Lokales

Literat und Revolutionär

Eberhard Sieber berichtete im Max-Eyth-Haus vom Dettinger Bauernsohn Karl Raichle

Kirchheim. Brechend voll war das Literaturmuseum der Stadt Kirchheim, als Dr. Eberhard Sieber auf Einladung des Literaturbeirats einen

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Ingrid Stojan

„bemerkenswerten Dettinger“, Karl Raichle, vorstellte. Anhand von weit über hundert Bildern präsentierte Eberhard Sieber faktenreich und durch viele Anekdoten aufgelockert das „bewegte Leben“ eines „Bauernkindes“. Gleichzeitig gewährte er einen facettenreichen Einblick in die Zeit, die der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, dem Ersten Weltkrieg, folgte. Karl Raichles Leben weist viele „Stationen“ auf. Am 31. August 1889 wird er als achtes Kind einer Bauernfamilie in Dettingen geboren. Nach der Volksschule verlässt er das Dorf, macht eine Lehre als Kupferschmied, geht in der Schweiz auf Wanderschaft – und kehrt 1909 für kurze Zeit nach Dettingen zurück.

Die nächste Station seines Lebens ist die Marinedivision Wilhelmshaven. Disziplinarische Vergehen führen dazu, dass Karl Raichle aus der Marine entlassen wird und für zwei Jahre erneut zurück nach Dettingen kommt. Nach Kriegsausbruch wird er wieder eingezogen. Im November 1918 ist er „zum ersten Mal in diesem Krieg Soldat. Fuchtelnd mit der Pistole in der Hand“, erlebt er als „Soldatenrat“ den „Beginn der Revolution“ mit, den Matrosenaufstand in Wilhelmshaven. – Die nächsten Jahre verbringt Karl Raichle nach seiner Heirat mit Elisabeth Leinhaas, der Tochter eines wohlhabenden Rittmeisters a. D., in Urach, erst als Landwirt, später dann als „Pensionswirt“. Nach kurzen Zwischenstationen in Dessau, Lützenhardt im Schwarzwald und in Berlin lässt sich Karl Raichle mit seiner Familie in Meersburg nieder, wo er am 16. April 1965 stirbt.

Ein stationenreiches, aber relativ ereignisarmes Leben – so könnte man meinen, wenn man diese biografischen Daten Revue passieren lässt. Doch dem ist nicht so. Karl Raichle ist kein „langweiliger“ Zeitgenosse!

Unmittelbar nach seiner Lehre tritt er in die Gewerkschaft ein (und bekommt dafür von seinem Vater „die letzte Ohrfeige seines Lebens“). In der Schweiz wird er „ein richtiger Anarchist“. Seine pazifistische Grundeinstellung führt während der Militärzeit zu zahlreichen Konflikten mit Vorgesetzten und zu Gefängnisaufenthalten, wo er auch Gregor Gog, den „Wegbereiter der internationalen Vagabundenbewegung“, kennenlernt. 1920/21, wenige Jahre nach seiner Heirat, muss Karl Raichle, der „nicht einmal eine Kuh melken kann“, erkennen, dass sein Vorhaben, den Lebensunterhalt als „Landwirt und Ökonom“ zu verdienen, gescheitert ist. Im Inneren seines Herzens weiß er ohnehin schon lange, dass sein eigentlicher Beruf „Schriftsteller“ ist. Konsequenterweise eröffnet er zusammen mit seiner Frau 1923 im „Grünen Weg“ in Urach eine nicht ganz herkömmliche Pension „für Literaten und Gesinnungsfreunde“.

Im Volksmund lautet die Adresse „Roter Winkel“ oder „Klein-Moskau“. Anzutreffen sind dort beispielsweise Gäste wie Gregor Gog, Karl Bittel, Max Ackermann, Friedrich Wolf, Erich Engel und Erich Mühsam sowie Urlauber, „die wenig Geld hatten, aus linksbürgerlichen Kreisen“ und „Aussteiger, Agrarutopisten, Inflationsheilige, Sexualrevolutionäre, barfüßige Propheten, Naturapostel“. Ein „Dauergast“ bei Karl Raichle ist schon vor 1923 Johannes R. Becher, der spätere Präsident der Akademie der Künste und DDR-Minister für Kultur. Seine Freundschaft mit Karl Raichle hält ein Leben lang, dennoch kommentiert er Raichles schriftstellerische Versuche stets mit abwertendem, kritischem Spott, belegt durch entsprechende „ironisch-satirische Karikaturen“.

1928 verlässt Karl Raichle seine Familie und beginnt am Bauhaus in Dessau zu studieren. Ihn fasziniert dort zum einen die politische Ausrichtung, zum anderen die „enge Verbindung von Handwerk und Kunst“. Aus Geldmangel kehrt er schon bald nach Urach zurück und startet eine „fulminante Karriere als Künstler“, als „Zinnschmied“ (nicht als Zinngießer!), die nicht auf Urach begrenzt bleibt, wie zahlreiche Auszeichnungen beweisen. Kannen, Vasen, Leuchter und vieles mehr von ihm ist heute im Berliner Bröhan-Museum, im Grassi-Museum in Leipzig sowie im „einschlägigen Kunsthandel“ zu finden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Karl Raichle von den Franzosen als stellvertretender Bürgermeister eingesetzt, er versucht, „wie einst in Urach, antifaschistische, intellektuelle und künstlerische Freunde um sich zu scharen“; er stellt seine Werke in Leipzig, Mailand und Madrid aus, er erneuert den Kontakt mit Johannes R. Becher.

Im „Dettinger Gedächtnis“ kommt Karl Raichle eigentlich nicht vor. Kaum einer kennt ihn, er hat dort keine Verwandten mehr, im Heimatbuch von Dettingen wird er nicht erwähnt. Umfangreiche Recherche-Arbeiten von Eberhard Sieber und die äußerst kooperative Mithilfe des Urenkels von Karl Raichles Vater waren erforderlich, um Raichle wieder „lebendig“ zu machen. Zwar finden sich „Spuren seines Lebens“ in den Stadtarchiven von Urach, Meersburg, im Kreisarchiv Esslingen und auch in der Dettinger Pfarrregistratur, dennoch ist er bislang ein weitgehend „Unbekannter“. Was man heute über ihn weiß, kommt daher, dass der Nachlass von Johannes R. Becher minutiös archiviert wurde und dass sich Eberhard Sieber die Mühe des intensiven Nachforschens gemacht hat. Das Ergebnis lässt auf Folgevorträge hoffen.