Lokales

Krise ist „noch lange nicht zu Ende“

Sieghard Bender beschreibt die aktuelle Situation der Metall- und Elektroindustrie aus Gewerkschaftssicht

Das Stichwort „Wirtschaftskrise“ wurde bislang am ehesten mit dem Jahr 1929 verbunden und mit einem kleinen Zusatz versehen, der diese historische Krise zur „Weltwirtschaftskrise“ machte. Das liegt zwar bald 80 Jahre zurück, scheint aber aktueller denn je zu sein: Im Rahmen eines Pressegesprächs verglich Sieghard Bender von der Esslinger IG Metall gestern die derzeitige Lage mit der Situation von 1929 und meinte, dass die Schwierigkeiten „vielleicht sogar größer“ seien als damals.

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Andreas Volz

Esslingen. Dass die Krise so schnell kommt, hätte Sieghard Bender, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Esslingen, nicht erwartet. Noch im Sommer habe es dafür kaum Anzeichen gegeben: „2007 war ein Rekordjahr und 2008 bis zum Sommer auch.“ Die Schwierigkeiten der Automobilindustrie seien zwar schon abzusehen gewesen, weil die großen Modelle zu viel Energie verbrauchen. Was Sieghard Bender aber gänzlich überrascht hat, ist die Tatsache, dass die Krise auch beim Maschinen- und Anlagenbau bereits voll angekommen ist.

Bei den Esslinger Index-Werken, dem „Flaggschiff unseres Werkzeugmaschinenbaus“, gebe es in einigen Abteilungen schon seit zwei Wochen Kurzarbeit. Putzmeister sei „auf Minusstunden“ gegangen, und selbst Festo habe „ein paar Schließungstage – was es noch nie gab“. Viele Betriebe im Kreis Esslingen seien momentan dabei, Arbeitszeitkonten zu bereinigen und Überstunden abzubauen. „Aufgrund verschiedener Arbeitszeitmodelle können viele Firmen nicht sofort in Kurzarbeit gehen“, sagte Sieghard Bender gestern in Esslingen. Bei Balluff in Neuhausen etwa sei geplant, von Januar bis Ende März auf 30-Stunden-Wochen zu reduzieren. Bezahlt würden 31 Stunden. Bei der Belegschaft stoße die Regelung auf große Zustimmung, weil auch die leitenden Mitarbeiter auf 15 Prozent ihres Gehalts verzichten müssten, berichtete Sieghard Bender.

Der Grund, warum so viele Betriebe im Kreis ihr Heil in Kurzarbeit oder in verlängerten Ferien suchen müssten, liege nicht in den Produkten dieser Unternehmen, sondern am massiven Auftragsrückgang: „Die Kunden stornieren, weil sie es nicht mehr finanziert kriegen.“ Bei Auftragseinbrüchen denke jeder sofort an die Zulieferer der Automobilindustrie, meinte der Esslinger Gewerkschaftsfunktionär. Was aber übersehen werde, sei der Punkt, dass es auch die Zulieferbetriebe der Maschinenbauer hart treffe.

Vielfach gehe es um Firmenexistenzen. Wenn das Eigenkapital aufgebraucht sei, stünden die Betriebe vor Liquiditätsproblemen, weil auch die Banken kaum mehr Kredite gewährten. Während Sieghard Bender fest daran glaubt, dass die großen Unternehmen die Krise durchstehen werden, fürchtet er vor allem um Betriebe mit einer Größe von bis zu 200 Beschäftigten. Die Abwärtsspirale beginne damit, dass die großen Konzerne Investitionen verschieben. Dann würden auch die kleineren Betriebe anfangen zu sparen. „Das geht immer weiter nach unten und ist noch lange nicht zu Ende.“ Betroffen seien Unternehmen auf der ganzen Welt: Auch in China, Indien oder Russland stünden Maschinen still. Sieghard Bender warnt davor, dass Firmen sich „zu Tode sparen“. An der Entwicklung zu sparen, sei beispielsweise „absolut irre“.

Allerdings gebe es auch Betriebe im Landkreis, die noch volle Auftragsbücher haben. Dazu gehöre Siemens in Kirchheim: „Bereiche wie Windkraftanlagen laufen noch.“ Deshalb habe die IG Metall Esslingen auch mit Südwestmetall einen Tarifvertrag für sechs Unternehmen im Kreis abgeschlossen, der es ermöglicht, dass einzelne Betriebe in der Krise ihre Beschäftigten vorübergehend anderen Unternehmen überlassen, in denen noch Überstunden an der Tagesordnung sind. Weitere Vorschläge der IG Metall zum Umgang mit der Krise bestehen darin, dass Beschäftigte Stipendien bekommen, um sich weiterzubilden. „Wenn die Krise zu Ende ist, haben die Betriebe die Fachkräfte, die sie dann brauchen.“

Die Krise kann Sieghard Bender zufolge bis zu eineinhalb Jahre dauern, „ohne dass es Entlassungen im großen Stil geben muss“. Vor allem für Esslingen ist Bender zuversichtlich: „Wenn es der Landkreis Esslingen nicht packt, welcher Landkreis soll es sonst packen? Manche Landkreise wären froh, sie könnten überhaupt so eine gegenseitige Arbeitnehmerüberlassung vereinbaren.“

Was die Gewerkschaftsposition betrifft, stellte Sieghard Bender gestern klar: „Wenn Belegschaften Opfer bringen müssen, dann müssen auch Beteiligungen an Unternehmen her.“ Eine besondere Vision dazu hat er bereits: „Aus unserem Landkreis gehen rund 100 Millionen Euro nach draußen, in die private Altersvorsorge.“ Wenn ein Teil dieses Geldes nun nicht an Versicherungen ginge, sondern an eine Beteiligungsgesell­-schaft, die regionale Unternehmen mit Kapital ausstattet und dazu noch ein bis zwei Prozent mehr Gewinn garantiert als „über das Sparbüchle“ möglich sind, dann könnte das zu einer „Win-win-Situation“ führen: Die Unternehmen bleiben liquid, die Beschäftigten erhalten ihren Arbeitsplatz in der Region und legen ihr Geld alles andere als „anonym“ an.

Noch ist das nur eine Idee, aber Sieghard Bender hat schon bei Geschäftsführern, Banken und selbst im Wirtschaftsministerium vorgefühlt. Alle seien von der Idee angetan gewesen. Bei allen Beteiligten sieht Bender ein starkes Interesse, „dass die Firmen überleben“.