Lokales

Leiharbeiter müssen als Erste gehen

Wenn wie derzeit in vielen Branchen Aufträge wegbrechen, werden die Leiharbeitnehmer als Erste nach Hause geschickt. Auch Kirchheimer Leiharbeiter werden von den Unternehmen nicht weiter beschäftigt und an ihre Zeitarbeitsunternehmen zurückgegeben.

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Antje Dörr

Kirchheim. Noch im Sommer waren aus den Branchenverbänden der Zeitarbeit regelmäßig Jubelmeldungen zu hören. Kein Wunder: Ende Juni beschäftigte die deutsche Wirtschaft 800 000 Leiharbeiter, verglichen mit 400 000 in 2004. Die Zeitarbeitsbranche wuchs schneller als alle anderen. Damit dürfte es zunächst vorbei sein. In Zeiten wie diesen sind Leiharbeiter die Ersten, die von den Fließbändern verschwinden – auch in Kirchheim. Unternehmen leihen Personal aus, um Auftragsspitzen auszugleichen. Gibt es keine Aufträge, braucht das Unternehmen den Leiharbeiter nicht mehr. Mit diesem Prinzip verdienen Zeitarbeitsunternehmen ihr Geld.

Kritisch wird es, sobald es kaum mehr Aufträge gibt, wie derzeit in der Automobilbranche. Vor allem ungelernte Arbeiter und Produktionshelfer sind dann nicht mehr vermittelbar und werden von den Zeitarbeitsunternehmen entlassen. Von diesem Problem berichten auch Kirchheimer Zeitarbeitsunternehmen. „Uns gibt es seit 25 Jahren, aber so etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Karlheinz Klaus. Die Firma Effenberger und Klaus vermittelt Arbeitskräfte an Unternehmen in Kirchheim und Umgebung. Vor einigen Monaten beschäftigte die Firma 150 Leiharbeiter. Dann kam die Krise. Jetzt sind es noch 120.

Besonders stark spürt das Zeitarbeitsunternehmen die Absatzkrise in der Automobilindustrie. „Die Unternehmen, die mit Daimler zusammenarbeiten, geben Leiharbeiter zurück“, berichtet Karlheinz Klaus. Zum Glück arbeiten sie nicht so viel mit der Automobilindustrie zusammen, sondern auch mit anderen Branchen, die nicht von der Krise betroffen sind, zum Beispiel mit der Lebensmittelindustrie oder der Elektrobranche. Dort seien Leiharbeiter nach wie vor gefragt.

„Im Moment fühle ich mich nicht so wohl“, sagt Klaus, wenn man ihn auf die kommende Zeit anspricht. Eine Prognose möchte er nicht abgeben. Die Strategie des Branchenriesen Randstad, arbeitslose Leiharbeiter auf Fortbildungen zu schicken, hält er für kleinere Unternehmen wie seines nicht geeignet. Die optimistische Einschätzung des Präsidenten des Bundesverbands Zeitarbeit (BZA) Volker Enkerts, dass die Branche 2010 die Millionengrenze knacken werde, teilt er nicht: „Das ist doch das Pfeifen im Walde.“

Harald Bosse, Geschäftsführer der Firma Benz, sieht das anders. Das Unternehmen, das es in Kirchheim seit 20 Jahren gibt, verleiht Personal von der Bürokauffrau über Produktionshelfer und Facharbeiter bis hin zu Pflegekräften. Harald Bosse sieht die Situation nicht ganz schwarz. „Langfristig kann die Branche von der Krise profitieren“, glaubt er. Der Grund: Wenn die Situation wie jetzt unsicher sei, griffen die Unternehmen eher auf Leiharbeiter zurück, als festes Personal einzustellen.

Dass die Lage im Moment nicht gut ist, gibt Harald Bosse aber dennoch zu. „Viele Firmen melden ihre Leiharbeitnehmer vorsichtshalber ab“, berichtet er. Natürlich versuche sein Unternehmen, seine Leute weiter zu vermitteln – teilweise aber ohne Erfolg. „Wir mussten ebenfalls Leiharbeiter gehen lassen, vor allem Ungelernte“, sagt Harald Bosse. Wie viele Arbeitskräfte er entlassen musste, will er nicht sagen. Facharbeiter und examiniertes Pflegepersonal wie Krankenpfleger und -schwestern dagegen seien nach wie vor gefragt.