Lokales

Konflikte waren vorprogrammiert

"Versuchen Sie sich vorzustellen, wie mehrere Menschen, die nicht einmal alle miteinander verwandt waren, in diesem Haus zusammenlebten," forderte die Museumsleiterin Steffi Cornelius die Museumsbesucher auf, die sich der Sonderführung "Alt(e) im Dorf" angeschlossen hatten.

UTE FREIER

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BEUREN Die Besuchergruppe stand vor dem Laichinger Weberhaus, das in zwei Wohnheiten mit je 47 Quadratmetern Wohnfläche unterteilt war. In einer Wohneinheit lebte ein Familie, die nach heutigem Sprachgebrauch als "Patchwork-Familie" bezeichnet würde: eine verwitwete Mutter mit ledigen Töchtern und deren unehelichen Kindern sowie die Schwiegertochter mit zweitem Mann und weiteren Kindern. Alle Bewohnerinnen mussten sich eine kleine Flurküche teilen. In der engen Stube, dem einzigen, heizbaren Aufenthaltsraum, wurde außerdem auch noch gearbeitet. Es bedarf keiner großen Fantasie, um sich klar zu machen, dass bei solch engem Zusammenleben von drei Generationen Probleme vorprogrammiert waren.

Doch Riesterrente und Seniorenresidenzen gab es damals nicht, Konflikte waren deshalb an der Tagesordnung. Wie also wurde das Zusammenleben geregelt, wie wurden die Senioren im Dorf versorgt?

Unter diesem Blickwinkel führte Steffi Cornelius durch vier Häuser auf dem Museumsgelände. "Nur dadurch, dass früher Wohnen und Arbeiten unter einem Dach stattfand, war es den ,Jungen' möglich, die Eltern mitzuversorgen," erklärte sie. Die Eltern übergaben im Alter den Hof an die Kinder. In Übergabeverträgen wurde schriftlich festgehalten, was sich die Eltern für ihre Versorgung zusichern ließen. Lebenslanges, unentgeltliches Wohnrecht im Haus war immer eine der Forderungen. Ob sich die Eltern weiterhin in der Wohnstube aufhalten durften, welche Kammer ihnen zustand, ob sie die Küche und den Waschzuber mitbenutzen durften, jedes Detail wurde abgesprochen.

Auch die Versorgung mit Lebensmitteln wurde schriftlich geregelt. Gab es mehrere Kinder, wurde, im Bereich der Schwäbischen Alb das Erbe auf alle Kinder gleichmäßig verteilt. Ebenso stellten die Eltern an alle Kinder dieselben Ansprüche. "1 Scheffel Dinkel, 1 Imi Most, 10 Pfund Schmalz, 1 Maß Branntwein, 4 Simri Mischling und 25 Krautköpfe", berichtete Museumsleiterin Steffi Cornelius, hatte jedes Kind der Familie Kittelberger, die das Wohn- und Stallhaus auf dem Museumsgelände um 1800 bewohnte, jährlich zu liefern. Hundert Jahre später, um 1900, wurde es möglich, in eine Rentenversicherung einzuzahlen.

Doch in ländlichen Gegenden verließen sich die Dorfbewohner noch lange auf die familiäre Altersversorgung, wie am Beispiel des Ausgedinghauses aus Aichelau deutlich wird. Der Begriff "Ausgeding" leitet sich ab von dem Wort "ausbedingen": die ältere Generation lässt sich bestimmte Rechte und Ansprüche zusichern.

Seit diesen Sommer kann das Ausgedinghaus auf dem Museumsgelände besichtigt werden. "Da sind manche Garagen heute größer," war der Kommentar eines einstigen Hausbewohners, als er das Ausgedinghaus in Beuren nach vielen Jahren wiedersah. Eine kleine Stube, eine winzige Küche mit Herd, unter dem Dach eine zugige Kammer, die nur über eine steile, enge Treppe zu erreichen ist. Nur 16 Quadratmeter Wohnfläche insgesamt, und doch, verglichen mit Wohnverhältnissen anderer damaliger Ruheständler, eine komfortable Wohngelegenheit. Toilette, Wasseranschluss, Keller oder einen Schuppen zum Lagern des Holzes allerdings gab es nicht. Deshalb waren die Bewohner abhängig vom Haupthaus, das nur 3,60 Meter entfernt war und in dem die Kinder lebten.

Noch im Jahr 1934 wurde ein Übernahmevertrag abgeschlossen, in dem sich die Eltern unter anderem die unentgeltliche Mitbenutzung des Abtritts und des Waschzubers zusichern ließen.