Lokales

Leidenschaftlicher Forstmann mit Ecken und Kanten

"Das ist wahrlich nicht alltäglich, was sich hier in unserem altehrwürdigen Sitzungssaal abspielt", sagte Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht. Nach 38 Jahren wurde Dr. Wulf Gatter, Leiter des Forstreviers Lenningen, aus seinem Amt verabschiedet. Die nächsten Monate kann er sich nun der wissenschaftlichen Aufarbeitung seines Ökologischen Lehrreviers widmen.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Im Jahr 1971 trat Dr. Wulf Gatter seinen Dienst als Leiter des Schopflocher Forstreviers an. Im Zuge zahlreicher Reformen und der stufenweisen Zerschlagung der Landesforstverwaltung wurden die Filetstücke schöne, ebene Wälder auf der Albhochfläche seines Schopflocher Reviers den Wiesensteigern zugeordnet, wofür ihm als Ausgleich ausschließlich Hangwälder in Donnstetten und Schlattstall zugesprochen wurden. Im Laufe der Jahre kamen die Steilhangwälder von Ober- und Unterlenningen sowie Brucken hinzu. Von oberster Stelle wurde ihm daher bescheinigt: Er ist der Leiter des schwierigsten Reviers weit und breit.

Für einen Mann, der keine Herausforderung scheut, war dies jedoch der ideale Arbeitsplatz, wenngleich sich der eine oder andere Unfall nicht vermeiden ließ und Wulf Gatter die Folgen davon in sämtlichen Knochen spürt. "Es ist ein extrem interessanter Platz und mir war es hier nie langweilig", erklärte er bei seiner Verabschiedung aus den Diensten der Gemeinde Lenningen im Kreise langjähriger Weggefährten. "Auch wenn ich einen ganzen Tag nur Holz ausgezeichnet habe, gab es immer wieder etwas zu entdecken und erleben", sagte er mit einem unübersehbaren Leuchten in den Augen. Wie im Flug seien die 38 Jahre vergangen.

Die Liebe zu dieser einmaligen Landschaft prägte sein Leben und umgekehrt. "Seinen" Wäldern hat er unverkennbar seinen Stempel aufgedrückt. Nicht immer zur Freude aller Beteiligten. Dazu zählten neben den Kollegen und Vorgesetzten auch Jäger und nicht wenige Privatwaldbesitzer. "Manch einer wird erleichtert sein, dass ist jetzt gehe manchen habe ich überlebt", ist er sich seiner streitbaren Persönlichkeit durchaus bewusst.

"An Rückgrat hat es Ihnen nie gemangelt. Auch wenn der Wind scharf von vorne kam, haben sie immer auf fachlicher Basis ihre Ansicht vertreten", beschrieb Michael Schlecht den Revierleiter. "Er konnte anecken", hat auch Felix Reining, seit rund eineinhalb Jahren Leiter des Forstamtes Esslingen, schon mitbekommen. "Für seine Überzeugungen steht er ein und fachlichen Diskussionen geht er nicht aus dem Weg", meinte er augenzwinkernd. Felix Reining zollte Wulf Gatter großen Respekt für seine Arbeit und zeigte Ehrfurcht vor solch einer unglaublich langen Dienstzeit und Lebensleistung. Auch wenn er in keinem leichten Revier gearbeitet habe, so sei es doch ein faszinierendes gewesen. "Es ist ein besonderer Glücksfall, dass aus dem Ornithologen, Entomologen und Ökologen ein Forstmann geworden ist damit war er ein Exot", zeigte Felix Reining die Besonderheit dieses Mannes auf. Mit seiner hohen Antriebskraft habe sich Wulf Gatter eine internationale Reputation erarbeitet. Nicht von ungefähr sei ihm von den Universitäten Münster und Liberia die Ehrendoktorwürde verliehen worden. "Das ist etwas Einmaligen", so Felix Reining. Herausragend sei auch das ehrenamtliche Engagement an der Forschungsstation Randecker Maar. Hier beobachtet Wulf Gatter mit seinem Helfer seit Jahrzehnten den Vogelzug und die Insektenwanderung.

Die Vielseitigkeit seines Reviers ist Wulf Gatter ans Herz gewachsen, weshalb er nach einem Intermezzo im afrikanischen Regenwald in die heimischen Steilhänge zurückgekehrt ist und 1990 auch noch die Leitung des ersten und einzigen Ökologischen Lehrreviers in Baden-Württemberg übernommen hat.

Dem scharfen Beobachter entgeht so schnell nichts. Neben dem Wald gilt die Leidenschaft von Wulf Gatter der Ornithologie und Entomologie, der Insektenforschung. Weit über Deutschland hinaus ist sein Wissen geschätzt. Schon als Schüler in Kirchheim zog es den späteren Forscher in Richtung Lenningen, um dort Flora und Fauna genauer unter die Lupe zu nehmen. Somit beschränkten sich seine Naturbeobachtungen nicht nur auf seine Berufszeit. "Diese Treue zur Heimat ist was Besonderes", erklärte Bürgermeister Schlecht. Er hat so seine Zweifel, ob Wulf Gatter das kommende halbe Jahr reicht, um seine wissenschaftlichen Erkenntnisse aufarbeiten zu können und damit für die Nachwelt festzuhalten. "Seine Erfahrungen sind von unschätzbarem Wert. Mit Geduld hat er sein Ziel verfolgt und Erfolg gehabt das ist in der heutigen schnelllebigen Zeit nicht alltäglich", ergänzte dazu Felix Reining.

Michael Schlecht ist froh, dass Wulf Gatter seinen Nachfolger Alexander Klein schon seit geraumer Zeit in das große und schwierige Revier eingearbeitet hat. "Kontinuität im Wald ist wichtig und somit gegeben", freut sich der Schultes. Wäre es nach Wulf Gatter gegangen, hätte er seine Forstuniform gerne noch ein Weilchen anbehalten. Felix Reining war zu Ohren gekommen, dass der zukünftige (Un-)Ruheständler bedauert, mit 65 Jahren in Rente gehen zu müssen. Die Feierstunde im Rathaus war deshalb kein Abschied, sondern eine Würdigung des verdienten Forstmannes. Der kann nun seine wissenschaftlichen Arbeiten mit den Erfahrungen aus der forstlichen Praxis verbinden und so für einen Wissenstransfer sorgen.