Lokales

Lieder, Lichter und Literaturgeschichte

Die „Nacht der offenen Kirchen“ bot in Kirchheim an zwölf Orten ein vielseitiges spirituelles Programm

Das nasskalte Wetter lud am Freitagabend wenig dazu ein, bei der „Nacht der offenen Kirchen“ kreuz und quer durch Kirchheim zu pilgern. Doch der Weg von Kirche zu Kirche lohnte sich, denn die dortigen Angebote deckten eine große Bandbreite ab.

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PETER DIETRICH

Kirchheim. Es ist 20 Uhr. Wohin nur zu Beginn? Die in der evangelischen Auferstehungskirche geplante Prominentenpredigt zum Thema Armut fällt mangels Prediger aus. Also weiter zur ebenfalls evangelischen Christuskirche, wo Lobpreis und Stille mit der Jugendgemeinde Domino angesagt sind. Die Kirchenbankheizung wärmt den Körper, die Texte die Seele. Bedingungslose Liebe, unerschütterliche Hoffnung, Gewissheit des Glaubens, Versöhnung selbst für Feinde, ein neuer Anfang – wer sehnt sich nicht danach? Die Liedtexte in Deutsch und Englisch werden mit dem Tageslichtprojektor projiziert, begleitet wird mit Gitarre und Cajon. Dazwischen werden Bibeltexte gelesen – in der Übersetzung „Neues Leben“ klingt Psalm 23 wieder neu. Als Wegzehrung gibt es Verse aus Psalm 121, Salzstangen und Erdnüsse.

„Etwas Experimentelles“ verspricht Pfarrer Jochen Maier in der evangelischen Martinskirche. Hinter dem künstlerischen Projekt, auf das sich rund 20 Besucher einlassen, steht die Frage nach dem Wichtigsten im Leben. Aus einer vor dem Altar ausgelegten, bunten Ansammlung von Texten sucht sich jeder einen aus, um anschließend alle Wörter bis auf die beiden für ihn wichtigsten durchzustreichen. Maier trägt die Begriffe zusammen. Worte wie Licht, Zeit, Neugier, Fallschirme oder Liebesbriefe. Im nächsten Schritt mischt jeder zwei Farbtöne, die aus seiner Sicht am besten zu seinen Begriffen passen. Als letztes entstehen, begleitet von Orgelimprovisationen von Bezirkskantor Ralf Sach, zu den Worten quadratische Bilder.

Die Besucher der katholischen Kirche Sankt Ulrich ziehen am Eingang ihre Schuhe aus. Das Jugend-Impuls-Team und www.starke-jugend-kirchheim.de halten warme Socken bereit. Einst wurde Moses von Gott aufgefordert, am brennenden Dornbusch seine Schuhe abzulegen, denn er betrete heiliges Land. Nun sollen die Kirchenbesucher mit den Schuhen ihren Ballast draußen lassen und einmal vollkommen abtauchen. Abtauchen in einen Kirchenraum, der mit seinen von Dunkel umgebenen Stationen zu einer individuellen Reise einlädt. Einer Reise, auf der Glauben auf ganz verschiedene Weise erfahren wird. Ein kleines Kreuz basteln und sich dessen erinnern, was man selbst als Kreuz zu tragen hat. Erfahren, dass das Kreuz im Jahr 431 von einem Konzil als christliches Zeichen bestätigt wurde, dass der vertikale Balken für die Verbindung von Gott und Mensch und der horizontale Balken für die Verbindung von Mensch zu Mensch steht. In einem Fühlkasten nach Gegenständen tasten, die in Beziehung zu Maria stehen – der Taschenwärmer in Herzform etwa, eine überraschende Idee. An der Osterkerze ein Licht entzünden. Am Altar eine Stück Brot nehmen und darüber nachdenken, was Jesus für einen getan hat. An der Gebetswand auf einem Zettel sein Anliegen hinterlassen, am Taufstein sein eigenes Ja erneuern. Die meditative Reise der rund 50 Besucher endet mit einer Runde am Altar mit gegenseitigen Segenswünschen. Wer möchte, darf zur nächsten Runde, einem Gebetskonzert mit der Band Proud Mary, einfach dableiben.

„Glaubensbilder“ heißt die Ausstellung in der evangelisch-methodistischen Zionskirche. Künstler aus der Gemeinde haben ihrem Glauben Farbe und Gestalt gegeben. Der zerbrochene Spiegel von Katja Seibold ist für sie ein Symbol für die Brüche des Lebens. Das daneben aufgehängte andere Kunstwerk mit einem heilen Spiegel deutet an, was das Zerbrochene wieder heilen kann, denn in dieses ist ein Kreuz eingearbeitet. Eine Stellwand versammelt die Arbeiten zum Thema Licht, die alle während eines Hauskreisabends entstanden. Eine großflächige Installation zu Füßen des Altars stellt den Verlauf des Kirchenjahres dar.

„Die Bibel ist außerordentlich gut überliefert und in ihrem Textbestand vertrauenswürdig“, erklärt der Stuttgarter Pastor Jens Mohr bei seinem Vortrag in der Adventgemeinde. Von den Abschriften des Neuen Testaments, insgesamt 5700 Teile und Fragmente, reichten einige bis auf wenige Jahrzehnte an die Entstehung heran. Mohr vergleicht dies mit der Situation bei anderen antiken Schriften: Bei Cäsar liegen zwischen Autor und frühester Abschrift rund 1000 Jahre, bei Aristoteles gar 1400 Jahre. Dennoch würden deren Werke, für die es nur wenige Abschriften gebe, nicht in Zweifel gezogen. Größere Textveränderungen der Bibel könne man an einer Hand abzählen, keine einzige christliche Lehre beruhe auf Abschreibefehlern. Hingegen gebe es für die von Autoren wie Dan Brown vertretene These, Jesus habe ein Verhältnis mit Maria Magdalena gehabt, keine historischen Belege.

Den großen Kürbis, dessen Inneres zum Abschluss für die köstliche Mitternachtssuppe sorgt, haben die fleißigen Köche im Albert-Knapp-Saal als Dekoration aufgestellt. Mit der Suppe endet, wie bereits vor zwei Jahren, das vielseitige Menü der „Nacht der offenen Kirchen“. Sollte dieses „dezentrale Restaurant“ in zwei Jahren erneut öffnen, hat es besseres Wetter und etwas mehr Besucher verdient.