Lokales

Kurvenreiches Fruchtbarkeitssymbol

Grabungsleiterin Maria Malina stellte die „Venus vom Hohle Fels“ vor

Kirchheim. Eine etwa 40 000 Jahre alte Steinfigur zieht heute noch die Menschen in ihren Bann. Sie ist die älteste menschliche Darstellung weltweit – und eine Frau. Ihre üppigen weiblichen Formen sind nicht

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Iris Häfner

zu übersehen, im Gegenteil: Es scheint, als habe der steinzeitliche Künstler bewusst die weiblichen Attribute herausgearbeitet, was dem Figürchen auch prompt den Namen „Venus vom Hohle Fels“ einbrachte.

Der Vortragssaal im Keller des Spitals war gut besucht. vhs und Frauenliste hatten im Rahmen der Frauenkulturtage zu dem archäologischen Vortrag „Die Venus vom Hohle Fels“ mit Maria Malina, Grabungstechnikerin aus Tübingen, eingeladen. vhs-Gastgeberin Iris-Patricia Laudacher zeigte sich bei der Begrüßung über den Männerbesuch erfreut, erntete dafür aber irritierte Blicke von einigen Frauen, denn die hatten wohl nur mit ihresgleichen gerechnet.

Aus erster Hand erfuhren die Zuhörerinnen und Zuhörer die Findungsgeschichte der berühmten Venus von der Schwäbischen Alb, denn Maria Malina ist die leitende Grabungstechnikerin im Hohle Fels im Urdonautal bei Schelklingen. Der Hohle Fels gilt als Eigenname, weshalb er in Fachkreisen immer so genannt wird. Dabei handelt es sich um eine Höhle, die seit rund 150 000 Jahren trocken liegt, denn seit dieser Zeit fließt die Donau über ein anderes Bett in Richtung Schwarzes Meer. Die Höhlen der Urdonau sind eine wahre Fundgrube für die Archäologen und haben schon einige spektakuläre Funde zu Tage gebracht wie etwa die Flöte im Geißenklösterle bei Blau­beuren, das älteste Musikinstrument.

Auch Spuren der Neandertaler fanden die Forscher auf der Alb. „Die älteste Schicht ist etwa 50 000 Jahre alt. Danach gibt es eine Phase, in der es keine Funde gibt. Ab 40 000 geht es wieder los und damit beginnt die Zeit des anatomisch modernen Menschen“, so Maria Malina. Dieser Begriff wird an diesem Abend noch häufig verwendet und wurde bei der anschließenden Fragerunde vertieft. Erstaunt stellten einige Zuhörerinnen fest, dass sich die Menschen, die vor 40 000 Jahren keine 50 Kilometer von Kirchheim entfernt gelebt haben, anatomisch nicht von der heutigen Spezies unterschieden.

Warum sind die Neandertaler ausgestorben? Sind sich anatomisch moderner Mensch und Neandertaler auf der Alb begegnet? Gab es einen Konkurrenzkampf? Die Forscher hoffen, aufgrund der Funde irgendwann einmal eine Antwort darauf geben zu können. „Sie waren künstlerisch und musikalisch, wie die Venus und die Flöten beweisen“, so die Archäologin. Die Menschen der Steinzeit stellten Lochwerkzeuge aus Rentierknochen für Speere und Pfeilspitzen her, wie sie heute noch bei den Eskimos zu finden sind. Gänsegeierknochen wurden zu Flöten verarbeitet und Mammutelfenbein zu Schmuckperlen, Tierfiguren oder eben zu der stilisierten Frauenfigur. „Ihre Erschaffer waren Experten, Profis, die täglich damit zu tun hatten“, ist die Forscherin überzeugt. Die Steinwerkzeuge, wie sie die Menschen damals hatten und weshalb sie auch diesen Namen tragen, eignen sich genauso zum Bearbeiten von Material wie Metallwerkzeuge. Heute versuchen experimentelle Archäologen, in der alten Technik ähnliche Ergebnisse zu erzielen. „Sie sind ungeschickt und brauchen zigmal länger“, sagte Maria Malina.

Erst acht Monate nach ihrer Entdeckung präsentierten die Wissenschaftler die Venus der Öffentlichkeit. „Es steckt viel Arbeit dahinter und auch die Auswertung braucht ihre Zeit“, erklärte Maria Malina. Die Archäologen arbeiten auf verschiedenen Ebenen. Schicht für Schicht wird vorsichtig abgetragen und parallel dazu alles elektronisch dokumentiert. Große Fundstücke werden noch in der Höhle vorsichtig gereinigt, ansonsten landet alles in Sieben mit unterschiedlichen Maschenweiten in der Aach. Das Flusswasser schwemmt das Sediment von allem ab, was für die Forscher von Bedeutung ist. Dazu zählen auch Knochen von Kleinsäugern. „Sie sind sehr wichtig zur Klima­rekonstruktion, denn sie reagieren recht schnell auf Veränderungen“, erklärte Maria Malina. Im Laufe der Zeit kamen rund 71 000 Einzelfunde aus dem Hohle Fels zu Tage. Seit 1977 gräbt die Universität Tübingen dort regelmäßig.

Die Archäologen hatten schon einige Wochen im Hohle Fels gegraben und erwarteten eigentlich keine Funde mehr. Doch am späten Vormittag des 9. September 2008 nahm die Sensation ihren Anfang: Alexa aus Zürich fand den Torso der Venus. Die linke Hüfte hatten die Archäologen schon Tage zuvor ausgegraben, wussten aber zu dem Zeitpunkt noch nicht, welch spektakuläres Fragment sie in Händen hielten. Auch eine Brust der Venus kam beim Schlemmen in der Aach Tage zuvor schon ans Licht. „Linker Arm und Hüfte fehlen aber bis heute“, erzählt Maria Malina. Trotz abermaligen Suchens sind sie bis heute verschwunden.

Beim Konservieren der Funde ist Schnelligkeit, Vorsicht und Fingerfertigkeit gefragt. „Elfenbein reagiert sensibel auf Feuchtigkeit. Es gibt leicht Spannungsrisse“, so die Erfahrung der Archäologin. Ähnliches gilt auch beim Zusammenkleben der Figuren.

Datierungsproben dauern sechs Monate bis sie abgeschlossen sind. „Wir wussten bei der Venus aufgrund der Schicht, in der sie lag, dass sie sehr alt ist, aber wir brauchten gesicherte Daten“, so die Forscherin. Deshalb wurde der Steinzeitfund erst am 13. Mai 2009 der Öffentlichkeit präsentiert, die großes Interesse zeigte. Seitdem wird spekuliert, welchem Zweck die üppige Dame diente. Dies interessierte bei der Diskussion auch die Zuhörerinnen. Auffallend ist, dass die Figur statt eines Kopfes eine Öse hat. So kann die Venus beispielsweise als Schmuck getragen worden sein oder hing in der Höhle. Beine und Füße fehlen, dafür hat sie Arme mit fein herausgearbeiteten Fingern, die auf den Brüsten ruhen. Der gesamte Körper ist aufwendig verziert und der Genitalbereich sehr detailliert dargestellt. „Wir können hier sicher nicht von einem Pin-up-Girl reden. Es dürfte sich vielmehr um ein Fruchtbarkeitssymbol handeln, das eventuell kultisch genutzt wurde“, nahm Maria Malina Bezug auf manch reißerische Überschrift, die nach der Präsentation zu lesen war. Eine endgültige Antwort hat die Wissenschaft aber bislang noch nicht.

Im Sommer fährt Maria Malina mit einem Team wieder für acht Wochen zum Hohle Fels. „20 Prozent der Arbeit ist Grabung, 80 Prozent Auswertung in Labor und Büro“, verrät die Forscherin. Die Neandertaler-Schicht haben sie gerade erst angegraben, drei Meter tiefe Ablagerung warten auf die Archäologen. „Wir hoffen auf mehr Einblicke zu den Neandertalern – das Potenzial wäre da“, ist Maria Malina voller Tatendrang. Vielleicht gibt es dann ja Antworten auf die Fragen, wie die Entwicklung der Menschheitsgeschichte verlief, von wo die Menschen auf die Alb kamen und wie sich ihre Kultur entwickelt hat.

Wer die Venus vom Hohle Fels im Original sehen will, hat dazu vom 27. März bis 30. Januar 2011 in der Ausstellung „Urmutter contra Pin-up-Girl – Sex und Fruchtbarkeit in der Eiszeit“ im Urweltlichen Museum in Blaubeuren die Möglichkeit. Weitere Infos: www.urmu.de