Lokales

Kontakte zur Wirtschaft sind das A und O

"Perspektiven für die Jugend" lautete das Thema der Diskussion, zu dem der Arbeitskreis "Schule und Wirtschaft" in die Jugendagentur geladen hatte. Im Laufe der Debatte wurde deutlich, dass die Weichen für die Vermittlung von Schülern in Ausbildungsplätze nicht früh genug gestellt werden können. Das A und O stellt dabei die enge Verzahnung von Schule und Wirtschaft dar.

IRENE STRIFLER

Anzeige

KIRCHHEIM Ralf Röckel hatte beim Termin mit Vertretern aus Verwaltung, Schule, Wirtschaft und Jugendberufshilfe gut lachen. Schließlich war der Schulleiter der Gustav-Werner-Schule in Walddorfhäslach als Musterbeispiel eingeladen: Er sollte seine Schule vorstellen, die doch eigentlich "eine Schule wie jede andere" sei, wie der Pädagoge eingangs bescheiden abwehrte. Eine Besonderheit ist jedoch die enge Verzahnung mit der örtlichen Wirtschaft im 4800 Einwohner zählenden Ort: "Wir nutzen unsere Chancen im Hinblick auf Berufsorientierung optimal", frohlockte der Schulleiter, der selbst im Gemeinderat und im Kreistag sitzt. Alle 68 Gewerbetreibenden hat er persönlich kontaktiert und um Unterstützung gebeten. Die wurde ihm auch zugesichert.

Mittlerweile treten schon die Achtklässler der einzügigen Hauptschule, die zwischen 13 und 23 Schüler pro Jahrgang aufweist, in Kontakt mit der Berufswelt. Jeden Dienstag stehen Praktika auf dem Programm. Möglichst viele verschiedene Berufszweige werden abgedeckt, sodass die jungen Leute ihren Berufswunsch realistisch einschätzen können. "Am Ende der achten Klasse hat jeder Schüler eine fertige Bewerbungsmappe", fasste Röckel zusammen. Darin liegt unter anderem ein Beurteilungsbogen des jeweiligen Gewerbebetriebs. Nicht selten bleibt ein Schüler beim Betrieb seiner Praktikantenzeit "kleben". Genau das ist ja auch Sinn und Zweck der Sache.

"Walddorfhäslach ist nicht vergleichbar mit Kirchheim", rückte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker die Dimensionen zurecht. Dennoch seien auch in größeren Kommunen persönliche Kontakte entscheidend. Diese liefen speziell in Kirchheim über die Wirtschaftsförderin oder direkt über die Oberbürgermeisterin. "Eine Kommune hat im Hinblick auf die Qualifizierung der Jugend umfassende Aufgaben", fasste die Stadtchefin den Bogen weiter und betonte, dass es hier nun an vier Schulen Schulsozialarbeit gebe und schon im Kindergartenbereich Sprachförderung.

"Schule und Wirtschaft müssen sich noch stärker aufeinander zubewegen", sagte eine Frau aus der Praxis, Bettina Schmauder, die als Unternehmerin die Arbeitgeberseite und auch den BDS repräsentierte. Sie schilderte eigene Erfahrungen mit jungen Praktikanten und betonte, dass Neueinstellungen fast immer aus dem Pool der bereits bekannten Gesichter erfolgten. Ganz persönlich sprach sie sich allerdings gegen Tagespraktika aus. An einzelnen Tagen sei es nicht möglich, den jungen Menschen richtig kennenzulernen.

Dass die Schule eine Menge Gestaltungsmöglichkeiten im Hinblick auf die Wirtschaft habe, räumte Andreas Wittel ein vom Amt für Schule und Bildung. Allerdings müsse jede Schule ein eigenes Konzept entwickeln. Lehrer waren zuvor meist Schüler und Studenten, hatten oft jedoch noch keine Berührung mit dem betrieblichen Alltag.

Die Agentur für Arbeit sieht sich als "Mittler" zwischen allen Polen, wie Volker Seitz betonte, Teamleiter aus Göppingen. Die Möglichkeiten, Jugendlichen beim Start ins Berufsleben zu unterstützen, seien zahlreich und erstreckten sich von ausbildungsbegleitenden Maßnahmen bis zu Einstiegsqualifizierungen. Wenn vieles schon fehlgeschlagen ist, greift das Hilfsnetz des ARGE-Jobcenters Kirchheim, dessen Leiterin, Simone Büschel, ebenfalls über mannigfache Bemühungen berichtete. Hier gehe es oft schlicht darum, Neigungen zu erforschen und "Basics" zu vermitteln, etwa die Grundregeln des Benimm. Büschel lobte vor allem die Zusammenarbeit mit der Jugendagentur, die für Jugendliche ein sehr niederschwelliger Ansprechpartner sei.

Die Jugendagentur ist ein Verbund aus fünf Trägern der Jugendberufshilfe, wie Wolfgang Harder von Inbus und Birgit Häbich-Kampourakis vom Brückenhaus erläuterten. Im sprichwörtlichen Boot sitzen das Brückenhaus, Inbus, Intakt, das KIZ und die Paulinenpflege. Außerdem besteht enge Kooperation mit dem Kreisdiakonieverband. Die Jugendagentur bündelt Angebote und vermeidet so Doppelstrukturen. Zielgruppe sind Menschen bis 27 Jahre, und zwar Schüler oder Job- und Ausbildungssuchende sowie junge Leute, die bislang noch keinerlei Abschlüsse und Erfolge vorzuweisen haben. Ihnen bietet die Jugendagentur Orientierung, Beratung oder Vermittlung von Praktika und langfrisitige Begleitung, wobei auch die Familie und das Umfeld nicht aus den Augen verloren werden. 300 Jugendliche haben sich im Jahr 2006 bereits an die Jugendagentur gewandt. Immerhin 34 Prozent wurden bislang in ein Beschäftigungsverhältnis oder eine Ausbildung gebracht.

In diesem Sinne plädierte auch Jutta Goltz, die die Jugendagentur wissenschaftlich begleitet, dafür, nicht in "Lamento-Haltung" zu verharren, sondern trotz schwieriger Ausgangslage Impulse zu geben.