Lokales

Kulturübergreifende Annäherung

Neunte Frauenlesenacht des Pädagoginnentreffs in der Kirchheimer Stadtbücherei

Kirchheim. Zum neunten Mal vollzogen rund 120 Besucherinnen bei der vom Pädagoginnentreff organisierten Frauenlesenacht in der Kircheimer Stadtbücherei einen Pers­pektivenwechsel. Zwischen ethno

DanielA haussmann

logischen Schriften, politischer und soziologischer Literatur, länderspezifischen Studien und Reiseführern wurden für sie kulturelle Identitäten lebendig. Über das geschriebene Wort hinaus erhielten sie im Dialog mit Frauen aus Polen, Frankreich, Finnland, Kolumbien und der Türkei Einblicke in deren Lebensrealitäten. Damit leistete die vom Pädagoginnentreff organisierte Lesung einmal mehr einen Beitrag zur kulturübergreifenden Annäherung und Verständigung.

Serpil Arslan berichtete vom Leben der Gastarbeitergeneration in Deutschland, die in dem Bewusstsein lebte, bald wieder in die Heimat zurückzukehren. Die 41-Jährige führte in ihrer Kindheit ein Leben auf gepackten Koffern. Wieder und wieder sieht sie die Bilder vom Festtagsgeschirr vor sich, das in Kartons verpackt nie Verwendung fand, sondern für die Rückkehr sorgsam verwahrt wurde.

Geboren in Deutschland wuchs Serpil Arslan im Bewusstsein zweier Kulturen auf, die ihre Identität prägten – für sie ein nicht abreißender Lernprozess. „Ich bin ein Mensch, der in beiden Extremen versucht zu denken und zu analysieren“, erklärt die 41-Jährige. Die Deutschländerin fühlt sich den türkischen wie auch den deutschen Normen und Werten verpflichtet.

Aufgewachsen in der Bikulturalität sieht sich Serpin Arslan auf deutscher wie türkischer Seite mit Vorurteilen und Aversionen konfrontiert. Das Gefühl, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, weckte Unsicherheiten und gestaltete den Prozess der eigenen Identitätsfindung schwierig, vor allem vor dem Hintergrund der geschichtlichen Prozesse und politischen Entwicklungen in beiden Ländern. Grenzgängerin zu sein, machte die 41-Jährige unter anderem eben auch an geschichtlichen und politischen Gegebenheiten fest.

Die in der Türkei herrschende Minderheitenpolitik, die PKK, die mit Waffengewalt für die Autonomie kurdisch besiedelter Gebiete in der Türkei kämpft, die Tatsache, dass sich Linksradikale, Alewiten oder auch Fundamentalisten organisierten und Parallelgesellschaften auch in Deutschland entstanden seien, habe die Situation, als Türkin in der Bundesrepublik zu leben, nicht einfacher gemacht. Womit die 41-Jährige an die viel diskutierte Debatte um die Probleme, die den Unterschied zwischen freiheitsorientiertem Multikulturalismus und pluralistischem Monokulturalismus betreffen, anknüpfte.

„Jeder ist zufrieden, es gibt türkische Diskotheken und Nachtclubs in Deutschland“, stellt Serpin Arslan fest. „Hier trennen sich Türken und Deutsche wieder gegeneinander ab.“ Doch keinem falle das auf, denn damit werde wenig für die Integration getan. Um das zu ändern, muss aus Sicht der 41-Jährigen mehr für die bildungspolitische, wirtschaftliche und soziale Integration von Menschen mit Migrationshintergrund getan werden. Etwas, das in einer globalisierten Welt immer wichtiger werde, eben auch die Vorteile zu erkennen und zu nutzen, die beispielsweise türkischstämmige Mitarbeiter mit ihrem sprachlichen und kulturellen Know-how bei der Anbahnung von Geschäftsbeziehungen nicht allein in die Türkei sondern auch andere muslimische Länder einbringen können.

In der Vorreiterrolle sieht die 41-Jährige hier Großbritannien und auch die USA, die sich um eine nachhaltigere Einbindung bemühten.

Barbara Matysiak hingegen gewährte Einblicke in die polnische Gesellschaft. In der Diskussion wurde beleuchtet, wie sich die soziale und wirtschaftliche Situation der Arbeitnehmer in Polen in den vergangenen Jahren massiv wandelte und zu einer sozialen Schieflage in weiten Teilen der Bevölkerung führte.

Wie die Debatte zeigte, bildet fast zwei Jahrzehnte nach der Wende die Aktivierung des Humankapitals und anderer Ressourcen, um den Arbeitsmarkt attraktiver zu machen, Probleme. Eine Nebentätigkeit zu finden, um die Verdienstmöglichkeiten und damit die persönliche soziale und wirtschaftliche Situation zu verbessern, gestalte sich schwierig. „Während das Leben in den Metropolen Warschau und Krakau sehr ähnlich aussieht, wie das Leben hier in Deutschland, sieht es in den ländlichen Gegenden anders aus,“ machte Barbara Matysiak deutlich.

In polnischen Dörfern gibt es selten eine industrielle Infrastruktur

Nicht umsonst habe die Regierung bei den letzten Wahlen erklärt: „Lass uns ein gemeinsames Ziel setzen und dafür sorgen, dass kein Kind hungrig zur Schule geht.“ „Die Tatsache, dass eine Partei sich dieses Ziel setzt“, erklärte Barbara Matysiak, „spricht dafür, dass es diesem Land nicht so gut gehen kann.“ Über Kinderarmut spreche man zwar auch in Deutschland, doch in polnischen Kleinstädten und Dörfern zeichne sich die Lage noch schwieriger, da eine industrielle Infrastruktur kaum oder gar nicht vorhanden sei.

Carolina Bross erzählte unter anderem davon, wie Frauen in Kolumbien leben und dass sie in der Familie eine wichtige Bedeutung haben. Besonders wichtig seien aber die Großmütter, die mit ihrer Lebenserfahrung das Familienoberhaupt bildeten. Überhaupt habe die Familie in Kolumbien einen hohen Stellenwert. Altersheime gebe es so gut wie nicht. Die könnten sich nur wenige leisten. Durch die Familienstruktur sei gewährleistet, dass man sich um die Alten kümmere.

„In Kolumbien haben wir kein Sozialsystem wie in Deutschland“, so die Kolumbianerin, die vor sieben Jahren in die BRD kam. „Die breite Masse der Kolumbianer lebt unter ärmlichen Bedingungen.“ Die wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede in dem lateinamerikanischen Land seien extrem. „Die Mittelschicht ist nicht groß und die Schicht der Reichen ist sehr klein. Die Mehrheit der Schulen und Universitäten ist privatisiert und wir haben einen großen Anteil von Analphabeten.“

Die Französin Evelyne Bankewitz sprach unter anderem über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Frankreich, dass dort das Konzept der Ganztagsschulen schon seit eh und je verankert sei und die Berufstätigkeit der Frauen nachhaltig unterstütze.

Die Finnin Asta Kunstek präsentierte bereits vor zwei Jahren ihr Land bei der Frauenlesenacht. „Immer wieder werden mir dabei Fragen nach der Berufstätigkeit von Frauen gestellt“, so die 56-Jährige. „80 Prozent der Finninnen arbeiten, etwas, das durch das Betreuungsangebot ermöglicht wird. Der Unterricht ist, anders als in Deutschland, individualisiert und auf die gezielte Förderung der Kinder ausgerichtet.“ Nach drei Jahrzehnten ist Deutschland zu ihrer Heimat geworden. „In Finnland liegt sechs Monate Schnee und die Sonne scheint nicht. Das prägt die Menschen. Die Deutschen sind viel offener als die Finnen.“ Da gefällt es ihr bei den Schwaben zwischenzeitlich besser als im Norden Europas.

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