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Lernen von Afrikanern und Orthodoxen

Letzte Woche beim Papst in Rom diese Woche in Kirch-heim: Der frühere württembergische Landesbischof D. Eberhardt Renz zeigte sich als überzeugter und begeisterter Ökumeniker.

WALTER GÖLZ

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KIRCHHEIM Peter Treuherz, Sprecher der Leitungskreises der Offenen Kirche im Bezirk Nürtingen-Kirchheim, erinnerte in seiner Begrüßung daran, dass bis heute in den Glaubensbekenntnissen ein Wort von evangelischen und katholi-schen Christen nicht gemeinsam gesprochen wird: Wo im Urtext "katholisch" steht, sagen die Evangelischen "christlich" oder "allgemein". Könnten sie dafür nicht "ökumenisch" sagen?

Der Referent, einziger Europäer unter den acht Präsidentinnen und Präsidenten des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), zeigte sich als außerordentlich welterfahren: In Indien hat er studiert, in Kamerun hat er jahrelang als theologischer Lehrer gewirkt. Anschließend war er Afrikareferent bei der Basler Mission. Ein freundschaftliches Verhältnis besteht zwischen ihm und dem Kurienkardinal Walter Kasper in Rom. So wurde er vom neuen Generalsekretär des Ökumenischen Rates, dem Kenianer Samuel Kobia gebeten, ihn bei seinem ersten Besuch bei Papst Benedikt XVI in Rom zu begleiten. Der Papst habe dabei festgestellt, die römisch-katholische Kirche sei nicht Mitglied des Ökumenischen Rates und werde es auf absehbare Zeit auch nicht sein, worauf Kardinal Kasper spontan dazwischen gerufen habe: "But we are friends!"

Eberhardt Renz stellte fest: Die Einheit der Kirche ist vorgegeben in Jesus Christus. "Wenn das für alle klar wäre, könnten wir die Vielfalt christlicher Kirchen mit allen Stärken und Schwächen zulassen. Dann wäre ich auch bereit, das Fragezeichen hinter dem Thema ,Eine heilige ökumenische Kirche?' zu streichen." In seinem von vielen persönlichen Erlebnissen in der weltweiten Kirche geprägten Vortrag machte Renz zuerst auf die wachsende Bedeutung Afrikas aufmerksam: Nicht nur der Generalsekretär, der Nachfolger des deutschen Professors Konrad Raiser, ist Afrikaner; der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, Ishmael Noko, kommt aus Sambia, und der Generalsekretär des Reformierten Weltbundes, Dr. Setri Nyomi, stammt aus Ghana wie der Generalsekretär der Vereinten Nationen.

In Afrika wachsen Tausende neuer "unabhängiger", also nicht aus europäischen Missionen hervorgegangener, Kirchen. Bischof Renz gehörte zu einer Kommission, die die Aufnahme-anträge dreier solcher Kirchen in den ÖRK vor Ort zu prüfen hatte. Mit überwältigender Freude wurden sie dort empfangen. Aber nach welchen Kriterien können solche spontanen, begeisterten und vielleicht nach dem Tode eines charismatischen Leiters zerfallende Kirchen beurteilt werden?

Ein Prüfstein wird sein: "Wer Mitglied im Ökumenischen Rat werden will, muss auch zuhause ökumenisch handeln."

Bischof Renz zitierte den ersten Generalsekretär des Ökumenischen Rates, Willem A. Visser't Hooft: "Diese Kirchen werden uns helfen, andere Maßstäbe in Lehre und Leben zu setzen, nämlich die Armut und den Hunger als Problem der ganzen Menschheit zu sehen."

In Württemberg weitgehend unbeachtet ist die Konferenz europäischer Kirchen (KEK), zu deren 125 Kirchen auch die römisch-katholische Kirche gehört. Wir Deutschen haben es noch nicht einmal zu einem Nationalen Christenrat gebracht, was in anderen Teilen der Welt selbstverständlich ist, über alle Grenzen und Eigenarten der einzelnen Kirchen hinweg. Dabei wäre er im Zusammenwachsen Europas nötiger als je. Bei der dritten europäischen Konferenz der KEK in Trondheim wurde Renz gebeten, wenige Kilometer von einem ehemaligen deutschen Straflager eine Predigt zu halten.. "Es war gut, dass Sie geredet haben!", war der Kommentar eines alten weißhaarigen Norwegers.

Im dritten Teil seines Vortrags befasste sich Eberhardt Renz mit dem Verhältnis zu den orthodoxen Kirchen. Sie sind Gründungsmitglieder im Ökumenischen Rat, können aber erst seit der Beendigung des Kalten Krieges frei reden. 70 Jahre lang haben sie in Russland keine Erfahrung mit anderen Konfessionen gehabt, und jetzt werden sie überschwemmt mit allem. Sie leben aus einer bald zweitausendjährigen Geschichte, die sie in ihrer Liturgie bis heute bewahrt haben. So haben sie große Schwierigkeiten mit den westlichen Formen von Kirche, mit verschiedenen Theologien, erst recht mit einer frauengerechten Sprache im Gottesdienst und gar der Ordination von Frauen. Bischof Renz: "Wir merken, dass die orthodoxen bisher von den westlichen Kirchen oft überstimmt worden sind, weil wir im Westen ergebnisorientiert denken. Sie aber denken beziehungsorientiert. Dies bedeutet eine schwierige, aber berechtigte Geduldsprobe für die westlichen Kirchen."

Zuletzt lenkte Bischof Renz das Interesse auf die im Februar 2006 in Porto Alegre (Brasilien) bevorstehende neunte Vollversammlung des Ökumenischen Rates. Sie wurde mit Absicht in ein armes lateinamerikanisches Land gelegt, dessen Kirchen mit dem Erbe der kolonialen Vergan-genheit bis heute zu kämpfen haben. Das Thema der Konferenz ist bewusst als Bitte formuliert: "In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt." Dies setzt angesichts der Globalisierung eine Gesinnung voraus, die der deutsche Bundespräsident Köhler noch als Direktor des Internationalen Währungsfonds so formulierte: "Keine Globalisierung ohne globales Ethos!" Das schließt die Frage nach den buchstäblich vergessenen Landlosen genau so ein wie die Zerstörung des Amazonasgebiets durch Raubbau an der "grünen Lunge" der Erde. Nicht umsonst fand das Weltsozialforum 2005 ebenfalls dort statt.