Lokales

Kunterbunter Klassikklamauk mit spürbarem „Stallgeruch“

Badische Landesbühne Bruchsal überzeugte mit William Shakespeares Komödie „Wie es euch gefällt“ in der Inszenierung von Wolf E. Ralfs

Kirchheim. „Wie es euch gefällt“ hat gefallen, daran konnte nach einem langen aber kurzweiligen Theaterabend in der Kirchheimer Stadthalle kein Zweifel aufkommen. Die Ensemblemitglieder der Badischen Landesbühne Bruchsal sind schließlich immer wieder gern gesehene Gäste in der Teckstadt. Was sie aber

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Wolf-dieter truppat

zum jüngsten Kulturringabend an Witz und Spielfreude mit nach Kirchheim brachten, begeisterte von Anfang an und wurde von einem munter mitgehenden Publikum nicht nur mit lang anhaltendem Schluss-Applaus ganz besonders intensiv gewürdigt.

Nur wenige Tage nach der Premiere in der Burg Steinsberg in Sinsheim konnten die Schauspieler zeigen, dass das Feuer eines neuen Stücks noch frisch in ihnen lodert. Die – auch bei einer spritzigen Komödie – unvermeidbaren Ermüdungserscheinungen einer langen Tour über die Dörfer sind derzeit zumindest noch sehr weit weg. Dass die gut gelaunte Schauspieltruppe noch halb im Premierentaumel ist und gleich noch einige Zuschauer mitgebracht hatte, war der Stimmung im Stadthallensaal ganz gewiss nicht abträglich. Zwei Ensemblemitglieder bekamen sogar schon vor Beginn der Aufführung dankbaren Applaus. Der eine, weil er es vorzog, statt auf der Kirchheimer Bühne im Verwirrspiel um immerhin vier Hochzeiten mitzumischen, lieber zu Hause blieb, um aktiv Vater zu werden, der andere dafür, dass er parallel zum „schwangeren“ Vater dessen drei Rollen als Zweitbesetzung einstudiert hatte. Er konnte dann auch die gar nicht drohende und dem Publikum nie bewusst gewordene Lücke schließen, die immerhin die Besetzung des Höflings Le Beau, des Edelmanns Amiens und die des Landjungen William betraf.

Beim ersten Blick auf die von Ines Unser spartanisch-sperrig eingerichtete Bühne konnte aber doch gewisse Skepsis aufkommen, ob eine leere Bühne mit einem nicht eben allzu romantisch-naturnah anmutenden kargen Holzgerüst tatsächlich der passende Hintergrund ist für William Shakespeares zu vermittelnde Bewunderung der Schönheit, des Zaubers und der (Über-)Macht der Natur.

Die Frage, ob hier schon im Ansatz das vorgegebene „Thema verfehlt“ war oder sich Altmeister Shakespeare gar angesichts der Inszenierung im Grabe herumgedreht hätte oder nicht, war dann aber doch obsolet. Die spritzige Inszenierung von Wolf E. Rahlfs gab den Schauspielern jede erdenkliche Möglichkeit, über das nicht vorgegebene Ziel überzeugend nach außen zu tragender Gefühle hinauszuschießen und nicht gegen, sondern mit dem Publikum zu spielen.

Dem Publikum bleiben da eigentlich nur zwei mögliche Positionen: sich auf den teilweise überbordenden Klamauk einzulassen und die kunterbunte Fröhlichkeit zu akzeptieren, in die alles getaucht ist, oder sich in puristisches Beleidigtsein zurückzuziehen und – wohl völlig zu Unrecht – zu reklamieren, dass das „nicht im Sinne Shakespeares“ wäre. Gerade in „As you like it“ zieht der schließlich alle Register seines Könnens. Vor allem in einem Punkt unterscheidet sich Shakespeare in der von Thomas Brasch ins Deutsche übertragenen Komödie ganz deutlich von seinen anderen Klassikern, die bis in den tiefsten Grund der Seele streng durchgezeichnete und damit unsterblich gewordene Charaktere in den Vordergrund stellen, während in „Wie es euch gefällt“ ein munteres und zuweilen auch verwirrend vielfältiges Personengeflecht von austauschbarer und teilweise zur Karikatur überzeichneter Figuren auf die Bühne gestellt wird. Was diese unterschiedlichen Figuren verbindet, ist ihr gemeinsamer Versuch, dem Publikum Vergnügen zu bereiten und genau das ist ungemein schwer und oft genug der Grund dafür, dass viele mutige moderne Inszenierungen oft wegen ihrer verbissenen Ernsthaftigkeit oder aber des verzweifelt gesuchten Witzes wegen scheitern.

Die Bruchsaler wagten sich aber selbstbewusst und gut gelaunt in einen Grenzbereich hinein, in dem stromlinienförmig-erfolgsorientiertes Boulevard- und klassisch-hehres (Subventions-) Theater mit bloßem Auge kaum auseinanderzuhalten ist. Dass das nicht ins Auge ging, war vor allem in einer herausragenden Szene absolut augenfällig und als die eindrucksvolle Gesamtleistung des gesamten Ensembles zu erkennen. In jedem individuell herausgeholten Detail von der Körperhaltung über Grimassen bis hin zu den unterschiedlichsten „O-Tönen“ war schauspielerische Qualität uneingeschränkt und in erstaunlicher Vielfalt erkennbar.

Wenn „irgendeine“ Tourneetheatertruppe beschließen würde, eine Schafherde auf die Bühne zu bringen, wird es damit sicher nie diese Klasse und Bühnenpräsenz erreichen, mit der Shakespeares Naturstück in Kirchheim doch noch seinen kaum zu überbietenden naturalistischen „Stallgeruch“ bekam. Die grandiose Idee, alle Darsteller im Gänsemarsch auf die Bühne zu treiben, wo sie schließlich blökend, blöd ins Publikum starrend oder vergeblich nach Futter suchend herumstehen, wurde facettenreich umgesetzt und auch mit spontanem Applaus belohnt.

Gerade hier war es dann auch völlig vernachlässigbar, ob nun der werdende Vater oder die „Zweitbesetzung“ blökend im Schafspelz eines weißen Kapuzenoveralls steckte. Nachdem das Eis einmal gebrochen und im Publikum die Entscheidung gefällt war, die unkonventionelle Aufführung in Franziska Smolareks teilweise fast schon kasperletheater-tauglichen Kostümen zu akzeptieren, blieb dennoch genügend Raum, den überzeitlichen Lehren des Meisters aus Stratford-upon-Avon zu lauschen.

In einer in sich stimmigen Inszenierung voll souverän ausgelebter Freude an Sprachwitz, Wortspiel und auch einer gelegentlichen „Frivolität“ konnte sich das entfesselte Ensemble austoben ohne zu verletzen oder gar hehre Ansprüche zu gefährden.

Neben dem begeisternden „Schäferstündchen“ waren auch die Jagdszenen im nicht vorhandenen Wald sehr fantasievoll in Szene gesetzt und die Grillpartie setzte einen weiteren opulenten Glanzpunkt, den der durch die Orgie erkennbar überforderte Diener Adam überraschend mit dem Leben bezahlen musste. Dass er zum furiosen Vierfach-Hochzeitsfinale plötzlich wieder putzmunter auf der Szene erschien, hatte fast schon ironisierende „Vorabendserien-Qualität“ und konnte das nur scheinbar aus dem Ruder laufende Spektakel wieder in geregelte Bahnen leiten.

Bei aller Unschärfe, durch die William Shakespeares klarer Kontrast zwischen der steifen höfischen Welt und dem ehrlichen und neue Kräfte weckenden Naturerleben etwas verwischt und eingeebnet wurde, war die turbulente und zugleich auch sehr konsequente Inszenierung mit-hilfe der mutig verzeichneten Charaktere – die auch im Original nicht allzu trennscharf angelegt sind – in einer Beziehung treffsicher auf den Punkt gebracht, der da lautete: „Die ganze Welt ist eine Bühne, und Männer und Frauen sind nichts als Spieler“. Dem wurde das verspielte Ensemble zweifellos gerecht.