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"Kunsthandwerkliches Kulturgut" contra "Designerwein"

Verbraucherminister Horst Seehofer fordert ein Reinheitsgebot für den Wein, deutsche Winzerverbände sprechen von einer Welle von "Coca-Cola-Weinen", die in Supermärkte schwappt, und die Verbraucher sind zutiefst verunsichert: Das in dieser Woche unterzeichnete Weinhandelsabkommen liefert derzeit reichlich Diskussionsstoff.

FRANK HOFFMANN

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OWEN Ab 1. Januar 2006 dürfen technisch manipulierte Weine aus den USA Kritiker sprechen von Kunstweinen in Europa verkauft werden, ohne dass dies auf dem Etikett vermerkt werden muss. Im Gegenzug werden regionale europäische Marken besser geschützt. Namen wie Mosel, Champagner, Chianti oder Bordeaux sind damit für die US-amerikanischen Winzer tabu.

Das Abkommen ist der vorläufige Schlussstrich unter einen seit 20 Jahren schwelenden Streit zwischen europäischen und amerikanischen Winzern. Damit dürfen US-Weinbauern ab kommendem Jahr auch Wein in die EU einführen, die mit Verfahren produziert wurden, die in Europa verboten sind. Dazu zählt beispielsweise das Zusetzen von Wasser. Amerikanische Winzer dürfen dem Most bis zu sieben Prozent Wasser oder 35 Prozent Zuckerwasser zufügen. Ein weiterer Streitpunkt sind die Barrique-Weine. Während diese in Europa in einem kleinen Eichenfass reifen müssen, dürfen in den USA dem Wein bei der Vergärung Holzchips beigemischt werden, um zu einem Barrique-Wein zu kommen. Außerdem können in den USA künstliche Aromen zur "Gestaltung des Weingeschmacks" beigemischt werden.

Auch die Methoden, bei denen der Wein mit einem Schleuderverfahren in die Bestandteile Alkohol, Wasser und Aromen zerlegt und anschließend neu gemischt wird, sind deutschen Winzern ein Dorn im Auge. Wein werde so zum Industrieprodukt, das als "Designerwein" beliebig dem Konsumentenprofil angepasst werden könne, beklagt beispielsweise Michael Prinz zu Salm, Präsident des Verbands der Prädikatweingüter (VDP). In Deutschland dagegen sei der Wein ein "kunsthandwerkliches Kulturgut", geprägt von Boden, Klima und dem Können der Winzer.

Das Abkommen, so Salm, "ist ein Super-GAU für den Wein". Der Verbraucher werde künftig nicht mehr wissen, ob Wein drin ist, wo Wein drauf steht. Mit diesen Methoden, klagen viele deutschen Winzer, würde Wein im Laufe der Zeit immer stärker industriell produziert und den Marktbedürfnissen und Verbraucherwünschen angepasst.

Für den Vorstandsvorsitzenden der Mack & Schühle AG, Christoph Mack, ist dagegen weniger das Weinhandelsabkommen selbst als vielmehr die heftige Kritik und die "leider sehr undifferenzierte Berichterstattung" ein großes Ärgernis. Das Owener Unternehmen ist mit einem Jahresumsatz von 145 Millionen Euro einer der größten Weinhändler Mitteleuropas und durch die Kooperation mit Gallo zugleich wichtiger Anbieter US-amerikanischer Weine. Seit 1995 ist Mack & Schühle für den Vertrieb der Gallo-Weine im Lebensmitteleinzelhandel und im Fachhandel zuständig, und ab März kommenden Jahres übernehmen die Owener den Komplettvertrieb in Deutschland. Andere US-Weine hat die Mack & Schühle AG nicht im Sortiment. "Wir vertreiben ausschließlich Weine des weltbekannten Erzeugers Gallo", betont Christoph Mack, "und diese, vielfach international ausgezeichneten Erzeugermarken wurden und werden weder gewässert noch aromatisiert oder ähnliches." Es handle sich durchweg um hochwertige Weine, "die nicht nur den Qualitätsansprüchen des Produzenten Gallo entsprechen, sondern auch allen geltenden EU-Normen".

Im Übrigen möchte der Chef des Owener Unternehmens zu den Äußerungen einzelner Personen oder Institutionen in der Öffentlichkeit keine Stellung beziehen. Christoph Mack hofft allerdings auf mehr Sachlichkeit in der öffentlichen Debatte über das Weinhandelsabkommen und verweist auf Publikationen in Fachmagazinen oder auch der Wochenzeitung "Zeit", die das Thema sehr differenziert darstellen würden.