Lokales

Krankheitsverlauf kann verzögert werden

Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) bedeutet kein sofortiges Todesurteil, das wurde bei der Eröffnungsveranstaltung der "Infotage Multiple Sklerose" im Klinikum Kirchheim-Nürtingen klargestellt. "MS ist zwar nicht heilbar, der Krankheitsverlauf lässt sich aber verzögern und die Symptome lassen sich mildern", machte der Leitende Arzt des Fachbereichs Neurologie, Dr. Uwe Mauz, deutlich.

RENATE SCHATTEL

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KIRCHHEIM Für den Krankheitsverlauf mitverantwortlich ist auch eine breit angelegte Therapie, die nun im Kirchheimer Klinikum in Kooperation mit Ärzten und Therapeuten im niedergelassenen Bereich und der Wernauer AMSEL-Kontaktgruppe angeboten wird und somit Kirchheim zum Kompetenzzentrum für Multiple Sklerose und Neurologie avancieren lässt. Dass das Kirchheimer Klinikum auf dem besten Weg zum Spezialstandort für Neurologie ist, machte Klinikdirektor Siegfried Schmid deutlich.

Im Zuge des Strukturwandels der Krankenhäuser seien klare Schwerpunkte gesetzt worden. Kirchheim bediene die Bereiche Kardiologie und Neurologie mit hoher fachlicher Kompetenz. Dafür werde auch der Neubau zügig vorangetrieben. "Es wird alles getan, um ein modernes und leistungsfähiges Krankenhaus zu schaffen", versprach der Klinikdirektor. Dass die Standortfrage der Krankenhäuser Kirchheim und Nürtingen die Gemüter fast zwei Jahre lang emotional berührte, rief Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker anschließend den geladenen Gästen in Erinnerung.

Die Entscheidung des Kreistages im März 2004 sei eine politische, unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten getroffene Entscheidung gewesen mit der Zielrichtung für ein Krankenhaus an zwei Standorten mit jeweiliger Spezialisierung. "Die Stärkung des Krankenhausstandortes in unserer Stadt ist eine Herzensangelegenheit", betonte die Oberbürgermeisterin. Die Standortsicherung für das Kirchheimer Krankenhaus im Klinikum Kirchheim-Nürtingen habe für Rat und Verwaltung hohe Priorität. Dazu trage auch die Einrichtung des Linksherzkathetermessplatzes bei.

Experten aus dem Krankenhaussektor erklärten, dass diese Einrichtung eine wesentliche Voraussetzung für das Überleben dieses Hauses sei, betonte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker bei der Eröffnung der "Infotage Multiple Sklerose". In der kommenden Woche stehe die Neubesetzung der Chefarztstelle an und Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker drückte daher auch ihre Hoffnung aus: "Ein Kardiologe könnte wieder Ruhe ins Haus bringen".

Wichtig für die Sicherung des Standorts Kirchheim sei auch die Kooperation mit einem Ärztehaus, das wenige Meter vom Kirchheimer Klinikum entfernt entstehen werde. Für den Erhalt des Kirchheimer Krankenhauses ebenfalls notwendig sei die Akzeptanz der Bevölkerung, dazu gehörten auch die einweisenden Ärzte. Um die erforderliche Akzeptanz in der Stadt zu erreichen, bedürfe es zudem Veranstaltungen, die die Klinik in den Fokus des Stadtgeschehens rückten, wie beispielsweise die am Wochenende veranstalteten "Infotage Multiple Sklerose".

Diese Krankheit, so machte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker bei der Eröffnung deutlich, habe viele Gesichter und erfordere eine vielschichtige Behandlung: Physiotherapie, Krankengymnastik, gesunde Ernährung, medizinische Versorgung und bei zunehmender Behinderung entsprechende Unterstützung durch die Familie, Freunde und Pfleger.

"Hier übernimmt die AMSEL-Kontaktgruppe als Selbsthilfeorganisation und Interessenvertretung wichtige Aufgaben, denn sie verbessert die Lebenssituation MS-Kranker nachhaltig". Der Leitende Arzt des Fachbereichs Neurologie am Klinikum Kirchheim-Nürtingen, Dr. med. Uwe Mauz, leistete seine Zivildienstzeit bei der AMSEL-Gruppe Bietigheim-Bissingen ab und betreute eine MS-Kranke in intensiver Einzelbehandlung. Diese Erfahrung war ausschlaggebend für ihn, Neurologe zu werden.

Seine tröstliche Botschaft an alle Betroffenen der unheilbaren Krankheit lautet: "Multiple Sklerose ist nicht heilbar, der Krankheitsverlauf lässt sich aber verzögern und die Symptome lassen sich mildern". Uwe Mauz klärte die Besucher der Eröffnungsveranstaltung grundsätzlich über das Krankheitsbild Multiple Sklerose auf. "MS ist eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems, bei der Entzündungsherde in der Schutzschicht der Nervenfasern entstehen".

Ist aber die Schutzschicht der Nerven angegriffen, können Signale nicht mehr wirkungsvoll über das Rückenmark an das Gehirn gesendet werden. MS-Kranke verspüren nur ein Kribbeln, stolpern vermehrt, sprechen undeutlich oder bekommen Schwierigkeiten beim Sehen. "Leider dauert es vom Erstsymptom bis zur Diagnosestellung durchschnittlich drei bis vier Jahre", bedauerte der Spezialist auf dem Gebiet der Neurologie. Dringend wichtig ist daher auch hier eine Früherkennung, damit rechtzeitig mit einer wirkungsvollen Therapie angefangen werden kann.

Wie er in seinem Referat aufzeigte, ist ein Großteil der Patienten bei Krankheitsbeginn zwischen 30 und 40 Jahre alt, der überwiegende Teil ist weiblich. Wie er weiter mitteilte, wurden in einem Pilotprojekt erstmals Daten aufgelistet, die Aufschluss über Krankheitsverlauf, Geschlechterverteilung, Alter und Behinderungsgrad geben können. Seit 2001 sammelt die "Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft" auch Patientendaten für ein Deutsches MS-Register. Nach Schätzungen sind in Deutschland rund 120 000 Menschen an MS erkrankt, weltweit sind es 2,5 Millionen Menschen.

Der Krankheitsverlauf ist bei 63 Prozent der Patienten schubförmig und 28 Prozent weisen einen sekundär-chronischen Verlauf auf. "Die Behandlung der Krankheit lohnt sich, denn sie bedingt kein Siechtum, sondern ein lebenswertes Leben", überzeugte Dr. med. Uwe Mauz die Zuhörerschaft. Dass das Leben mit der schweren Krankheit MS durchaus lebenswert ist, demonstriert die Selbsthilfegruppe AMSEL seit nunmehr 30 Jahren.

Helmut Geiger, Leiter des Sozialen Dienstes des AMSEL-Landesverbandes, führte in die Ausstellung zur Geschichte der MS im Foyer des Kirchheimer Krankenhauses ein. Seit dreißig Jahren bestehe die AMSEL-Gruppe in Baden-Württemberg und fungiere als wichtige Anlaufstelle für alle Landkreise und kreisfreien Städte. Im Land gebe es 59 Gruppen und 37 Junge Initiativen. Vor Ort leitet Helene Schweikart die Wernauer AMSEL-Kontaktgruppe, Ilona Baron die "Junge Initiative".

Helene Schweikart erzählte von den verschiedenen Angeboten der AMSEL-Kontaktgruppe, wie etwa dem wöchentlichen familienentlastenden Nachmittag, der Kreativgruppe und dem Betreuungsdienst Schwerstbetroffener, den Zivildienstleistende ausführen. "Leider gibt es immer weniger Zivis, da kommen große Probleme auf uns zu", erläuterte Helene Schweikart die angespannte Situation.

Helmut Geiger berichtete von den Veranstaltungen des Landesverbandes und informierte über die Interessenvertretung in Politik und Gesellschaft. Bausteine zur Öffentlichkeitsarbeit sind die bis einschließlich Samstag, 7. Mai, täglich von 6 bis 19 Uhr geöffnete Ausstellung zur Geschichte der MS im Krankenhaus-Foyer, sowie die Homepage www.dmsg.de/amsel. Einig waren sich die Vertreter der AMSEL-Kontaktgruppe, dass die Kooperation mit dem MS- Kompetenzzentrum im Klinikum Kirchheim-Nürtingen noch weiter verstärkt werden soll.