Lokales

Kompakter Überblick über alle "Zeitzeugen"


RICHARD UMSTADT

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BEUREN Gockel Günther III. verkündet unüberhörbar seinen Machtanspruch und die Hühner scharen sich um ihn wie die 20 in Bau und Funktion ganz unterschiedlichen Gebäude des Freilichtmuseums um den Hof Tamm am Eingang des "Dorfes". Seit der Eröffnung 1995 ist viel geschehen in den Beurener Herbstwiesen. Deshalb fragten Besucher immer wieder nach: "Gibt's denn nichts, worin alle Häuser kurz vorgestellt werden?" Die Antwort darauf fällt Museumsleiterin Steffi Cornelius seit gestern leicht. Es gibt ihn, den 30-Seiten starken, kompakten Führer in handlichem Format für jede Jackentasche und jeden Rucksack.


In dem ansprechend aufgemachten Heft können Besucher nicht nur die interessanten Lebensläufe aller Museumsgebäude in Kurzform nachlesen. Witzige, hintersinnige Sprechblasen lockern das Werk auf und die für jedes Haus eigens angefertigten Silhouetten weisen dem Besucher den Weg durchs Museumsdorf sowohl auf dem aktuellen, aufklappbaren Lageplan am Schluss des Führers als auch in den Beurener Herbstwiesen. Dabei helfen die zahlreichen Farbfotos nicht nur, die einzelnen Häuser, Ställe, Scheuern und Unterstände leichter wieder zu erkennen, sondern zeigen auch faszinierende Ausschnitte in Detail- und Momentaufnahmen.


Der neue "Kurzführer" soll nicht nur Gästen erleichtern, sich im Museumsdorf zurechtzufinden, "damit wollen wir auch Lust aufs Museum machen", sagt Steffi Cornelius. Immer wieder wird an der Konzeption gefeilt, lassen sich die Museumspädagogen Neues einfallen. "Es lohnt sich, öfters in der Saison hereinzuschauen", wirbt die Museumsleiterin und verweist auf eine Fülle von Veranstaltungen. Dass diese attraktiv sind und Anklang finden, belegen die Besucherzahlen. Rund 80 000 kommen pro Saison ins regionale ländliche Freilichtmuseum am Albtrauf, um einen informativen, kurzweiligen und lebendigen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Dabei zählt das jährliche Oldtimertreffen mit rund 6 000 Besuchern in diesem Jahr zu den Highlights. Steffi Cornelius äu-ßert sich denn auch sehr zufrieden über die erfolgreiche Saison 2004.


Keines der derzeit 21 großen und kleinen Gebäude aus fünf Jahrhunderten stand ursprünglich auf dem elf Hektar großen Gelände "In den Herbstwiesen". Sie kommen aus Beuren, Ohmden, Kirchheim, Owen, Köngen, Schlaitdorf, Häslach, Sielmingen, Stuttgart-Birkach, Gärtringen, Tamm, Ohmenhausen, Ehningen, Weidenstetten, Sulzgries, Laichingen und Aichelau. Stein um Stein und Ziegel um Ziegel wurden die betagten Häuser abgetragen und im Museumsdorf wieder errichtet. Nicht selten als Schandflecken des Dorfes verschrien, sind sie heute im Freilichtmuseum "Zeitzeugen" ländlicher Bau- und Wohnkultur und finden großes Interesse. Dabei ist es Steffi Cornelius wichtig, die tatsächlichen Verhältnisse im jeweiligen Zeitschnitt darzustellen. Denn nicht selten wird die "gute, alte Zeit" verklärt wahrgenommen. In Wirklichkeit war sie von Not und Entbehrungen geprägt und Schmalhans Küchenmeister.


Ein Beispiel dafür belegt die Geschichte des in diesem Jahr errichteten Ausgedinghäuschen von Aichelau, das einst am Originalstandort direkt hinter dem Haupthaus des Bauernhofes stand. Es verfügt nur über eine Stube und eine drei Quadratmeter große Küche im Erdgeschoss. Unter dem zugigen Dach liegt die Schlafkammer. Im Winter pfiff der Wind durch die Dachziegelritzen und trieb den Schnee auf die Betten. 1947 lebten in diesem Häuschen zeitweise acht Heimatvertriebene auf 16 Quadratmetern. Die winzige Küche mit dem Kowa-Sparherd wurde gleichzeitig als Bad genutzt. Auf dem breiten Fenstersims steht, so, als wär das Haus erst gestern verlassen worden, eine Schale mit Rasierpinsel und -messer sowie der unentbehrliche Spiegel dazu.


"Das erzeugt mehr Atmosphäre und die Besucher finden's gut", erklärt Steffi Cornelius das neue Konzept, einzelne Räume mit den ursprünglichen Gerätschaften und Utensilien zu bestücken. Auch im Bürgermeisteramt des Rathauses aus Häslach ist dies zu sehen. Dort, im Vorzimmer von Schultes Otto Bauer, hängt noch die blaue Strickjacke von Sekretärin Marianne Herdrich überm Stuhl. Auf dem typischen Schreibtisch der 60er steht stumm das schwarze Telefon, neben dem Stempelkarussell liegt das Stempelkissen, und die Löschpapierschaukel befindet sich in guter Nachbarschaft mit dem schwarzen Locher. Die Schranktür des Tresors in der Ecke steht offen und alles erweckt den Eindruck, als ob die Sekretärin nur eben mal kurz nach nebenan zum Diktat gegangen wäre.


Übrigens: Sowohl das Ausgedinghaus Aichelau als auch das Häslacher Rathaus sind auf den Seiten 20 beziehungsweise 9 des neuen kompakten "Kurzführers" beschrieben. Das handliche Heft wurde vom Design-Atelier Wilfried Gronwald in Win-nenden entworfen und in einer Auflage von 20 000 Exemplaren gedruckt. Es ist an der Museumskasse erhältlich und kostet 1,50 Euro.

Verschafft den Überblick: Der kleine handliche, kompakte Museumsführer für jede Jackentasche. Gestern stellte ihn Museumsleiterin Steffi Cornelius im alten Häslacher Rathaus vor.