Lokales

Leidenschaftliche Botschafterin für mehr Integration

KIRCHHEIM An einem Septembervormittag 1984 betrat ein Mann das Kreuzberger "TIO", ein Treff- und Informationsort für türkische Frauen.

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BRIGITTE GERSTENBERGER

Drei Schüsse feuerte der Mann ab, eine Kugel traf die junge Türkin Neriman in den Bauch, eine zweite drang Seyran Ates in den Hals. Ein paar Tage später starb Neriman an ihren Verletzungen, Seyran Ates überlebte wie durch ein Wunder.

Am Dienstagabend stand Ates nun in der Kirchheimer Buchhandlung Schieferle, um ihr neuestes Buch "Der Multikulti-Irrtum" den zahlreich erschienenen Zuhörern vorzustellen. Sie möchte nicht Platz nehmen hinter dem Tisch, auf dem dekorativ ihr "Plädoyer für mehr Integration" aufgebaut ist. "Verstecken ist nicht so ganz meine Sache", lässt Ates schmunzelnd die Anwesenden wissen, auch soll sie jeder hören und sehen können sie, die mutige Juristin, deren Thesen viele provozieren. Wer Ates an diesem Abend erlebte, möchte kaum glauben, dass diese engagierte, selbstbewusste und humorvolle Anwältin einmal Opfer eines Attentates war. Jahre hat sie gebraucht um die Kraft zur Fortsetzung ihres Jurastudiums zu finden.

Seyran Ates, Tochter von Migranten türkisch-kurdischer Herkunft, kämpft an vorderster Front gegen Zwangsheirat und Ehrenmorde, für Frauenrechte und Integration. Vor über dreißig Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland. Eloquent, geradeaus und furchtlos spricht sie die Themen an, die ihr am Herzen liegen. Vor allem die mangelnde Integration der Ausländer in Deutschland stellt sie an den Pranger. Was sie sagt, ist von wohlkalkulierter Durchschlagskraft. Ates kennt die Wirkung ihrer Formulierungen. Und aus eigener Erfahrung weiß sie, dass viel zu lange geschwiegen wurde. "Menschen sollen miteinander reden, schönreden hilft nicht weiter", sagt sie. "Multikulti", verkündet die Anwältin im Laufe des Abends immer wieder, "Multikulti ist organisierte Verantwortungslosigkeit". Ihrer Meinung nach geht die vermeintlich aufgeklärte Toleranz für kulturelle und religiöse Sonderwege meist zu Lasten der Schwächsten: Frauen und Mädchen.

In ihrem Buch führt sie aus, wie eine verfehlte Integrationspolitik und eine als Toleranz verkleidete Gleichgültigkeit zu Parallelgesellschaften, Ghettoisierung und Gewalt geführt haben. Sie erläutert, wie es gelingen kann, die Migranten langfristig in die Gesellschaft einzubinden. "Wer in Deutschland lebt, muss sich an die Werte unserer Gesellschaft halten, nur so kann Deutschland ein Einwanderungsland im besten Sinne werden." Sie wirbt für ein Einwanderungsgesetz, und tritt dabei den politischen Parteien sämtlicher Couleur kräftig vors Schienbein. Seyran Ates bemängelte vor allem, dass sich die SPD und die Grünen in der "Süssmuth- Kommission" nicht durchsetzen konnten. "Was ist daraus geworden? Ein Zuwanderungsgesetz oder anders gesagt, eine Heiratsvermittlungsagentur, denn Einwanderung ist in dieses Land nur durch Heirat möglich." Ates kritisiert aber auch ihre Landsleute. "Sie igeln sich in ihren Parallelwelten ein und lehnen die deutsche Gesellschaft ab, besonders die Vertreter der konservativen muslimischen Verbände kümmern sich nicht um eine erfolgreiche Integration der Zuwanderer."

Aufgewachsen mit vier Geschwistern in einer Einzimmerwohnung im Berliner Stadtteil Wedding, machte Seyran Ates gegen den Widerstand ihres streng konservativen Vaters das Abitur, mit siebzehn riss sie von zu Hause aus, ging in die Hausbesetzerszene, begann ein Jurastudium und arbeitete nebenher in dem Frauenladen, in dem sie später niedergeschossen wurde. In ihrem 2003 erschienen Buch "Große Reise ins Feuer Die Geschichte einer deutschen Türkin", berichtet die Juristin aus einer verschlossenen, hermetisch abgekapselten Welt, einer Welt, über die nur wenige Deutsche etwas wissen.

Deutschlands vielleicht bekannteste Islamkritikerin ist längst ein Medienstar und gewohnt, für ihre Ansichten in Gesprächsrunden zu streiten. Von daher fiel die Lesung eher kurz aus, vielmehr, so schien es, war der Autorin der Austausch mit den Menschen wichtiger. So kamen die interessierten Zuhörer bei der anschließenden Diskussion in den Genuss der kommunikativen Energie von Seyran Ates: ein lebhafter Gedankenaustausch, bei dem freilich die Vielzahl der Themen nur angerissen werden konnten. Dabei begaben sich die Diskutanten unter anderem auf die Suche nach einer gemeinsamen Leitkultur: "Bildung als Chance, gerade auch für türkische Mädchen", so einer der Punkte. Auch sollten den Jüngsten die kulturellen Eigenheiten möglichst schon im Kindergarten vermittelt werden. "Zweisprachigkeit muss gefördert werden", lautete ein anderer Ansatz. Des Weiteren wurde über eine Reform des Islams diskutiert, "denn die religiöse Deutungshoheit müsse den ,Fundamentalisten' entrissen werden". Dabei sei eine zeitgemäße Auslegung der Scharia erforderlich, so die Autorin. Vor allem wünscht sich die "Multikulti-Kritikerin" und streitbare Frauenrechtlerin Seyran Ates eine "europäische Leitkultur, denn nationalistisches Denken ist mir genauso fern wie dem Papst ein Kinderwunsch".