Lokales

Lepra ist behandelbar

"Der Traum, dass Lepra ausgerottet wird, ist ausgeträumt", sagt Dr. Johannes Schäfer, der Vorsitzende der deutschen Lepra-Mission mit Sitz in Esslingen. Deshalb sei die Arbeit der Lepra-Mission auch im 50. Jahr ihres Bestehens immer noch wichtig.

ESSLINGEN Der Tropenmediziner, der am Paul-Lechler-Krankenhaus in Tübingen arbeitet, weiß, wovon er redet. Jahrelang war Schäfer für die Lepra-Mission im Tschad tätig. Obwohl man inzwischen die Bakterien, die die Krankheit auslösen, gut bekämpfen könne, gebe es jedes Jahr eine relativ konstante Zahl von rund einer halben Million Neuerkrankungen. Vor allem in Gebieten, in denen Armut, Überbevölkerung und eine schlechte medizinische Versorgung herrschten, tritt die Lepra auf. Der heimtückischen Krankheit, die Haut und Nerven angreift, ist auch deshalb so schlecht beizukommen, weil die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch bis zu 20 Jahre dauern kann.

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Die Nervenschädigungen führen zu Verletzungen und Verstümmelungen, die ihrerseits die von Lepra betroffenen Menschen stigmatisierten, erläutert Schäfer. "Ziel war es deshalb schon immer, aus christlichem Verständnis heraus die Ausgrenzung der Lepra-Kranken zu bekämpfen", erinnert der Esslinger Dekan Dieter Kaufmann an den Beginn der Lepra-Mission in Deutschland. "Hilfe für Leib und Seele ist nicht zu trennen", betont Kaufmann.

Auch Schäfer hat erfahren, dass die medizinische Behandlung für die Kranken viel mehr als nur Linderung ihres Leidens bedeutet. "Sie werden wieder als Menschen wahrgenommen und in die Gemeinschaft hineingenommen." Deshalb würden die Lepra-Kranken auch in den Hospitälern "und nicht irgendwo draußen vor der Stadt" behandelt.

Die Keimzelle der Lepra-Mission bildete ein Freundeskreis, der 1958 entstand, um den Esslinger Arzt Dr. Gottfried Riedel in seinem Kampf gegen die Lepra zunächst in Indien, später auch in Bhutan zu unterstützen. Seither werden von Esslingen aus verschiedenen Projekte der Aussätzigenarbeit in vielen Ländern Afrikas und Asiens gefördert. 1991 fusionierte der "Freundeskreis der Aussätzigenarbeit" mit der Lepra-Mission Deutschland und wurde Mitglied in der Internationalen Lepra-Mission.

"Heute konzentriert sich die Arbeit der Lepra-Mission neben der medizinischen Behandlung vor allem auch auf die Rehabilitation", berichtet Kaufmann. Auch beim Aufbau einer Existenz werden die Lepra-Kranken unter anderem durch Kleinkredite unterstützt. Viel arbeite man auch mit Selbsthilfegruppen zusammen, leite die Menschen an, wie sie sich vor Verletzungen schützen können, etwa durch einfache Vorsichtsmaßnahmen wie Schuhe oder Handschuhe bei der Arbeit zu tragen, erzählt Schäfer. Denn an Lepra Erkrankte fühlen durch die Nervenschädigungen oft keinen Schmerz in Händen und Füßen.

150 000 bis 200 000 Euro bringt der heute knapp 90 Mitglieder zählende Verein jährlich für die Lepra-Arbeit auf, weiß Geschäftsführerin Silke Gerlinger-Ehrler. Die fest angestellte Mitarbeiterin Angelika Piefer ist nach Jahren in Asien derzeit im Kongo aktiv. Das afrikanische Land ist neben Tschad und Sudan seit einiger Zeit Schwerpunkt der deutschen Lepra-Mission. Die in der Internationalen Lepra-Mission zusammengeschlossenen nationalen Einrichtungen arbeiten stark vernetzt, erläutert Schäfer.

Das 50-jährige Bestehen der Lepra-Mission wird am Sonntag, 27. Januar, um 10.30 Uhr mit einem Gottesdienst in der Esslinger Stadtkirche St. Dionys gefeiert. Die Predigt hält Prälat Ulrich Mack. Aufgeführt wird die Bach-Kantate "Alles nur nach Gottes Willen". Im Anschluss an den Gottesdienst lädt die Lepra-Mission alle Interessierten zu einem einfachen Mittagessen in die Versöhnungskirche nach Oberesslingen ein. Dort wird auch Dr. Gottfried Riedel, heute 86, aus seiner Arbeit und über die Anfänge des Vereins berichten.

pm