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Landesbischof July warnt vor falscher Idealisierung der Kirche

Neue Gemeinde- und Gottesdienstformen standen im Mittelpunkt einer Diskussion im Nürtinger Martin-Luther-Hof. Neben Landesbischof Frank Otfried July saßen der Leiter des CVJM Esslingen, Gerhard Proß, Pfarrer Dr. Andreas Löw vom Landesausschuss des Deutschen Kirchentags und Martin Scheuermann, Leiter der Evangelischen Gemeinde Schönblick in Schwäbisch Gmünd, auf dem Podium.

PETER SCHUSTER

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NÜRTINGEN Der ranghöchste Geistliche der Evangelischen Landeskirche, Bischof Frank Otfried July, zeigte auf, wo für ihn die Grenzen der Vielfalt liegen: " Dort, wo das lutherische Bekenntnis oder die Trinitätslehre der Alten Kirche verlassen wird, ist die Einheit durchbrochen." Ebenso ist für ihn die Einheit der Kirche nicht mehr gegeben, "wenn man das Abendmahl losgelöst von der gottesdienstlichen Gemeinschaft in Hauskreisen einnimmt," ohne dass ordinierte Pfarrer oder von der Kirche mit der Sakramentsverwaltung betraute Prediger dabei sind. Auf der anderen Seite freute sich der Landesbischof über die zunehmende Vielfalt bei den Gottesdiensten, die im Bereich der Jugendgottesdienste freikirchliche Formen aufnimmt, um damit junge Menschen zu erreichen.

July warnte dabei vor einer falschen Idealisierung der Kirche. Er erinnerte an das lutherische Verständnis von der Kirche als ein "Corpus permixtum". Nach diesem im Bekenntnis festgehaltenen Begriff gebe es in der Kirche immer auch Menschen, die äußerlich getauft und Mitglied in der Kirche, aber dennoch ohne Glauben seien.

Ein Beispiel für eine neue gelungene Gemeinde- und Gottesdienstform konnte Martin Scheuermann, Leiter der Evangelischen Gemeinde Schönblick in Schwäbisch Gmünd, aufzeigen. Dort wird das Modell der Gemeinschaftsgemeinde praktiziert, die sich auf dem Schönblick, einem Erholungszentrum des Altpietistischen Gemeinschaftsverbands, trifft. Rund 250 Christen kommen dort jeden Sonntag zum Gottesdienst zusammen. Die Besucher sind Mitglieder der Evangelischen Landeskirche. Sie zahlen ihre Kirchensteuer, finanzieren zudem mit ihren freiwilligen Spenden die Arbeit der Gemeinschaftsgemeinde, die sich aus einer landeskirchlichen Gemeinschaft heraus entwickelt hat. Vor einigen Jahren hatte die Landessynode den Beschluss gefasst, dass es Gemeinschaften möglich ist, auch Taufen und Hochzeiten durchzuführen und sich als Gemeinschaftsgemeinde zu organisieren: "Wir erreichen mit unserer Arbeit, dass die Konfirmanden in die Gemeinde hinein konfirmiert werden," berichtete Martin Scheuermann: "Gerade junge Christen identifizieren sich sehr stark mit den neuen, auf junge Leute zugeschnittenen Gottesdienstformen." Scheuermann begegnete auch dem Vorwurf der mangelnden Kirchenbindung: "Zunächst erschien die neue Gemeinschaftsgemeinde als etwas Fremdes. Heute ist die Akzeptanz bei den offiziellen Kirchenvertretern in Schwäbisch Gmünd groß, da in den letzten Jahren fünfzehn neue Mitglieder über diese Arbeit in die Kirche eingetreten sind. Wir erreichen auch Menschen ohne Kirchenkonfession," so Martin Scheuermann.

Über Erfolge mit neuen Gottesdienstformen berichtete auch der Leiter des CVJM Esslingen, Gerhard Proß. Der CVJM bietet Gottesdienste an, in denen in maßvoller Art und Weise Elemente aus der charismatischen Bewegung übernommen wurden. Hierzu gehören neues Liedgut und eine andere Kirchenmusik. Der CVJM Esslingen erreicht in seinem Gottesdienst, der vor drei Jahren begonnen wurde, über 200 Besucher und kooperiert dabei mit den Kirchengemeinden vor Ort. In der Anfangsphase erlebte Gerhard Proß manch ablehnende Haltung von Kirchenvertretern. Der Leiter des Esslinger CVJM will Brücken zwischen Christen und Gemeinden aus den unterschiedlichsten Richtungen bauen. Er benutzte zur Veranschaulichung seines Anliegens das Bild der Brücke, mit der die beiden Kirchtürme der Esslinger Stadtkirche von St. Dionys verbunden sind.

Keinen einfachen Stand hatte der Pfarrer der landeskirchlichen Gemeinde in Korntal, Dr. Andreas Löw, der eine Lanze für das parochiale Kirchensystem brach, das jeder Kirchengemeinde einen bestimmten Bezirk zuweist, für den sie zuständig ist. Als Vorsitzender des Landesausschusses des Deutschen Kirchentags in Württemberg sprach er sich dafür aus, die gesellschaftspolitische Ausrichtung der Kirche nicht zu vergessen. Er erinnerte an die Impulse, die vom Kirchentag bis hinein in das Liedgut, das sich heute im Evangelischen Gesangbuch wieder findet, ausgingen.

Frank Otfried July betonte, dass sich das parochial organisierte Gemeindesystem vor allem im ländlichen Bereich halten werde. Bei Vertretern der Gemeinschaftsgemeinden appellierte er, die "Gesamtheit der Kirche als Leib Christi" nicht aus dem Auge zu verlieren.