Lokales

Lieder wie Hoffnungsdrachen

Christoph Zehendner und Manfred Staiger bringen bei ihrem Konzert in der Notzinger Jakobuskirche Himmel und Erde zusammen

Notzingen. Als Hörfunkjournalist berichtet Christoph Zehendner für den Südwestrundfunk über die Landespolitik. Als Referent und Sänger bereits er viele Länder. Auf ein Konzert

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Peter Dietrich

im südafrikanischen Johannesburg folgte am 1. Mai eines in Notzingen. Dort bot Zehendner, begleitet vom Pianisten Manfred Staiger, rund 100 Zuhörern manchen Ohrwurm und viel Stoff zum Nachdenken.

Aufwendige Bühnendekoration? Große Band? Aufregende Lichteffekte oder eine gigantische Verstärkeranlage? Alles Fehlanzeige. Nicht einmal die Kleidung der beiden Künstler war auffallend ausgefallen. Dass der Pianist wider Willen sein schönes Hemd verbergen musste, lag allerdings an den frostigen Temperaturen in der Jakobuskirche.

Doch das Genannte fehlt nicht wirklich. Denn die Stärken von Zehendner und Staiger lagen woanders. Mehr als 500 Konzerte haben sie gemeinsam gegeben, rund 80 Lieder zusammen geschrieben. Die beiden sind menschlich und musikalisch bestens aufeinander eingestimmt. Bei ihnen wetteifern Texte und Töne nicht um Aufmerksamkeit, sondern ergänzen sich harmonisch. „Das ist genau die die Melodie, die dieser Text braucht“, entfährt Zehendner nach dem Lied „Gottes neue Welt“ ein spontanes Lob an seinen Komponisten und Begleiter.

Inklusive Zugabe präsentierten die beiden Künstler 18 Lieder. Viele entstammten Zehendners aktueller, bluesig-rockiger CD „Wortweltwanderer“. Andere Titel waren ruhiger und teilweise sehr bekannt: Bei „Er hört dein Gebet“, das es sogar ins evangelische Gesangbuch geschafft hat, sang ein Großteil der Zuhörer unaufgefordert mit.

Das Lied „Hoffnungsdrachen“, das Zehendner nach einem eindrucksvollen Auftritt vor deutschen Soldaten in Afghanistan schrieb, beschreibt nicht nur den Stau der einst prächtigen Stadt Kabul, sondern auch die bunten Drachen, die Kinder dort steigen lassen. Für Zehendner ein Symbol: „Unsere Hoffnung steigt hinauf, so wie die Drachen - wo ein Mensch vertraut, dort schickt Gott seinen frischen Wind“. Die Spannung dieses Liedes zwischen Himmel und Erde ist typisch: Nie vergisst Zehendner, bei allem Leid der Welt und im persönlichen Leben, den hoffnungsvollen Blick nach oben. Nie hebt er so weit ab, dass er den Realitäten des Alltags entschwindet.

Ganz im Gegenteil. Mit Liedern wie „Der Himmel weint“ mutete er seinen Zuhörern einen ziemlich krassen Blick auf die Kinder zu, deren Seelen zwischen Dosenbier und Fernsehen verkümmern. „Sei willkommen“ galt dem Sohn eines Freun­des, der mit Down-Syndrom geboren wurde und nun sieben Jahre alt ist. „Gute Stunden“ war ein Lied für einen geschätzten Freund, der viel zu früh an Krebs starb. „Jetzt bist du uns vorausgegangen, hast‘s himmlisch besser als bisher. Erlebst wovon wir so oft sangen. Wie schön für dich. Für uns so schwer“.

Doch Freundschaften wurden auch fröhlicher besungen. Um langjährige Weggefährten, die sich gegenseitig nichts mehr beweisen müssen, ging es genauso wie um andere Künstler, denen der Sänger so den Rücken stärken will, wie ihm Gott und andere Menschen immer wieder selbst den Rücken stärken. Privates wie das Lied „Mein Herz bei dir“, das Zehendner seiner Frau Ingrid zur silbernen Hochzeit schrieb, stand direkt neben Liedern mit weltpolitischem Hintergrund. Gleich mit zwei Titeln besang Zehendner die Stadt Jerusalem – eine zerrissene Stadt, die er sehr liebt und mit der er, wie er sang, „noch lange nicht fertig“ ist.

Gegen Ende des Konzerts zeigte dann die Kirchenheizung ihre Wirkung. Die Wärme für die Füße hatte einiges länger gebraucht als die Wärme für die Herzen.