Lokales

Kritik an der über 20 Jahre alten Planung

Seit dem gestrigen Dienstag ist die Landesstraße 1207 im Bereich zwischen dem Kreisverkehr Freitagshof und der Plochinger Steige in Kirchheim gesperrt. Die Vollsperrung wird während der voraussichtlich achtmonatigen Bauzeit bis Ende November aufrechterhalten. Der Bund für Umwelt und Naturschutz übt heftige Kritik an der Umsetzung einer „über 20 Jahre alten Planung“.

Rudolf stäbler

Kirchheim. Zur Verbesserung des Zustandes der Landesstraße soll die Plochinger Steige nach dem Willen der Straßenbauer grundlegend saniert werden. So werden die engen Kurven im Bereich des Wohngebiets Hohenreisach und in der Mitte der Steige begradigt. Die bergseitigen Stützmauern, die teilweise schon eingefallen oder baufällig sind, werden im Zuge der Maßnahme erneuert. Talseitig, so sieht es die Planung vor, wird ein neuer Stützkörper aufgebaut, um die rutschgefährdete Straße zu stabilisieren. Die Straße erhält zudem eine neue Entwässerung und einen neuen Oberbau aus Asphalt.

Die Sanierungsmaßnahme kostet nach Angabe des Regierungspräsidiums rund 2,5 Millionen Euro und wird vom Land Baden-Württemberg als Straßenbaulastträger finanziert. Nachdem die Baumaßnahme in das Straßenbauprogramm 2008/2009 des Landes aufgenommen wurde, wird ab dem gestrigen Tag die Umsetzung des zweiten Bauabschnitts in Angriff genommen. Der erste Bauabschnitt zwischen Kirchheim und Wernau wurde bereits im Jahr 2005 zwischen Freitagshof und dem Hohenreisach ausgebaut.

Die ausgeschilderte Umleitungsstrecke führt von Kirchheim über die Gemeinde Notzingen zum Kreisverkehr Freitagshof in beiden Richtungen. Die Zufahrt zum Wohngebiet Hohenreisach beziehungsweise zum DRK-Katastrophenschutzlager und Jugendwohnheim Hohenreisach ist vom Kreisverkehr Freitagshof her möglich. In Kirchheim, am Knotenpunkt der L 1207/Plochinger Straße/Burgtobelweg, sind die Zufahrten in die Paradiesstraße und zum Burgtobelweg möglich.

Erhebliche Bedenken hat der Bund für Umwelt und Naturschutz gegen den Ausbau in der jetzt geplanten Form. Mit Schreiben vom 11. März an das zuständige Referat 55 beim Regierungspräsidium Stuttgart, wurden diese Bedenken aufgelistet. Die Straße durchschneidet die Ötlinger Halde, einen südexponierten und naturschutzfachlich wertvollen Streuobstbereich in Steilhanglage. Die Ötlinger Halde wurde im Jahr 2005 als Teil des Vogelschutzgebietes „Mittleres Albvorland“ in die Nachmeldekulisse für Vogelschutzgebiete des Landes Baden-Württemberg aufgenommen.

Die Planungen zum Straßenbau seien mit erheblichen und flächigen Eingriffen in das Vogelschutzgebiet am Haldenbach verbunden. Die geplanten flächenwirksamen Aufschüttungen unter anderem im Zusammenhang mit der angestrebten Begradigung führten zu erheblichen Beeinträchtigungen.

Der Bund fordert hier einen Verzicht der Begradigung. So sei bereits im vorangegangenen Bauabschnitt zwischen dem Kreisverkehr mit der K 1205 und dem Weiler Freitagshof die Bestands-Trasse beibehalten worden, obwohl die Planung ursprünglich eine begradigte Durchbindung vorsah. Leider habe die Straßenbauverwaltung nach Ansicht des Bundes die vergangenen zwei Jahre seit der Fertigstellung des Abschnitts zwischen dem Hohenreisach und dem Freitagshof nicht genutzt, um die bereits 20 Jahre alte Planung zu überarbeiten.

Der Ausbau war damals mit dem Argument der „Verkehrssicherheit“ begründet worden. Tatsächlich hat sich, so die Umweltschützer, durch die Verbreiterung der Fahrbahn und die Begradigung der Kurven die Übersichtlichkeit der Strecke erhöht. Durch die erheblich höheren Geschwindigkeiten werde dieser Vorteil allerdings mehr als kompensiert. So falle auch die Unfallbilanz seit dem Umbau doch eher ernüchternd aus. Vor dem Ausbau, so der Bund weiter, gab es nur einen Unfallschwerpunkt an der früher sehr unübersichtlichen Kreuzung oberhalb des Freitagshofs. Die Unfallfolgen waren meist „Blechschäden“. Seither hätten sich auf der ausgebauten Strecke schon einige sehr spektakuläre Unfälle ereignet.

Starke Kritik übt der Bund am hohen Aufwand für das Verbreitern und Begradigen der Steige. Dies gilt besonders für die Auffüllung der Talmulde, etwa in der Mitte der Plochinger Steige. Obwohl das Land erst kürzlich hier ein Natura-2000-Schutzgebiet gemeldet hat, ist dem Bund bisher nicht bekannt, ob hier die europaweit vorgeschriebene Verträglichkeitsprüfung durchgeführt wurde.

Aus diesem Grund habe sich der Umweltverband mit einer Eingabe an das Regierungspräsidium Stuttgart gewandt, mit den Bauarbeiten an der Steige erst dann zu beginnen, wenn das Ergebnis der Vorarbeiten vorliegt. Vom Land hätte der Bund erwartet, dass es hier eine Vorbildfunktion übernimmt gegenüber den Kommunen, die sich durch die jüngste Ausweisung von Vogelschutzgebieten benachteiligt fühlten.

Als sehr attraktiv beurteilt der Bund die Strecke nach dem Ausbau für den Durchgangsverkehr. Nach Fertigstellung der Plochinger Steige entstehe eine gut ausgebaute mautfreie Durchbindung von der Autobahn in den Mittleren Neckarraum. Diese Strecke sei außerdem erheblich kürzer als die Verbindung über die Bundesstraße 313 zum Plochinger Dreieck. In der Folge rechnet der Bund mit einer starken Zunahme des Schwerverkehrs, trotzdem die Strecke in Kirchheim und Wernau unmittelbar an Wohngebiete angrenzt.

Abschließend kritisiert die Kirchheimer Ortsgruppe des Naturschutzbundes, dass man bisher die Überprüfung der FFH-Verträglichkeit noch nicht erhalten habe und fordert diese dringlich bei der Behörde an. Ansonsten, so wird gedroht, werde der Bund die Rechtswirksamkeit des Bebauungsplans „L 1207“ der Stadt Kirchheim anzweifeln. „So möchten wir das Regierungspräsidium bitten, bis zur Klärung der FFH-Verträglichkeit, die Zurückstellung von Baumaßnahmen zu verfügen“.

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