Lokales

Kritik an der Landespolitik wird immer lauter

Die Kritik gegen die Landespolitik wird immer deutlicher: Die Kommunen fühlen sich nicht nur von der Landesregierung im Stich gelassen, sondern regelrecht verkauft. Was seit 1979 verschlafen wurde, soll nun hauptsächlich auf Kosten der Städte und Gemeinden im Landkreis Esslingen ausgeglichen werden.

IRIS HÄFNER

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WEILHEIM Das Vokabular erweitert sich. Neben Rotmilan und Halsbandschnäpper rückt nun auch die Würgergruppe, insbesondere der Rotkopfwürger in Weilheim, in das Bewusstsein zumindest bei den Kommunalpolitikern. Gegen die Kulturlandschaft Streuobstwiesen richtet sich in keinster Weise die Kritik, im Gegenteil. Welch herrliche Landschaft die Albrandgemeinden umgibt, darüber sind sich alle einig. Dies ist eine Kulturlandschaft in Reinform, die es nicht ohne den Menschen gäbe. Diese Landschaft hat es aber vor 200 Jahren noch nicht gegeben, denn vor dem katastrophalen Feldzug der Reblaus herrschten Weinberge in der Region vor.

Ganz langsam etablierten sich die Obstbäume. "Die wunderschönen großen Birnbäume, die es heute noch gibt, standen ursprünglich als Solitärbäume auf gutgedüngten Ackerflächen. Erst als es gelang, die Milch zu pasteurisieren, wurde auch für die Kleinbauern hierzulande die Milchwirtschaft interessant und es wurde mehr Grasland benötigt. So entstanden die heutigen Streuobstwiesen", gab während einer Pressekonferenz der Fraktionen der Freien Wähler im Kreis Esslingen in Weilheim der Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Linsenhofen, Helmut Dolde, einen geschichtlichen Überblick über diese wertvolle Landschaftsform.

Langsam aber sicher drängt sich der Eindruck auf, dass dieses vom Menschen geschaffene Biotop als Bumerang zurückkommt. Bevormundung kann niemand leiden auch nicht der Schwabe, der mittlerweile nicht mehr aus wirtschaftlichem Interesse, sondern lediglich aus Idealismus, Traditionsbewusstsein und Naturliebe seine Obstwiesen pflegt. Überalterte Bestände sind allerorten anzutreffen, der Ertrag liegt trotz knochenharter Pflege und Ernte der Wiesen und Bäume nahezu bei Null. Die arbeitsintensive Pflege dieser Grundstücke kann die öffentliche Hand weder finanziell noch arbeitstechnisch übernehmen.

Betroffen von dem EU-Gesetz sind aber auch die Kommunen. In Weilheim, Neidlingen, Lenningen, Notzingen, aber auch in einigen Gemeinden im Altkreis Nürtingen gehen die neuen Vogelschutzgebiet "bis zur Haustüre", wie es Alfred Bachofer von der Fraktion der Freien Wähler im Landkreis und in der Region formulierte. Im Jahr 2001 hat das Land Baden-Württemberg fünf Prozent der Landesfläche als Vogelschutzgebiete ausgewiesen. Eindeutig zu wenig, wie die EU-Kommission befand. Um keine immensen Strafzahlungen zu riskieren beschritt die Landesregierung einen aus ihrer Sicht zwar effektiven, dafür aber höchst fragwürdigen und ungerechten Kurs. Weitere fünf Prozent der Landesfläche wurden nachgemeldet, die Flächen dafür finden sich konzentriert im Albvorland und auf der Baar rund um Villingen-Schwenningen. "Das geschah voll zu unseren Lasten", sagt Weilheims Bürgermeister Bauer, Gastgeber des Informationstermins. Begründet werden die Pläne von Seiten des Landes zwar aus ornitologischer Sicht, dass die Vogelschutzgebiete jedoch mehr oder weniger am grünen Tisch entschieden wurden, diese Vermutung haben immer mehr Betroffene sowohl Kommunen als auch Grundstückseigentümer. Als Paradebeispiel kann hier die Grenze zwischen Notzingen und Hochdorf genannt werden. Während Notzingen nicht einmal mehr eine Kleintierzuchtanlage ausweisen kann, ist Hochdorf mit nahezu gleichem Landschaftsbild in keiner Weise betroffen.

"Ein Prozent der Landesfläche, die uns abgenommen wird, würde uns schon reichen", sagt Bürgermeister Bauer. Ihm ist völlig unverständlich, weshalb ausgerechnet in einem Verdichtungsraum das Hauptvogelschutzgebiet von Baden-Württemberg liegen soll. "Das beißt sich", erklärte er. 30 Prozent der Landesfläche sind IBA-Gebiete (International Bird Area). Davon können aus Sicht der Bürgermeister in der Region zehn Prozent als Vogelschutzgebiet gemeldet werden, wobei die Hauptlast dann auch weiterhin der Landkreis Esslingen zu tragen hat. "Auch im Nordschwarzwald oder auf dem Schurwald leben besonders schützenswerte Vögel", so Bauer. Bayern hat insgesamt acht Prozent seiner Landesfläche gemeldet und "ist damit durch", wie Hermann Bauer erläuterte. Auf Weilheimer Markung stehen insgesamt rund 80 000 Obstbäume, wobei in den vergangenen 20 Jahren etwa 8500 junge Hochstammbäumchen gepflanzt wurden, bezuschusst von der Stadt. Auch ohne Vogelschutzrichtlinie seien die Kommunen verantwortungsbewusst mit ihren Flächen umgegangen, was die Qualität des Gebiets nun beweise.

"Wenn die Grenze im Abstand von 100 Meter von der Bebauung verläuft, wird das die Vogelpopulation nicht gravierend dezimieren, den Kommunen wäre jedoch enorm geholfen", sagte Alfred Bachofer.