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Leselust in Lenningen Investition in die Zukunft

2004 ist ein erlesenes Jahr. Seit der Eröffnung der Gemeindebücherei im Oberlenninger Schlössle 1992 sind noch nie so viel Besucher gezählt und Medien entliehen worden wie in diesem Jahr. Die Bibliothekarin Ev Dörsam sieht in dem wachsenden Trend eine hohe Akzeptanz dieser kulturellen Einrichtung.

ERIKA HILLEGAART

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LENNINGEN Sechs Geheimzahlen muss die Titelheldin in Jostein Gaarders neuem Buch finden, um an den Schlüssel zur "Magischen Bibliothek" zu gelangen: "Du gehörst zu den wenigen Auserwählten, die Zutritt zu diesen heiligen Hallen haben. Hier findest du alle Bücher, die in der gesamten Geschichte der Menschheit geschrieben worden sind. Derzeit füllen wir die Regale mit Büchern, die erst noch geschrieben werden. Vorsicht bewahren!"

Geheim sind die Zahlen der Büchereistatistik nicht, die Ev Dörsam Jahr für Jahr erstellt. Doch auch sie sind ein Schlüssel, sie erschließen den Erfolg des Büchereibetriebs. In den sieben Räumen im alten Fachwerkhaus über der Lauter sind zwar nicht alle Bücher der Welt, doch ein respektabler Querschnitt der klassischen und modernen Literatur. Hier finden Kinder, Jugendliche und Erwachsene Bücher, Tonkassetten, Zeitschriften, Magazine, Spiele oder Hörbücher.

Die Zahlen vom 10. Dezember 2004 erzählen: Der Gesamtbestand mit 17 263 Medien wurde 48 446 Mal entliehen; der Medienetat beträgt 1,77 Euro pro Einwohner, und jeder Einwohner holt durchschnittlich sechs Medien aus den Regalen. Doch Durchschnittswerte spiegeln nicht die Leselust aller Lenninger wider. Es sind die Kinder, die von der Bücherwelt magisch angezogen werden. Sie sind die eifrigsten Besucher. Denn welches Kind geht nicht gern in ein Schloss, gar in eines, wo man auf Kuschelkissen sitzen und schmökern kann? Sie wählten in diesem Jahr aus den 1046 Bilderbüchern, 3002 Erzählungen für Kinder, den 1145 Kindersachbüchern und 439 Lieder- und Tonkassetten gerade das "Allerbeste" für sich aus und sorgten so für die höchsten Umschlagzahlen.

"Lesen macht stark", das wissen die kleinen Freunde der Leselöwenreihe. Für die zehn- bis dreizehnjährigen oder acht- bis achtzigjährigen Bücherfans bietet die Jugendbuchabteilung Abenteuer und Spannung mit Hobbits, Hexen und Helden. Selbstverständlich stehen auch die Klassiker von Michael Ende, Willi Fährmann, James Krüss, Erich Kästner, Astrid Lindgren und Otfried Preußler in den Regalen. "Ohne die hätte ich meine drei Kinder nicht erziehen können", sagte eine Großmutter und holte Onkel Tobi, Petterson und den Bären Pu aus der Bilderbuchkiste. "Nichts öffnet so viel Türen wie das Lesen und Vorlesen", darin stimmt die Oma mit den Fachleuten überein, denn das richtige Buch zur richtigen Zeit ermöglicht Rollenspiele auf der Bühne der eigenen Vorstellungswelt. In der Internetecke können sich die Jugendlichen in der Kunst des sinnvollen Vernetzens üben.

Neben knapp 4000 Romanen für die Erwachsenen sind ein Drittel des Gesamtbestandes Sachbücher aller Fachrichtungen von der Anthropologie, außerschulischen Erziehungsbüchern, Rechts- und Sozialwissenschaftsliteratur bis zu zoologischen Nachschlagewerken. Dazu kommt der Präsenzbestand mit 90 enzyklopädischen Bänden. Das Romankontingent wird im Schnitt dreimal jährlich entliehen. Neben dem solid klassischen Bestand bereichern Neuerscheinungen Woche für Woche das Bücherangebot. Ihre Titel werden im Mitteilungsblatt veröffentlicht und auf Büchertischen präsentiert wer da nicht neugierig wird, ist selber schuld.

Ev Dörsam und ihre Mitarbeiterin Tina Kulhanek prüfen Leserwünsche, Bestsellerlisten, Fachzeitschriften und Empfehlungen des Buchhandels und kaufen nach Erwägungen unterschiedlicher Kriterien. "Wir kennen unsere Leser und hoffen, dass auch Lesemuffel die Schlosstüre öffnen und Fernsehfrust in Leselust umschlägt", so die professionellen Leserinnen. Regelmäßig trifft sich die Bibliothekarin mit ihren Kollegen des Landkreises Esslingen zum Erfahrungsaustausch und zu Fortbildungsvorträgen. Und sie pflegt den Kontakt mit der Staatlichen Fachstelle für das Öffentliche Bibliothekswesen in Stuttgart.

Das Rahmenprogramm der Bücherei Lenningen ist vielfältig mit Märchenstunden, Bilderbuchkino, Puppenspielen und Bastelstunden. Das facht den Leseeifer an. Das Kinderferienprogramm mit den Lesenächten lockt besonders ins Bücherfachwerkhaus. "Da werden die Nachgeister buchstäblich unsere stabilsten Bücherfans", erzählt Ev Dörsam. "Wir haben auch schon Papier geschöpft. Da entwickelt sich ein Gefühl für den Stoff, auf dem die Träume sind", meint die Bibleothekarin. Die Frederic-Lesewochen der Schulen werden meist in den heimeligen Bücherei-Stuben veranstaltet, da liest's sich einfach leichter.

Die Kindergartenkinder wurden in diesem Jahr zu einer afrikanischen Märchenstunde eingeladen. Nach einer Kinder-Krimilesung aus der Dreifragezeichen-Buchreihe seien die Jungs scharenweise gekommen, so die erfreuliche Bilanz. Demnächst werden drei Realschüler der Klasse 9 in der Bücherei ihr Kurzpraktikum absolvieren. Beim jährlichen Bücherflohmarkt wird entrümpelt, ganze Privatnachlässe angeboten und so das Veranstaltungsbudget aufgestockt.

Auch die Erwachsenen werden umgarnt mit literarischen Texten textus ist ja das Gewebe, das Geflecht, die Verbindung der Fäden, im übertragenen Sinn der Zusammenhang von Worten, Sätzen und Gedanken. Lesungen von hoher Qualität sind ein Markenzeichen der jährlichen Veranstaltungen, die seit über zwei Jahrzehnten auch der Förderkreis Schlössle mit verantwortet. Diese Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Verein bereichert das Kulturleben in dem Renaissancebau mit Ausstellungen, Konzerten und Vorträgen. Dadurch werden auch Leser aus der Region gewonnen, die bei solchen Gelegenheiten zum ersten Mal in diese Bücherei kommen.

Seit PISA eins und zwei wird heftig die Lesekompetenz gefordert. Das Wort klingt streng, scharf, fast strafend. Wie wäre es, wenn verlangt würde, die Leselust zu fördern? "Beim Lesen lässt sich trefflich denken", notierte Leo Tolstoi in seinen Tagebüchern. Das Leseglück, Spaß, Spannung und Gedanken mit Gewinn miteinander zu verweben, wird in Lenningen dank einer weitsichtigen Gemeindepolitik ermöglicht. Eine Investition in die Zukunft hoffentlich mindestens so lange, bis die Bilderbuchkinder mit Fantasie und Fabulierkunst die heute noch ungeschriebenen Bücher verfassen und in ihre "magische Bibliothek" stellen.