Lokales

Lehrer als Psychologen

Reden, zuhören, Trost spenden. Kein Unterrichtsbeginn wie jeder andere für Schüler und Lehrer des Ludwig-Uhland-Gymnasiums und der Konrad-Widerholt-Grundschule in Kirchheim. Dort blieben am ersten Schultag nach den Weihnachtsferien gestern zwei Stühle leer.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Mit jedem neuen Tag schwindet die Hoffnung auf ein Lebenszeichen der drei Kirchheimer Familienmitglieder, die seit der Flutkatastrophe am zweiten Weihnachtsfeiertag im thailändischen Khao Lak als vermisst gelten. Von Emmanouela Schäffer (43) und ihren beiden Töchtern Elli (11) und Patricia (8) fehlt weiterhin jede Spur. Eine Situation, mit der sich zum gestrigen Schulbeginn nicht nur Angehörige, sondern auch Mitschüler, Eltern und Lehrer konfrontiert sahen.

In der Klasse 5b des Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasiums, dort, wo sich vor Weihnachten Elli Schäffer von ihren Klassenkameraden in die Ferien verabschiedete, begann der Unterricht am gestrigen Montag anders als im Stundenplan vermerkt. Statt des Fachlehrers suchten Klassenlehrer und Religionslehrerin das Gespräch mit den Schülern. "Den Kindern zu spüren geben, dass sie nicht alleine sind", beschreibt Dr. Andreas Jetter das Gebot der Stunde. Der Schulleiter hatte in einem hausinternen Schreiben das Kollegium rechtzeitig auf die besondere Situation vorbereitet. Der geschulte Psychologe weiß, wovon er spricht, wenn er die Wirkung sekundärer Traumata durch Bilder in den Medien beschreibt. "Uns muss klar sein, dass fast alle Kinder diese Katastrophenbilder konsumiert, viele sie jedoch nicht verarbeitet haben", sagt Jetter. Wenn wie in der 5b das Grauen seine Anonymität verliert, ist besondere pädagogische Zuwendung gefragt. Klar ist: Der Unterrichtsalltag muss weiter gehen. "Doch für uns stehen die Kinder jetzt an erster Stelle", betont der Schulleiter, der weiß, dass jeder anders mit dem Thema umgeht. Reden, zuhören, Trost spenden. Die Schule als geschützten Raum anbieten. "Das ist der Beitrag, den wir leisten können", sagt Jetter. Dazu gehört auch, den Blick nach vorne zu richten und Hoffnungen zu wecken, etwa am Beispiel der weltweiten Solidarität.

Einen kindgerechteren Weg der Aufarbeitung gilt es an der Konrad-Widerholt-Grundschule zu finden. Im Klassenzimmer der achtjährigen Patricia haben Mitschüler die Fotos von der Weihnachtsfeier vor den Ferien inzwischen abgehängt. "Die Betroffenheit im Haus ist groß", sagt Bernd Neugebauer, der erlebt, wie die Jüngeren die Katastrophe verarbeiten. "In diesem Alter gehen die meisten sehr direkt mit dem Thema um", meint der Schulleiter. "Wir versuchen die Kinder ernst zu nehmen und keiner Frage auszuweichen." Er macht jedoch auch deutlich, dass die Zeit noch nicht gekommen ist, um Trauerarbeit zu leisten. "So lange Hoffnung besteht und wir vom Vater kein anderes Signal erhalten, gelten die Mädchen als vermisst."

Trauer und Betroffenheit bestimmte auch die erste Trainingsstunde nach der Weihnachtspause bei der VfL-Turnabteilung. Dort turnten sich die beiden Mädchen im Leistungskader an die württembergische Spitze. Der letzte Erfolg liegt nur sieben Wochen zurück: Beim Landesfinale der Jugend Ende November in Kirchheim glänzte die achtjährige Patricia als beste Turnerin des gesamten Wettkampfs. Trainerin Michaela Pohl, die die beiden Mädchen seit fünf Jahren betreut, versuchte im Training das Unfassbare in verständliche Worte zu fassen, wohl wissend, dass ihr dies kaum gelingen würde. "Für die Kinder ist es noch schwerer als für uns, dies alles zu verstehen."