Lokales

Leser unterstützen Zeitungs-"Hörer"

"Leser helfen Lesern", so lautet ein Motto der Teckboten-Weihnachtsaktion. Es gilt auch dieses Mal wieder, mit einer kleinen Einschränkung: Bei einer der drei Einrichtungen, die von den Spenden profitieren, kommt das Geld Teckboten-"Hörern" zugute blinden Menschen, die die wichtigsten Lokalnachrichten per Telefon abrufen können.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM "Wenn du keine Tageszeitung hast, lebst du am Leben vorbei", sagt Ella Knapp kurz und

O:STERN.TI_bündig. Die 63-Jährige weiß, wovon sie spricht: Von Geburt an sehbehindert, konnte sie im Alter von 30 Jahren mit Müh und Not noch Zeitung lesen am Fenster, wenn es draußen besonders hell war. Später erkannte sie nur noch die Überschriften, und danach ging auch das nicht mehr. Die Beurenerin konnte gerade noch Farben unterscheiden, was sich schließlich auf den Unterschied zwischen Hell und Dunkel reduzierte, bis sie vor etwa 15 Jahren ganz erblindete. "Dass die Sonne scheint, merke ich, wenn es warm wird", sagt sie, um deutlich zu machen, dass ihr von einstmals 20 Prozent Sehkraft kein noch so kleiner Rest mehr geblieben ist.

Lamentieren aber ist ihre Sache nicht. Sie krempelt lieber die Ärmel hoch und packt an, wo es geht. Sie versorgt ihren Haushalt selbstständig, bäckt Brot, arbeitet im Garten, liest Obst von ihren Wiesen auf und verarbeitet es weiter. Nur das Mosten und Brennen muss Ella Knapp anderen überlassen. Früher war ihr Mann dafür zuständig, seit dessen Tod vor viereinhalb Jahren hat der Sohn diese Aufgabe übernommen. Weil er und seine Schwester noch ziemlich klein waren, als die Mutter zunehmend erblindete, hat sich Ella Knapp damals selbst die Blindenschrift beigebracht, nach Anleitung.

"Beim ersten Mal hab' ich gesagt, das lern' ich meiner Lebtag nie", erinnert sie sich an die Anfangsschwierigkeiten. Sie ist aber dabei geblieben, hat auch "blind" Maschine schreiben gelernt und sich außerdem eine Kurzschrift angeeignet. "Das ist Blindenschrift in Steno", erläutert sie und deutet auf ein dickes Konvolut aus bestanztem Papier, "sonst wäre das Fernsehprogramm für diese Woche noch viel dicker."

Fernsehen gehört bis heute zum festen Bestandteil in Ella Knapps Leben, auch wenn sie es nur hören und nicht sehen kann. Nachrichten schaltet sie bevorzugt ein und Fernsehserien: "Da kenne ich die Leute schon an der Stimme. Bei Filmen ist das schwieriger, da kommt man nicht so schnell mit." In solchen Fällen kann die Audiodeskription helfen. Bei zwei bis drei Filmen in der Woche erzählt eine Stimme auf dem zweiten Kanal, was sich gerade sichtbar auf dem Bildschirm abspielt. Das sei ganz einfach, "weil der bloß schwätzt, wenn die vom Film grad nix schwätzat".

Die Audiodeskription beim Fernsehen hat der Blindenverband in die Wege geleitet. Durch Fernsehen und Radio wissen Blinde und Sehbehinderte gut über das Weltgeschehen sowie über bundes- und landesweite Ereignisse Bescheid. Was ihnen dagegen häufig fehlt, sind die lokalen Nachrichten aus der Tageszeitung ihrer Region. "Das ist ein großes Defizit", weiß Ella Knapp, "man muss ja mitreden können über das, was in der Zeitung steht."

Seit April 1981 leitet die Beurenerin die Bezirksgruppe Nürtingen-Kirchheim des Blinden- und Sehbehinderten-Verbands Ost-Baden-Württemberg. Schon nach wenigen Jahren ist es ihr gelungen, ein Angebot einzurichten, das es bis dahin nur in Großstädten gab: Über ein und dieselbe Telefonnummer waren damals in den Ballungsräumen die wichtigsten lokalen Neuigkeiten zum Ortstarif und ohne Vorwahl abzurufen. Ab November 1984 konnten auch die Sehbehinderten im Altkreis Nürtingen unter dieser Nummer Artikel aus dem Teckboten und der Nürtinger Zeitung abhören.

Erst kürzlich rettete Ella Knapp die telefonische Zeitungsdurchsage vor dem technischen Aus, das vor zwei Jahren drohte, als die bundesweit einheitliche Rufnummer abgeschafft worden war. Seither verfügt die Bezirksgruppe Nürtingen-Kirchheim über eigene Gerätschaften, und die beiden Frauen, die über viele Jahre hinweg im wöchentlichen Wechsel die zwei Lokalzeitungen ausgewertet und die Artikel schriftlich gekürzt hatten, sprechen mittlerweile einfach selbst die Nachrichten über Fernaufsprache auf das entsprechende Band.

Schon 1988 hatte die Weihnachtsaktion des Teckboten die telefonische Zeitungsabfrage in der Region unterstützt. Bis Ende 2004 stünde die Einrichtung nun abermals vor dem Aus, wenn keine neuen zweckgebundenen Spenden hinzukämen. "Wenn man es jetzt einschlafen lässt, dann gibt es das nicht mehr", beschreibt Ella Knapp die drohende Misere in nüchternen Worten.

Dabei ist der Bedarf nicht einmal besonders üppig: Rund 3 500 Euro kostet das täglich aktuelle Zeitungsband pro Jahr. Teckbotenleserinnen und -leser können also mit ihrer Spende für die Weihnachtsaktion der Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbands auf mehrere Jahre hinaus zu einer gesicherten finanziellen Grundlage verhelfen, um die telefonischen Lokalnachrichten auch weiterhin anbieten zu können.

Ella Knapp ist besonders stolz darauf, die einzige Einrichtung dieser Art in ganz Württemberg zu sein. Andere Bezirke hätten zwar ähnliche Angebote, aber da würden die Nachrichten einer ganzen Woche zusammengefasst. "Das ist doch nicht aktuell, das bringt doch gar nichts", macht die Beurenerin deutlich, was sie davon hält. Diese Meinung belegt am besten das Beispiel der Todesanzeigen. Am Telefon gibt es davon eine Kurzfassung mit Namen und Bestattungstermin. Ella Knapp: "Man weiß, wer es ist, wie alt er war und wann die Beerdigung ist. Das reicht." Nach einer Woche käme diese Information aber zu spät, um persönlich an dem Begräbnis teilnehmen zu können.

Aktualität ist Trumpf. Das gilt für Todesanzeigen wie für Gemeinderatsberichte und für die gedruckten Zeitungsexemplare genauso wie für deren abgespeckte Tonbandversion. Täglich gegen 8 Uhr sind unter der Telefonnummer 0 70 25/91 13 11 die wichtigsten Lokalberichte aus Teckbote und Nürtinger Zeitung zu hören. Die Ansage dauert jeweils fünf Minuten. Hinzu kommen interne Informationen der Bezirksgruppe, die Ella Knapp einmal in der Woche auf ein weiteres Band spricht. Diese Mitteilungen lassen sich unter der Nummer 0 70 25/91 13 12 abrufen.

Spenden für die Teckboten-Weihnachtsaktion sind unter den folgenden Kontonummern möglich:

Kreissparkasse 48 333 344 (BLZ 611 500 20) Volksbank 30 4777 005 (BLZ 612 901 20) Deutsche Bank 0700 500 00 (BLZ 611 700 76) Landesbank BW 8 642 202 (BLZ 600 501 01) Commerzbank 9 100 009 00 (BLZ 611 400 71)