Lokales

Landwirte fürchten Haftung und Risiken


RICHARD UMSTADT

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KREIS ESSLINGEN Seit 2004 ist der Anbau von genverändertem Saatgut in der europäischen Landwirtschaft zugelassen und damit auch im Landkreis Esslingen möglich. Die Aussaat von genveränderten Pflanzen stößt jedoch unter Landwirten, Imkern und Verbrauchern auf große Ablehnung. In Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt riefen deshalb Landwirte Regionen zu gentechnikfreien Zonen aus.


Die bisher größte gentechnikfreie Zone soll in der Region Neckar-Alb entstehen. Darum bemühen sich derzeit drei Bauernverbände in den Kreisen Reutlingen, Tübingen und Zollern-Alb. 3 600 organisierte Landwirte bewirtschaften zwischen Schömberg, Zwiefalten, Dettenhausen und Römerstein 78 000 Hektar. Auch Tübingen beteiligt sich an der Aktion, die hauptsächlich vom Kreisbauernverband Reutlingen finanziert wird.


Und im Landkreis Esslingen? "Wir sind noch in der Diskussion", sagt Walter Vohl, Vorsitzender der Kreisbauern. Auch sein Verband überlegt, ob er für eine gentechnikfreie Zone von der Alb bis auf die Fildern plädiert und die Kollegen um Unterstützung bittet. Freilich hätte diese Zone einen kleinen "Schönheitsfehler", würde sie denn gegründet die Gen-Freilandversuche der Nürtinger Hochschule auf dem Hofgut Tachenhausen. Wie viel Sinn macht eine Region in Wendlingen, Nürtingen und Kirchheim, in der keine gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut werden, wenn durch die Freilandversuche das Risiko von Auskreuzungen besteht? fragen sich Bauern im Neckartal und warten darauf, dass die Fachhochschule ihre Freilandversuche in Tachenhausen bei Oberboihingen einstellt.


In erster Linie ist es die Haftungsfrage, die die Landwirte aufschreckt. Um eventuelle Schadensforderungen von vornherein zu vermeiden, rät Vohl seinen Kollegen dringend davon ab, genverändertes Saatgut zu verwenden. Nach dem neuen Gentechnik-Gesetz, das Anfang Juli verabschiedet wurde und auf Grund des Vetos des Bundesrates an den Vermittlungsausschuss verwiesen wurde, haftet jeder Landwirt für das, was er anbaut. Das bedeutet: Pflanzt ein Bauer gentechnisch verändertes Saatgut an, kann ihn ein Biobauer oder ein konventionell wirtschaftender Bauer für alle Schäden, die ihm daraus entstehen, haftbar machen.


"Noch nicht abgeklärte Risiken" sind ein weiterer Grund für den Kreisbauernverbandsvorsitzenden, vom Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut abzuraten. Außerdem befürchtet Vohl eine drohende Abhängigkeit der Landwirte von Saatgut- oder Pharmakonzernen. Die bieten zum genveränderten Saatgut auch das zugehörige Pflanzenschutzmittel an, denn ohne Insektizide und Herbizide kommt auch eine Landwirtschaft mit Gentechnik nicht aus. Die Spritzmittel sind genau auf die gentechnisch veränderte Pflanze abgestimmt. Die Hersteller könnten schließlich für die Pflanzenschutzmittel jeden Preis verlangen, die Landwirte müssten ihn zahlen, befürchtet der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes und sieht die Landwirte einmal mehr am Geldsäckel geschröpft.


Dass Walter Vohl so falsch nicht liegt, zeigt eine US-Langzeitstudie. Zwar wird von der Gentechnik immer noch mit dem Argument geworben, Spritzmittel könnten eingespart werden. Die Langzeitstudie, die auf offiziellen Daten der US-Regierung basiert, belegt zunächst genau dies. Nach Einführung von GVO-Sorten war der Pestizideinsatz in den ersten drei Jahren um bis zu 25 Prozent geringer. Danach aber stieg er stetig an, wie die britische Zeitung "Guardian" berichtete. 2001 wurden schon fünf Prozent mehr Pestizide benutzt, im Folgejahr neun Prozent und für 2003 wurde der Anstieg 11,5 Prozent geschätzt. Der Gifteinsatz musste gesteigert werden, verbunden mit den entsprechenden Kosten. Auf Grund von Gentech-Anbau wurden Agro-Chemikalien für mehr als 100 Millionen Euro angewendet.


Der Vorstand des Landesbauernverbandes weist in einer Stellungnahme darauf hin, dass gentechnisch veränderte Produkte ohne Zutun deutscher Landwirte bereits heute Realität seien. "Auch die Ausrufung gentechnikfreier Zonen auf freiwilliger Basis können dies nicht verhindern." Letztlich werde ausschließlich der Verbraucher mit seinem Einkaufsverhalten über die Zukunft gentechnisch veränderter Lebensmittel entscheiden.


Mit dem Grünen Gentechnikgesetz geht der Landesbauernverband kritisch ins Gericht. "Es enthält eine untragbare, verschuldensunabhängige, gesamtschuldnerische Haftung für alle Landwirte." Auf Grund dieser Haftung rät auch der Verband derzeit seinen Mitgliedern dringend vom Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen ab. In diesem Zusammenhang weist die Rechtsanwältin des Bauernverbandes, Birgit Heinemann, darauf hin, dass "alle Versicherungen abwinken, weil das Risiko nicht kalkulierbar sei." Der Verband fordert deshalb den Gesetzgeber auf, bei der Haftungsregelung nachzubessern und die Konzerne ebenso in die Pflicht zu nehmen.

Auch im Kreis Esslingen meiden Landwirte den Einsatz gentechnisch veränderten Saatguts und gehen damit auf die Wünsche der Verbraucher ein, wie Landwirt Hans Ederle in Bissingen.