Lokales

"Langnasen" als trickreicher Gästefang

Ganz neue Einblicke in das chinesische Geschäfts- und Alltagsleben gewannen die über 30 Besucher/innen des Bildberichtes "Lebenseindrücke in China" von Ulrike Uhrmann, der im Dettinger "Forum Altern" gezeigt wurde.

DETTINGEN Die Lehrerin lebt seit fast einem Jahr mit ihrem Mann in Shanghai. Er baut gerade ein Repräsentanzbüro für das Kirchheimer Unternehmen Keller Lufttechnik auf.

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Staunenswertes wusste die Referentin zu berichten. Die ersten sechs Monate verbrachten die Uhrmanns als einzige Europäer in einem rein chinesischen Stadtviertel. Schon beim ersten Restaurantbesuch wurde den "Langnasen" ein privilegierter Fensterplatz zugewiesen. Dies nicht ohne Eigennutz: Der Besitzer versprach sich dadurch mehr Gäste wie die chinesische Dolmetscherin im Nachhinein erklärte.

Die Bildfolge wechselte von atemberaubenden Anblicken der Shanghaier Skyline, ein japanisches Unternehmen zieht gerade den höchsten Wolkenkratzer der Welt hoch, zu Nebenstraßenszenen, in denen flinke Straßenhändler aus ihren Garküchen typisch Chinesisches anbieten. Mit welch rasender Schnelligkeit in Shanghai gebaut wird, zeigten weitere Bilder. "Innerhalb von drei bis vier Tagen reißen die Chinesen einen ganzen Gebäudekomplex ab, um Platz für Hotels oder Bürotürme zu schaffen", erklärte Ulrike Uhrmann. Auf die Frage aus dem Besucherkreis, warum sich zu jeder Tages- oder Nachtzeit Menschenmassen im Freien aufhalten, erklärte sie: "In der 18-Millionen-Metropole herrscht eine drangvolle Enge. Preisgünstige Wohnungen sind knapp und überbelegt. Deshalb verlagern die Chinesen ihre Aktivitäten vielfach ins Freie".

Die Bilder zeigten Gruppen beim Brett- und Kartenspiel, bei Gymnastikübungen, beim Tanzen und selbst Singvögel werden in ihren Käfigen oft stundenlang im Freien betrachtet. Als wahre Schlafkünstler bringen es die Einheimischen fertig, neben dem Straßenverkehr auf Anhängern, in Hauseingängen oder auf Gehwegen ein Nickerchen zu halten. Um diesen Menschenmassen Herr zu werden, hat die Stadtverwaltung zu rigorosen Maßnahmen gegriffen: In Shanghaier Familien hat nur noch ein Kind Wohn- und Schulrecht in der Stadt. Gerät die Familienplanung außer Kontrolle, müssen die weiteren Kinder zu Verwandten aufs Land.

Dies trifft sicherlich nicht auf die steigende Zahl von Millionären zu, die in abgeschotteten Nobelstadtteilen mit Bediensteten leben. Eine Haushaltshilfe (Ayi), die morgens um 6 Uhr kommt und abends um 9 Uhr nach Hause geht, verdient zirka 120 Euro im Monat. Im Großraum Shanghai wohnen etwa 3000 Deutsche. Es finden unter anderem ökomenische Gottesdienste statt, wobei die Pfarrer, bei großen Unternehmen als Praktikanten "getarnt", ihrer seelsorgerischen Arbeit nachkommen.

Ulrike Uhrmann berichtete auch davon, wie wichtig äußere Einflüsse bei Geschäftsanbahnungen sind: "Wenn man mit einem chinesischen Partner zu einem Geschäftstermin fahren will, steigt der nicht in ein Taxi ein, das die Zahl fünf im Nummernschild hat. Die Fünf gilt in China als Unglückszahl".

Eine Bildreihe zeigte das alte Shanghai mit teilweise europäischer Architektur um die Wende des 20. Jahrhunderts zeigte. Als letzter Schrei gilt die Heirat nach europäischer Mode. Beim "Ganz-in-Weiß" kann es schon einmal vorkommen, dass Jeansähnliches unterm Tüll hervorlugt. Die Referentin reist nach vierwöchigem Heimaturlaub zurück und ist gespannt, was sich in der Stadt verändert hat.

döl