Lokales

Landrat stört sich an Satireheft: Abo gekündigt

Eine Schulsekretärin greift sich ein Heft aus der Post für die Schulbibliothek an der Fritz-Ruoff-Schule auf dem Nürtinger Säer, weil ihr der Titel anstößig erscheint. Dann greift der Landrat persönlich per Brief ein, und das Heft wird abbestellt.

BARBARA GOSSON

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NÜRTINGEN Die Geschichte begann im Sommer 2005, kurz vor der Bundestagswahl. Die Post der Fritz-Ruoff-Schule auf dem Säer kommt in den Ferien an die Albert-Schäffle-Schule, ebenfalls auf dem Säer. Dort arbeitet Christa Döpper, die Ehefrau des CDU-Landtagsabgeordneten Jörg Döpper, im Sekretariat. Sie nahm Anstoß am Titel des Satiremagazins "Titanic", das Angela Merkel zeigte, nahm das Heft aus der Post und beschwerte sich darüber. Kurz darauf wurde es abbestellt. So ist die Geschichte unter Lehrern und Schülern auf dem Säer bereits ein Gemeinplatz und Grund für Empörung.

Dr. Martin Späth, ehemaliger Schulleiter der Fritz-Ruoff-Schule, in dessen Amtszeit der Vorfall fällt, bestätigt den Vorgang in genau dieser Form. Christa Döpper, so erinnert sich Späth, habe das Heft aus der Post genommen, es zwei bis drei Tage lang nicht an die Bücherei weitergegeben und sich dann bei den Bibliothekarinnen beschwert. "Sie hat gesagt, sie werde ihren Mann einschalten."

Wenig später, am 23. September, bekam Späth Post von Landrat Heinz Eininger (CDU). Sinngemäß stand in dem Schreiben, dass ein Heft, das so unter die Gürtellinie geht, nicht mit öffentlichen Mitteln bezahlt werden sollte, so der ehemalige Schulleiter. Weil er die Bücherei nicht in Schwierigkeiten bringen wollte, habe er das Heft abbestellt und sei auf den Förderverein "Säerfreunde" zugegangen. "Was die bezahlen, ist Privatsache."

Die Schule habe damals dem Landrat angeboten, ein Projekt zum Thema Satire zu machen, um den Nutzen des Blattes für den Unterricht zu belegen. In einer Fachlehrerkonferenz der Deutschlehrer sei beschlossen worden, auf das Thema pädagogisch zu reagieren. Die Deutschlehrer hätten eine so genannte Satire-AG ins Leben gerufen, die sich mit gelungener und weniger gelungener Satire beschäftigen sollte. Ihr Ergebnis sei eine Ausstellung zum Thema gewesen, die herausgestellt habe, dass die "Titanic" nicht immer den besten Geschmack treffe, aber durchaus ihre Berechtigung habe. Die Ausstellung sei um Weihnachten herum im Foyer zu sehen gewesen.

So lange habe der Landrat allerdings nicht gewartet. Ein zweiter Brief von Eininger, datiert auf den 15. November, habe deutlicher um die Abbestellung des Abonnements sowie um eine Stellungnahme gebeten. Also wurde das Heft von der Bibliothek abbestellt, nachdem die Säerfreunde zugesagt hatten, das Abonnement zu übernehmen. Ein Kompromiss, der auch von Lehrern und Bibliothekarinnen akzeptiert worden sei.

Dem Wunsch des Landrats, der die Abbestellung nie ausdrücklich verlangt habe, gab die Schulleitung laut Späth nach, weil sie um die Bibliothek fürchtete: "Seit Jahren ist die Bibliothek im Kreistag in der Schusslinie." Jedes Jahr stünden die Mittel für die Schulbibliotheken in der Haushaltsdebatte zur Disposition: "Niemand hat uns direkt gedroht, aber wir haben jedes Jahr Argumente für den Erhalt der Bücherei in ihrem bisherigen Umfang zusammengetragen. Belegen könne man Zusammenhänge mit Kürzungen dann nicht, nur befürchten."

Neu sei die Art des Vorgehens nicht, bereits vor zehn Jahren habe es Angriffe gegeben, erinnert sich Späth. Dabei sei es um die feministische Zeitschrift "Emma" gegangen. Damals war Dr. Hans-Peter Braun noch Landrat.

Im Wesentlichen bestätigt das Landratsamt das Geschehen. "Wir haben vergangenen Sommer in der Zeitschrift Artikel vorgefunden, die Anstoß erregt haben. Daraufhin haben wir uns gefragt, ob man so etwas mit öffentlichen Geldern bezahlen muss", so der Pressesprecher des Landratsamtes, Peter Keck. Mit dem Hinweis auf gewisse Inhalte batLandrat Eininger in dem unserer Redaktion vorliegenden Schreiben an die Schulleitung "zu prüfen, ob ein weiterer Bezug dieser Zeitschrift in der Zukunft verantwortet werden kann."

Im zweiten Schreiben vom 15. November formuliert Eininger: "Vor diesem Hintergrund stellt sich meines Erachtens durchaus die Frage, ob angesichts knapper Mittel ein weiterer Bezug der Zeitschrift angezeigt ist." Auch die Frage nach der Notwendigkeit der Zeitschrift für den Unterricht warf der Landrat in seinem Schreiben auf.

Einer Abbestellung habe die Schule dann selbst zugestimmt, so Keck. Dass die Angst vor einer Kürzung der Mittel dabei Triebfeder war, könne er sich nicht vorstellen. Nun, da der Förderverein das Abonnement bezahlt, hat der Landkreis nach Kecks Worten kein Problem mehr damit.

Der Landkreis ist Sach- und Personalträger der Bibliothek. Sie ist eine freiwillige Leistung des Landkreises. Über die Inhalte entscheiden die Bibliothekare. Nun muss sich Späths Nachfolger, Oberstudiendirektor Dieter Diehl, mit der Sache auseinander setzen. "Zensur seitens der Schule wird nicht ausgeübt", sagt er. Andere Bibliotheken in der Trägerschaft des Landkreises hätten weiterhin problemlos die Titanic im Angebot. So lange die Schüler sie lesen, soll sie da sein, findet Diehl. Wenn jemand sich durch den Inhalt einer Zeitschrift diffamiert fühle, müsse er selbst dagegen vorgehen: "So lange eine Zeitschrift auf dem freien Markt erhältlich ist, habe ich kein Problem damit, dass sie auch in der Bücherei angeboten wird, wenn sie denn gelesen wird."

Das Heft, das seit der vergangenen Woche wieder ausliegt, genieße seit seiner Abbestellung besonderes Interesse, bestätigt der Schulleiter.