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Konkurrenz zum Getreide "hat sich vom Acker gemacht"

"Jeder sieht gern einen Acker mit Mohnblüten." Die Prägung des Landschaftsbilds ist für Prof. Dr. rer. nat. Konrad Reidl vom Institut für Angewandte Forschung der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt, Nürtingen-Geislingen, nur eine von vielen Funktionen von Ackerflächen, auf denen Wildkräuter wachsen. Nicht zu unterschätzen sei auch deren ökologische Bedeutung.

UTE FREIER

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In seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung "Ackerwildkräuter Leben zwischen Saat und Ernte" im Naturschutzzentrum Schopflocher Alb verwies Reidl auf deren ökologische Bedeutung durch die Vielfalt der Arten, als Lebensraum für Tiere und Nahrungsgrundlage für Insekten. Doch Getreidefelder mit rotem Klatschmohn und blauen Kornblumen sind selten geworden.

Klatschmohn und Kornblumen sind, ebenso wie viele andere Ackerwildkräuter auch, zahlenmäßig stark zurückgegangen, und manche dieser landläufig als "Unkraut" bezeichneten Kräuter sind gar gefährdet. Ursachen sind die Intensivierung der Landwirtschaft, die Düngung und Kalkung, der Einsatz von Herbiziden und die Veränderungen in der Fruchtfolge.

Herauszufinden, welche Arten auf der Schopflocher Alb noch vorhanden sind und welche Bedeutung sie für die Landwirtschaft haben, war das Ziel einer Untersuchung, mit der Reidl und seine Mitarbeiter im Jahr 2003 begannen. Bei der Erfassung wurden 117 Arten gezählt, darunter neun Arten, die auf der Alb bereits als ausgestorben galten und auf der Roten Liste gefährdeter Pflanzen stehen, zum Beispiel das Kuhkraut.

Zum Schutz dieser Wildkräuter soll nun eine Konzeption erarbeitet werden. "Der Naturschutz muss im agrarischen Raum mit der Landwirtschaft zusammenarbeiten", sagte Reidl. Gemeinsam wolle man herausfinden, wie man der Natur etwas Gutes tun könne. Dass dies nicht ganz problemlos vor sich gehen wird, deutete der Diplom-Biologe Markus Röhl, Mitarbeiter am Institut für Angewandte Forschung und Betreuer der Ausstellung, an. "Unter den Ackerwildkräutern sind viele Arten, die die Bauern nicht auf ihren Äckern haben wollen." Als eines dieser "Problemkinder" nannte er die Ackerkratzdistel, die sich bis zu drei Meter tief im Boden verwurzele und es immer wieder schaffe, erneut auszutreiben. "Ackerwildkräuter sind zwar wichtig für den Naturschutz, aber nicht immer günstig für die Landwirtschaft", fasste er den Konflikt zusammen.

Einige Landwirte engagieren sich bereits bei diesem Projekt. "So ein Projekt hat es in dieser Form noch nicht gegeben hat", lobte Matthias Berg, Erster Landesbeamter im Landratsamt Esslingen, diese Zusammenarbeit von Wissenschaft, Landwirtschaft und Naturschutz, und dankte der Stiftung Landesbank Baden-Württemberg, deren finanzielle Unterstützung die Realisierung dieses Projekts ermöglicht, sowie dem Kreisbauernverband.

Zum Schutz der Ackerwildkräuter gehört auch die Sensibilisierung der Bevölkerung durch bessere Information. Die breite Öffentlichkeit soll erfahren, "was so am Wegrand schlummert", erklärte Berg, "und was es zu beschützen und zu bewahren gibt." Dazu will die Ausstellung, die von der Hochschule und dem Naturschutzzentrum erarbeitet wurde, beitragen. Zehn Schautafeln informieren die Besucher unter anderem darüber, was Ackerwildkräuter sind. "Ackerwildkräuter wachsen ausschließlich oder vorwiegend in landwirtschaftlichen Kulturen wie Getreidefeldern, Hackfruchtäckern und Weinbergen."

Rund 300 Arten sind bekannt, darunter Klatschmohn, Kornblume, Weinberg-Traubenhyazinthe und Adonisröschen, die trotz ihrer Schönheit in landwirtschaftlichen Kulturen genauso wenig erwünscht sind wie unscheinbarere Arten, da sie alle zu Ernteeinbußen führen können und die Bewirtschaftung erschweren.

"Todesgrüße aus dem Acker" überbrachte gar die Kornrade, deren Samen ähnlich groß und schwer sind wie Getreidekörner und dadurch bei der Reinigung oft übersehen wurden. Gelangten sie in hoher Konzentration ins Brotmehl, führten sie früher zu Übelkeit und manchmal gar zum Tod. Andere Ackerwildkräuter wiederum sind als Heilmittel geschätzt, wie der Huflattich und die Kamille, oder dienen als Vitamin-Spender wie der Rapunzel, der als Feldsalat bekannt ist.

Eingewandert sind diese Kräuter in den vergangenen 5 000 Jahren durch die Ausbreitung des Ackerbaus und den weltweiten Handel mit Saatgut. Wie sich diese Wildkräuter in Konkurrenz mit den Kulturpflanzen durchgesetzt haben, welche Bedeutung sie für die Lebensgemeinschaften der Ackerflur haben, warum sie "sich vom Acker gemacht haben", und wie sie geschützt werden können, erklären weitere Tafeln. Historische, landwirtschaftliche Geräte sowie ein interaktives Multimediaspiel ergänzen die Ausstellung.

Dem Thema Ackerwildkräuter werden sich auch eine Fachtagung, eine Lehrerfortbildung und ein Diskussionsforum widmen. Im weiteren Verlauf der Ausstellung werden Führungen zum Thema Ackerwildkräuter angeboten. Als besondere Attraktion sind im Sommer so genannte Farbfelder geplant, Felder, auf denen einzelne Ackerwildkräuter streifenweise ausgesät werden.

Die Ausstellung ist vom 29. April bis 18. September im Naturschutzzentrum Schopflocher Alb zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 14 17 Uhr, Sonntag sowie 5. Mai, 1117 Uhr; Eintritt frei.

Weitere Informationen unter Telefon 0 70 26/9 50 12 0 und www.naturschutzzentren-bw.de.