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Lieber was bewegen als nur Däumchen drehen

KIRCHHEIM Edeltraut Schatz, Käthe Witt und Adolf Richter haben einige Gemeinsamkeiten: Sie sind alt, sie leben im Seniorenzentrum Steingaustift und sie sind ein Teil aus

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ALEXANDRA BOGER

dem Leben von Ruth Häcker. Dennoch "Jeder ist ein anderer Typ", wie Ruth Häcker weiß, "wenn man die Menschen so lange kennt, kann man sich auf den Einzelnen einstellen, bevor man in das Zimmer geht". Die 77-Jährige ist noch sportlich unterwegs und wandert mit dem Albverein an so manchem Wochenende über 15 Kilometer pro Tag. Eine andere Leidenschaft ist das ehrenamtliche Engagement für die Sanwald-Stiftung. Bereits seit 20 Jahren ist sie im Bereich der Altenpflege tätig. Nach dem Tod ihres Mannes begann sie als "Grüne Dame" und arbeitet seit ihrem Umzug nach Kirchheim vor drei Jahren im Altenbesuchsdienst der Stiftung.

Gegründet wurde sie von dem kinderlosen Ehepaar Sanwald. Teilweise finanziert durch deren Nachlass, hat das Stifterehepaar "die Förderung der Altenhilfe, insbesondere von Alten- und Pflegeheimen in Kirchheim unter Teck" als elementaren Teil ihrer Satzung festgelegt. Unter anderem findet die Aufgabe im Fickerstift und in der Einrichtung in der Steingaustraße ihre Umsetzung.

In beiden macht die gelernte Krankenschwester Besuchsdienste und bietet für die Bewohner Spielenachmittage und Singkreise an, was auch für die Musikliebhaberin Gelegenheit bietet, selbst zu singen. Statt instrumentaler Begeitung übernimmt sie die zweite Stimme.

Den ersten Besuch an diesem Tag stattet Ruth Häcker der 88-jährigen Edeltraut Schatz ab. Die Seniorin stammt aus dem ehemaligen Königsberg und hat sich, als gelernte Buchhändlerin, bis ins hohe Alter ihre Liebe zu den Büchern bewahrt. Jeden Tag liest sie Zeitung und schmökert mal in diesem Buch, mal in jenem, doch zu ihren großen Favoriten gehören die Kriminalgeschichten von Donna Leon.

"Lesen hält mich fit", und das merkt man der resoluten Frau an, die auch schon mal auf der Parkbank mit Mitbewohnern diskutiert. Für Edeltraut Schatz blieb es nicht nur beim Lesen. "Was ich gelesen habe, wollte ich auch sehen" und so unternahm sie Reisen nach Griechenland, Ägypten oder Israel.

Auf dem Flur läuft Ruth Häcker die 92-jährige Käthe Witt über den Weg, die früher ständig zwischen Berlin und Backnang pendelte und nun für alles, was ihr aus 92 Jahren Leben geblieben ist, einen Ort im Steingaustift gefunden hat. Das Zimmer ist gemütlich eingerichtet mit einem Bett, einem Schrank und einer Tischgarnitur, die auf einem roten, selbst geknüpften Teppich steht. Auf dem Tisch liegt ein dickes Buch. Ohne auf die Frage zu warten, wie man im Alter noch so agil sein kann, sagt sie: "I hör und seh no z' viel".

Ans Herz gewachsen ist Ruth Häcker auch Adolf Richter, den die Ehrenamtliche schon eine ganze Weile begleitet. Vieles seines Krankheitsverlaufes hat sie miterlebt und mitgetragen. Der ehemalige Monteur ist seit ein paar Jahren blind, doch immer noch begeisterter Sportfan, der vor allem Fußballspiele am Radio mitverfolgt. 1956 zog Adolf Richter von Niedersachsen nach Kirchheim und hatte seitdem 50 Jahre lang keinen Kontakt mehr zu seiner Schwester. Möglich gemacht wurde zumindest der schriftliche Verkehr erst durch eine Zeitungsannonce, in der er seine Schwester wiederfand, wobei das Schreiben für den 68-Jährigen mittlerweile unmöglich ist. Doch hält sich der Kontakt über seine Nichte, die ihn im Urlaub besuchen kommt.

Ruth Häcker liebt die Arbeit im Stift: "Ich bin so froh, dass ich das machen kann, ich kann nicht nur Däumchen drehen." Ihre Besuche sind mehr als "vorbeikommen und ein Schwätzchen halten". Sie kennt nicht nur den Literaturgeschmack von Edeltraut Schatz, sondern ihre ganze Lebensgeschichte.

Das zufällige Treffen auf dem Flur kann Käthe Witt in ein paar ungesagten Worten zeigen, dass sie nicht allein weiter machen muss. Und für Adolf Richter ist sie die rechte Hand, die mit ihm die Briefe an die Schwester schreibt und ihm manchmal einen kleinen Blick in die Welt der Sehenden weist.

Wenn Ruth Häcker meint: "Es war schon ein großer Schritt, mit 75 nochmal neu anzufangen und in eine fremde Stadt zu ziehen", so bereut sie es auf keinen Fall. Sie mag es, auf Menschen zuzugehen und zu helfen, wenn sie gebraucht wird. Und doch sagt sie, wenn sie nach getaner Arbeit auf der Terrasse sitzt, mit einem Buch in der Hand, und über die Dächer ihrer Wahlheimat blickt: "Abends bin ich gern allein."