Lokales

Kritischer Blick in die Geschichte

Prälat i. R. Paul Dieterich schilderte eindrücklich die Folgen der Predigt von Pfarrer von Jan

Seit 1996 lädt das Schlossgymnasium jährlich zum Holocaust-Gedenktag zu einer Veranstaltung ein. Am Dienstag schilderte der frühere Prälat Paul Dieterich die Folgen der mutigen Bußtagspredigt des Oberlenninger Pfarrers Julius von Jan aus dem Jahr 1938. Er fragte auch, warum die Kirchenleitung Pfarrer Jan so wenig unterstützte.

PETER DIETRICH

Kirchheim. Bereichert wurden Referat und Diskussion durch die ergreifend schöne Klezmer-Musik des Duos „Bajancello“. Die mit Temperament vorgetragene Palette reichte von Musik aus dem Film „Schindlers Liste“ bis zum Walzer. Für den Referenten war der Abend eine Rückkehr, war er doch in den 50er-Jahren als Schüler am Schlossgymnasium. Er erinnerte an die damaligen heißen „Kämpfe im Klassenzimmer“ – trafen doch bei den Lehrern Männer des Widerstands auf einen Oberstudienrat, der SS-Obersturmbahnführer war.

Kein anderer Pfarrer habe die Verbrechen der Reichspogromnacht so offen und klar beim Namen genannt wie Julius von Jan, betonte der Referent. Pfarrer Jans Predigt am Buß- und Bettag 1938 war dabei nicht Folge eines heißen Temperaments, denn er war ein stiller Mann. Sein Freund Otto Mörike, der damals in der Kirche saß, beschrieb die Predigt über Jeremia 22 als „geboren aus dem schlichten, aber strikten Gehorsam des Glaubens“. Jan klagte an, dass Männer, die des Herrn Wort sagten, ins KZ geschickt oder mundtot gemacht wurden. Er klagte über deutsch-christliche „Lügenprediger, die nur Heil und Sieg rufen, aber nicht des Herrn Wort verkündigen“. Er griff die Bischöfe an, die sich nicht auf die Seite der Bekennenden Kirche gestellt hatten. „Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote missachtet, Gotteshäuser, die anderen heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden, das Eigentum der Fremden geraubt oder zerstört“, klagte er.

Pfarrer Jan wusste, was er riskierte: „Gott Lob! Es ist herausgesprochen vor Gott und in Gottes Namen. Nun mag die Welt mit uns tun, wie sie will.“ Er empfand das Bekennen der Schuld, über die sonst keiner sprach, wie das Abwerfen einer großen Last.

Am 25. November versuchen einige Hundert aus Nürtingen und Kirchheim herbeigekarrte SA-Leute, das Pfarrhaus zu stürmen. Sie brüllen Beschimpfungen, wollen den „Landesverräter“ und „Judenknecht“ ergreifen. Doch der hält gerade in Schopfloch eine Bibelstunde über einen Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief: „Lasst euch die Hitze nicht befremden, die euch widerfährt, freut euch, dass ihr mit Christus leidet . . .“ Die SA-Meute holt ihn ab, zerrt ihn ins Auto und bringt ihn nach Hause. Dort tritt, stößt und schlägt ihn die rasende Menge mit Fäusten, Riemen und Stahlruten. Er bricht bewusstlos zusammen und wird schließlich im Rathaus über ein paar Stühle gelegt. Später trifft Pfarrer Jan im Kreiskrankenhaus Plochingen einige der Schläger wieder, ihr Lastwagen war mit einem Zug zusammengestoßen.

Der Strafantrag des Oberkirchenrats wegen Landfriedensbruch blieb ohne Erfolg. Einen Prozess gegen die Schläger gab es nie. Auch nach dem Krieg sagte Jan nie gegen diejenigen, die er stets als „Demonstranten“ bezeichnete, aus und nannte keine Namen. Er wollte keine Rache.

„Julius von Jans aufrechten Gang verstehen wir erst wirklich, wenn wir an die Frauen denken, die ihm beistanden“, betonte Dieterich. Er hob die Tapferkeit der Oberlenninger Gemeindeschwester Johanna Hermann hervor, die von der Brutalität angewidert aus der NS-Frauenschaft austrat. Auch Jans Frau Martha stand ihm treu zur Seite.

Ein Jahr nach seiner Predigt wurde Jan vom Stuttgarter Sondergericht laut Heimtückegesetz und Kanzelparagraf zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis verurteilt. Landesbischof Theophil Wurm bemühte sich um Jans Begnadigung. Nach knapp fünf Monaten wurde er entlassen, doch hatte der Oberkirchenrat gegen den nun vorbestraften Pfarrer ein Disziplinarverfahren eröffnet. „Der Mann, der gesagt hat, was jeder Christ hätte sagen müssen, wird von der Kirchenleitung öffentlich geschulmeistert“, bedauerte Dieterich. Jan galt für drei Jahre als wehrunwürdig und durfte keinen Führerschein besitzen. Im Sommer 1943 wurde er eingezogen und an den gefährlichsten Abschnitt der Ostfront geschickt. Man wollte ihn loshaben, doch Gott hatte andere Pläne: Im September 1945 kehrte Jan mit seiner Familie nach Oberlenningen zurück. Später wurde er Pfarrer in Zuffenhausen und starb 1964 in Korntal.

Dass er sich nicht rückhaltlos hinter Jan gestellt hatte, hat Landesbischof Wurm zeitlebens gequält. „Es lag wie ein Bann über uns“, schrieb er in seinen Erinnerungen. In den Vierzigerjahren protestierte Wurm viel mutiger gegen die NS-Verbrechen, besonders gegen die Ermordung geistig behinderter Menschen. Die Zurückhaltung Wurms erklärte der Referent auch mit einer falsch verstandenen lutherischen Zwei-Reiche-Lehre, die Staat und Kirche streng auseinanderhielt. Luther habe das nie so praktiziert: „Wie wenige andere seines Jahrhunderts hat er den Fürsten kräftig dreingeredet, wenn er sie Unrecht tun sah.“ Leider habe Luther in seinen Spätschriften die uralte Tradition des theologischen Antijudaismus aufgegriffen und vertieft: „Große Männer irren groß.“

Nur eine Kirche, die ihre schwere Schuld bekenne und aus der Vergebung lebe, könne einem künftigen Europa zur Erneuerung verhelfen, schloss Prälat Paul Dieterich mit Worten des Theologen Dietrich Bonhoeffer. „Dass nicht nur der einzelne Gläubige, sondern auch die Kirche irrt, sagt ein Protestant leichter“, zeigte sich Prälat Paul Dieterich überzeugt und wünschte auch dem Papst eine „kritischere Sicht der Geschichte der Kirche“.

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