Lokales

Kontraste zwischen Buchdeckeln

Das Gastgeberland Südafrika hat trotz seiner bewegten Vergangenheit sehr viel Interessantes zu bieten

Kirchheim. Wo sonst Lyrik-Bände liegen, Gesamtausgaben mit Goldschnitt gehandelt werden und Belletristik boomt – bietet sich derzeit ein völlig anderes Bild. Alles Balla-Balla, oder was? Biografien von Ball-Artis

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ten schmücken Buchdeckel, Bälle und Fan-Schals liegen in den ansonsten eher „hoher Literatur“ geweihten Schaufenstern der Kirchheimer Buchhandlungen und die Vielfalt des bunten Angebots beeindruckt.

Nicht nur mit der alles in ihren Bann ziehenden Droge Fußball dealen Kirchheims Buchhändler, sondern auch mit dem ansteckenden Afrikabazillus und richten ihren Blick gleich doppelt hoffnungsvoll zum Kap der Guten Hoffnung. In Südafrika gibt es schließlich nicht nur Fußball-Gerangel und Verdruss mit den verflixten Vuvuzelas, sondern auch eine vielfältige Literaturszene, die tiefe Einblicke und Einsichten in ein faszinierend schönes Land erlauben, dessen Zauber allerdings immer untrennbar mit dem Albtraum der Apartheid verbunden bleiben wird.

Wer sich ernsthaft mit dem WM-Gastgeberland auseinandersetzen möchte, kommt nicht an Nelson Mandelas „Der lange Weg zur Freiheit“ vorbei. Das Buch ermöglicht eine spannende Annäherung an einen charismatischen Menschen, der für seine Ideen lebt, 27 Jahre im Gefängnis litt und schließlich maßgeblich zur Überwindung der Apartheid beitrug. Zu gönnen gewesen wäre ihm dafür auch eine ebenso große mediale Präsenz und Euphorie, wie sie sein damaliger Weggefährte bei der Eröffnungsfeier zur Fußball-WM erleben durfte. Während Bischof Tutu zum Auftakt sich mit Fußball-Schal, Fan-Mütze und Sonnenbrille am Mikrofon mit seiner ausgelassenen Fröhlichkeit weltweit in die Herzen der Menschen lachte und seither in einer „special version“ mit Shakiras WM-„Waka-Waka“ versendet wird, musste der immer wieder von Schicksalsschlägen heimgesuchte Friedensnobelpreisträger Mandela die Teilnahme bei der Eröffnung „seiner Spiele“ absagen, um abseits des Fußballrummels Ruhe zu finden, um den Unfalltod einer 13-jährigen Urenkelin zu verarbeiten.

Unfälle und Schicksalsschläge, Tod und Gewalt sind Motive, die aus der südafrikanischen Literatur nicht wegzudenken sind, genauso wenig wie Gräben überwindende Freundschaften. Der Tod von Steve Biko, der Symbolfigur des Widerstands gegen das Apartheids-Regime, sorgte 1977 für einen weltweiten Aufschrei. Der Journalist Donald Woods deckte unter größter Gefahr für sein eigenes Leben die mysteriösen Umstände des Todes von Biko auf, der nach Folter bei Verhören in Polizeigewahrsam starb. Die Geschichte wurde von John Briley in einem Roman aufgearbeitet und von Sir Richard Attenborough eindrucksvoll verfilmt.

Zur „besten Sendezeit“ wurde dieses Juwel ausgestrahlt, ohne Überschneidungen mit Fußballübertragungen befürchten zu müssen: In der Nacht von Donnerstag auf Freitag von 0.15 bis 2.45 Uhr . . . Zum Glück gibt es diesen wertvollen Klassiker längst für ein paar Euro als jederzeit abspielbare DVD. Die Verfilmung seines Buchs „Weisse Zeit der Dürre“ brachte mit André Brink einem der wenigen auf Afrikaans und Englisch schreibenden südafrikanischen Autoren internationale Beachtung. Auch hier geht es um ein mysteriöses Verschwinden und den Tod in Polizeigefangenschaft. Als einer der bedeutendsten Schriftsteller Südafrikas hat André Brink noch viele andere interessante Titel zu bieten. Es muss ja nicht gleich Afrikaans im Original sein...

Ein wichtiges Sprachrohr Südafrikas ist der 2003 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete J. M. Coetzee. Sein wohl bekanntestes Werk ist „Schande“. Die Geschichte einer Vater-Tochter-Beziehung wird überschattet von den Post-Apartheid-Problemen der südafrikanischen Gesellschaft. Besonders empfohlen wird Kirchheimer Lesern – und wohl vor allem Leserinnen – sein Buch „Sommer des Lebens“, in dem ein junger Biograf das ungeschminkte „Porträt des Künstlers als junger Mann“ zeichnet, der über sein Begehren stolpert, aber schließlich zu der Stimme findet, deren Unbestechlichkeit weltweit bewundert wird. Das von Coetzee beschriebene Verhältnis eines verwitweten weißen Schafzüchters mit der blutjungen schwarzen Frau seines Vorarbeiters, beendet in „Im Herzen des Landes“ den unsicheren feudalen Frieden und wird zur Parabel der Tragödie Südafrikas.

Die bekannteste und zugleich unbequemste Stimme Afrikas gehört aber sicher der 1991 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Nadine Gordimer. Schon 1950 gehörte sie einer Gruppe an, die die damaligen Apartheidsgesetze missachtete. In den späten 80er-Jahren engagierte sie sich erneut im Widerstand und betonte immer wieder, nicht als Propagandistin andere von ihren politischen Idealen überzeugen zu wollen. Ihre Absicht sei vielmehr die Wirklichkeit auf ehrliche Weise darzustellen und verborgene Aspekte zu beleuchten. Als Kontrast zu diesen beiden Nobelpreisträgern wird mit Stefanie Gerckes „Schatten im Wasser“ auch zur Lektüre eines „routinierten Unterhaltungsschmökers geraten, der dennoch spannende Lektüre verspricht. Einig sind sich die Vertreterinnen des Kirchheimer Buchhandels, wenn es um aktuelle Krimis geht. Roger Smith richtet seinen Blick gnadenlos auf die Schattenseiten Südafrikas und zeigt, wie dicht in Kapstadt Reichtum und Armut beieinanderliegen und wie schmal die Linie zwischen Recht und Verbrechen ist. „Kap der Finsternis“ wird genauso empfohlen wie „Blutiges Erwachen“ – gleichzeitig aber gewarnt, dass die Lektüre nur etwas „für Leser mit strapazierfähigen Nerven“ ist.

„Dreizehn Stunden“ lautet der Titel des „bislang rasantesten und hintergründigsten Romans“ von Deon Meyer, der als einer der erfolgreichsten Krimiautoren gilt. Vervollständigt wird die Liste mit Andrew Browns „Schlaf ein, mein Kind“, das nicht nur in Kirchheim empfohlen wird, sondern auch den renommiertesten Literaturpreis Südafrikas, den „Sunday Times Fiction Prize“, erhielt.

Wer sich mehr für die schönen Seiten Afrikas interessiert, kann sich diesem Ziel über die „Traumstraßen Afrikas“ nähern, einem vielseitig bebilderten Band mit Kartenmaterial der attraktivsten Strecken zwischen der Straße von Gibraltar und dem Kap der Guten Hoffnung. Steve Blooms „Lebendiges Afrika“ versucht, in faszinierenden Aufnahmen die Vielseitigkeit eines „ganzen Kontinents in einem Land“ in bewegenden Impressionen näherzubringen. „Zeit für Südafrika“ konzentriert sich dagegen auf die schönsten Wohlfühlziele und zeigt malerische Lodges, Wildparadiese und Weinressorts für all diejenigen, die dem Rummel entkommen wollen.

Ob der empfohlene „ADAC Reiseführer Premium Südafrika“ tatsächlich die beste Wahl ist, muss am ehesten individuell entschieden werden, denn bei der Vielzahl der konkurrierender Reihen ist die Auswahl hier besonders stark von persönlichen Vorlieben bestimmt.

Deutlich konkurrenzloser ist da der Bildband „Afrika für Kinder erzählt“, das die Themen Landschaft, Flora und Fauna stimmig aufarbeitet. Ebenfalls sehr kindgerecht geht es in „Mandela Nelson“ zu. „Witzig, spannend und berührend“ wird in diesem – ausnahmsweise – in Tansania spielenden Buch der Frage nachgegangen, wie man aus einer afrikanischen Viehweide ein länderspieltaugliches Stadion macht, wenn ein Jugendteam aus Deutschland zu Besuch kommt.

Da auch die Liebe zu fernen Ländern durch den Magen geht, wird noch „Südafrika. Das Kochbuch“ ans Herz gelegt. Hier findet sich alles, was unbedingt einmal nachgekocht werden sollte, egal ob das nun „Boboties“, „Chakalaka“ oder „Bredies“ sind. Vielleicht haben die Spielerfrauen und ihre Männer ja Interesse an der faszinierenden Küche ihres Gastgeberlandes gefunden und bald wieder Zeit, gemeinsam in der heimischen Küche zu stehen . . .