Lokales

Krankenhäuser auf Sparflamme Praxen zu

Das Thema Gesundheitsreform bewegt die Gemüter. Während die Politiker im fernen Berlin eifrig streiten, streiken die Ärzte bundesweit. Erstmals wird auch der Krankenhausbetrieb im Kreis von der großen Protestwelle erfasst. Zum wiederholten Male werden Patienten in und um Kirchheim ab Mittwoch vor verschlossenen Praxistüren stehen.

I.STRIFLER / R.UMSTADT

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KIRCHHEIM "La Ola" die Welle, ist ein untrügliches Zeichen in den Stadien für eine Stimmung auf dem Siedepunkt. Dagegen sorgt eine andere Welle dafür, dass jegliche Stimmung bei den kommunalen Arbeitgebern im Keller ist die Streikwelle der Ärzte in den Kliniken. Sie erfasst seit gestern auch die Landkreise Esslingen und Göppingen. Während bereits die im Marburger Bund organisierten Mediziner aus der Göppinger Klinik am Eichert ihr Stethoskop bei Seite legten und auf die Straße gingen, wird ab morgen das Paracelsus-Krankenhaus in Ruit bestreikt.

Wann die anderen Krankenhäuser des Landkreises Esslingen, das Klinikum Nürtingen-Kirchheim und die Plochinger Klinik folgen werden, ist noch nicht sicher. "Die Streikbereitschaft ist da", versicherte gestern Dr. Hans Widmann, Personalrat im Kreiskrankenhaus Kirchheim und Mitglied des Marburger Bundes. 97 Prozent der knapp 40 in der Ärztegewerkschaft Organisierten (von insgesamt 61 Medizinern) hätten sich in Kirchheim für einen Arbeitskampf ausgesprochen. Die Streiktaktik allerdings wird mit dem Marburger Bund in Mannheim zentral abgestimmt.

Ähnlich äußerte sich auch Dr. Boris Geiselhart-Grotz von der Streikleitung des Nürtinger Kreiskrankenhauses. Von den 102 im Nürtinger Haus arbeitenden Ärzten sind 60 organisiert. Davon stimmten 90 Prozent für einen Streik. Doch ob dieser bereits in dieser Woche das Klinikum Nürtingen-Kirchheim sowie das Kreiskrankenhaus Plochingen erfassen wird oder erst Anfang nächster Woche, ist noch ungewiss. "Wenn wir streiken, dann unbefristet und in allen Abteilungen", sagte Dr. Geiselhart-Grotz. Zuvor werde mit der Krankenhausleitung eine Notdienstverordnung abgeschlossen.

Dies geschah in Ruit bereits. Wie die Pressestelle des Landratsamtes mitteilte, werden akut Kranke, Schwerverletzte und Strahlenpatienten auch während des Streiks im Paracelsus-Krankenhaus behandelt. Außer der Notfallversorgung werde sichergestellt, dass Patienten mit dringenden operativen Eingriffen oder Behandlungen ohne Qualitätsverluste behandelt werden können.

"Die kommunalen Krankenhäuser können die Einnahmeverluste eines Streiks nicht kompensieren", hoffte der Geschäftsführer der Kreiskliniken, Franz Winkler, auf eine baldige Einigung der Tarifparteien. Die Streikkosten beziehungsweise eine höhere Vergütung der Ärzte müssten aus den Budgets beglichen werden. Den Sonderweg der Städte Stuttgart und Esslingen möchte Winkler nach Möglichkeit nicht beschreiten. Er setzt stattdessen im Tarifrecht auf eine einheitliche Linie.

Auch die Praxen befinden sich ab morgen überwiegend im Ausstand. Von großer Einigkeit unter den niedergelassenen Medizinern in und um Kirchheim berichtet Dr. Thomas Löffler von der Kreisärzteschaft. So gut wie alle Ärzte beteiligen sich an den flächendeckenden Aktionen, die bundesweit ab Mittwoch geplant sind. Für Patienten bedeutet dies vielerorts geschlossene Praxistüren. Der Kampf um eine bessere Vergütung ihrer Leistungen und um eine bessere Versorgung der Patienten eint die niedergelassenen Ärzte rund um die Teck. Am morgigen Mittwoch, 28. Juni, sowie am Freitag, 30. Juni, sind die Hausarztpraxen geschlossen. In dringenden Fällen sind wie üblich die Notfallpraxis im Kirchheimer Krankenhaus sowie die Notfallpraxis in der Heiligkreuzstraße die richtigen Anlaufstellen. Beide sind jeweils unter der Telefonnummer 1 92 92 zu erreichen.

Die Fachärzte, vom Gynäkologen bis zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt, sind dazu aufgerufen, ihre Praxen durchgehend von Mittwoch bis Freitag geschlossen zu halten. Ein Novum ist für Donnerstag, 29. Juni, vorgesehen. Dieser Tag wurde zum "fachärztlichen Aktionstag" auserkoren. An diesem Tag werden die Fachärzte von ihren hausärztlichen Kollegen vertreten. Die Fachärzte wollen gemeinsam mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf ihre Situation und die "politisch gewollte systematische Vernichtung" ihrer Existenz, wie es in einem Schreiben der hiesigen Ärzteschaft heißt, aufmerksam machen. Unter dem Motto "Stiften gehen Wir wandern symbolisch aus" brechen die Fachärzte von Friedrichshafen am Bodensee aus zu einer Schifffahrt ins benachbarte Österreich auf.

Nach wie vor richtet sich der Protest der niedergelassenen Ärzte vor allem gegen zunehmende Bürokratie, gegen höhere finanzielle Belastung der Patienten und ganz allgemein gegen die sich stetig verschlechternden Berufsbedingungen im Gesundheitswesen.