könnte, soll den Plänen zufolge für Halsbandschnäpper, Mittelspecht und Neuntöter reserviert bleiben. "Die Vogelschutzgebiete dürfen in der Regel nie mehr bebaut werden", verdeutlichte Riehle die Tragweite. Auch den Vorschlag, das Gebiet östlich des Gewerbegebiets Zeller Straße unter Vogelschutz zu stellen, lehnte der Schultes ab: "Die langfristige Perspektive von Holzmaden muss sein, dass noch Entwicklungsmöglichkeiten bestehen." Darüber hinaus greift das Vogelschutzgebiet teilweise auch in bereits bestehende Bebauungspläne oder im Verfahren befindliche Bauleitpläne ein.

"Man kann von Willkür sprechen", übte Riehle Kritik am Vorgehen des Landes und stellte bei einem Blick auf die Karte mit den Vogelschutzgebieten zynisch fest: "Dort, wo in Holzmaden einmal die ICE-Trasse verlaufen soll, gibt es offenbar keine Vögel." Der Bürgermeister sprach sich dafür aus, die künftigen Vogelschutzgebiete auf die bereits bestehenden Natur- und Landschaftsschutzgebiete rund um die Gemeinde zu reduzieren. Er forderte zudem, das Land Baden-Württemberg solle nochmals Erhebungen über Vogelschutzgebiete in anderen Landesteilen durchführen. Jürgen Riehle ist zuversichtlich, dass die Gemeinden durch ihre Stellungnahmen Einfluss auf die Vogelschutzgebiete nehmen können: "Ich bin der Meinung, dass das noch zu verhandeln ist."

Während sich eine große Mehrheit des Holzmadener Gemeinderats den Anträgen des Schultes anschloss, brach Gemeinderat Michael Thiehoff eine Lanze für die geplanten Vogelschutzgebiete: "Halsbandschnäpper, Neuntöter und Mittelspecht stehen in Baden-Württemberg auf der Roten Liste", sagte er. Dass es in und um Holzmaden einen Lebensraum für diese Vögel gebe, stelle eine Besonderheit dar und bringe auch Verpflichtungen mit sich. Eine starke Ausdehnung der Bebauung ist aus seiner Sicht ohnehin nicht wünschenswert: Der Lebensraum für Vogelarten sei deshalb so stark beschnitten, weil in den vergangenen Jahren zahlreiche Streuobstwiesen den neuen Baugebieten und Industrieflächen weichen mussten.

red