Lokales

Letzte Witwe im Kirchheimer Schloss

Sie war eine starke, mutige und sozial engagierte Frau, diese Herzogin Henriette. Zum Jahresbeginn hatte sie sich beim besinnlich-kulturellen Nachmittag der Neidlinger Landfrauen angesagt.

NEIDLINGEN Ulrike Braun konnte mit viel Ehrerbietung und mit dem Applaus der Besucherinnen die "adlige Dame" willkommen heißen. Die Einladung an sie stand unter dem Leitthema des Landfrauenverbands Württemberg-Baden für 2005/2006: "Sozialer Mut tut allen gut". Fasziniert haben der besondere Reiz und das Kennenlernen eines mutigen, nicht verstaubten Lebens einer bemerkenswerten Frau im 19. Jahrhundert.

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Beim geschilderten Lebensweg der Herzogin, alias Ruth Mößner, im festlichen Gewand konnten die Landfrauen Einblicke in das zu jener Zeit ungewöhnliche Engagement einer Frau gewinnen. Ruth Mößner verwirklichte vor Jahren die Idee, in das Leben und buchstäblich auch in das Gewand der Herzogin zu schlüpfen, nähte sich dazu ihre Garderobe selbst und ist seitdem sowohl als Stadtführerin in der Teckstadt als auch bei vielerlei Aktivitäten, unter anderem bei der CMT in Stuttgart oder auch in Kirchheims Partnerstädten unterwegs.

Herzlich, charmant und alles andere als hochnäsig präsentierte sich "Henriette" bei ihrem Stelldichein dem "Landvolk" gegenüber. Sie erzählte von ihrem Geburtsjahr 1780 und davon, früh Waise geworden zu sein, einer guten Erziehung durch Bruder und Onkel, ihrer Heirat, 17-jährig, mit Herzog Ludwig einem Bruder des ersten württembergischen Königs Friedrich und 25 Jahre älter als sie. Mit 24 Jahren ist sie Mutter von vier Töchtern und einem Sohn. Zwei Jahre lebt die Familie in Petersburg und Riga, wo Herzog Ludwig als Gouverneur tätig ist, Spielschulden anhäuft und ziemlich krank nach Württemberg zurückkehren muss, was den König-Bruder nicht allzu sehr erfreut.

Nach dem Tod Franziskas von Hohenheim 1811 bezieht die Familie das "Witwenschloss" in Kirchheim: "Ich war die einzige Frau, die je mit Familie dort lebte", so die Alias-Herzogin. Man wagt es kaum zu glauben, aber es ist so kein Geringerer als Carl Maria von Weber betätigt sich als Musiklehrer der Herzogskinder in Kirchheim, macht ebenso Schulden und "wird gegangen". Henriette ist erst 37 Jahre alt, als Herzog Ludwig 1817 an Wassersucht stirbt. Die fünf Kinder, alle musisch sehr begabt, heiraten in allerhöchste Kreise auch Königshäuser ein, weshalb man Henriette als "Urgroßmutter Europas" bezeichnet. So ist nicht verwunderlich, dass enge verwandtschaftliche Beziehungen auch zum englischen Königshaus gegeben sind.

Henriettes soziales und mutiges Engagement ist in Kirchheim noch allgegenwärtig, denn sie war als Vorsitzende des Wohltätigkeitsvereins Initiatorin zur Gründung der Freiwilligen Feuerwehr und des Krankenhauses, das zum Henriettenstift geworden ist. 1857 endet Henriettes Lebensweg im Alter von 77 Jahren. Die Trauer über ihren Tod ist groß, und in der Stuttgarter Stiftskirche findet sie neben ihrem Gatten die letzte Ruhestätte.

Selbst ein bescheidenes Leben führend, war sie in ihrem nahezu 40-jährigen Witwenleben um das Wohl "ihrer Kirchheimer" nicht nur sehr besorgt, sondern weise vorausschauend.

rr