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Löst die "ältere gelbe Drehscheibenkeramik" ein historisches Rätsel?

Einen spektakulären Entführungsfall aus der Gründungszeit des deutschen Reiches im frühen 10. Jahrhundert haben Christoph Bizer und Rolf Götz als Aufhänger für ihr Buch über die "Burgen der Kirchheimer Alb" gewählt: Sie weisen nach, dass der Konstanzer Bischof Salomo III. im Jahre 914 bei Unterlenningen gefangen gehalten wurde, und setzen damit einen neuen Akzent in einem seit 500 Jahren währenden Gelehrtenstreit.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM "Die Thietpoldispurch und die Burgen der Kirchheimer Alb" so heißt der neueste Band aus der Schriftenreihe des Kirchheimer Stadtarchivs, der außer der Nummer 31 auch noch einen nüchtern wirkenden Untertitel trägt: "Neue Methoden und Ergebnisse der Burgenforschung". Aber gerade in diesem Untertitel verbirgt sich die enorme Bedeutung des 170 Seiten umfassenden Werks der beiden Heimatgeschichtsforscher Christoph Bizer und Rolf Götz. Immerhin ist damit zu rechnen, dass dieses Produkt aus dem Hause GO Druck Media Verlag die gesamte Fachwelt aufhorchen lässt.

Die "neuen Methoden" bestehen vor allem aus der Zusammenführung zweier unterschiedlicher Quellenarten und aus dem Abgleichen der Ergebnisse, zu denen die beiden historischen Disziplinen jeweils führen. Bislang lag das Hauptaugenmerk der Burgenforschung auf der Auswertung von Archivmaterial, was in Kirchheim und Umgebung seit langer Zeit die Domäne von Rolf Götz ist. Bei der Vorstellung des neuen Burgenbuchs im Kirchheimer Rathaus sagte der Historiker jedoch bereits einschränkend: "Ich bin früher selbst davon ausgegangen, dass eine Burg kurz vor ihrer ersten schriftlichen Erwähnung entstanden sein muss."

Inzwischen hat sich aber gezeigt, dass diese Vorstellung nur gelegentlich zutrifft und dass häufig zwischen der Entstehung einer Burg und ihrem ersten urkundlichen Beleg ein Zeitraum von 100 bis 200 Jahren liegen kann. Diese Erkenntnis ist der archäologischen Forschung zu verdanken, um die sich in der näheren Umgebung kaum jemand so verdient gemacht hat wie Christoph Bizer: So hatte der neue Band der Stadtarchiv-Reihe eine Vorlaufzeit von etwa 30 Jahren. So lange brauchte der ehrenamtlich Beauftragte der Archäologischen Denkmalspflege, um die rund 15 500 Fundstücke von 28 verschiedenen Fundstellen zusammenzutragen und auszuwerten, die zu den neuen Datierungsergebnissen führten.

Bei den Funden handelt es sich überwiegend um "unscheinbare Keramikreste", wie Christoph Bizer sagt. "Sie stammen Stück für Stück von der Oberfläche und wurden nicht durch Grabungen gewonnen." Die Geschirr- und Ofenkeramik, deren Scherbenfunde Bizer schlichtweg als "Müll des Mittelalters" bezeichnet, lässt sich für den Fachmann nach Form, Farbe, Brenntechnik, Verzierungen, Randgestaltung und ähnlichen Merkmalen unterscheiden und einigermaßen exakt datieren mit einem Abweichungsgrad von etwa 50 Jahren. Rund zwei Dutzend Burgen der "Kirchheimer Alb" hat Christoph Bizer anhand seiner archäologischen Oberflächenfunde neu datiert und in Band 31 der Schriftenreihe des Kirchheimer Stadtarchivs beschrieben als eine Art "Rechenschaftsbericht".

Am meisten Aufsehen dürften die Erkenntnisse über Teck und Diepoldsburg erregen. So vermuten die Autoren, dass die Teck bereits Ende des 11. Jahrhunderts durch Graf Burkhard von Nellenburg erbaut worden sein könnte, als Ersatz für die gerade zerstörte "Thietpoldispurch". Das Material gebe zwar nicht genug her, um diese Annahme zu beweisen, andererseits aber zu viel, um die Vermutung als völlig verfehlt abzutun. Gerade bei der Diepoldsburg geht Bizer aber davon aus, dass die Fachwelt die Beweisführung akzeptieren wird, die er und sein Mitautor Rolf Götz zur Lösung eines alten Rätsels der Historikerzunft erarbeitet haben. Es geht um die Lokalisierung der "Thietpoldispurch", in der die adligen Brüder Erchanger und Bertold im Jahre 914 ihren erbittertsten Gegner gefangen gehalten haben.

Dass Salomo III., der nicht nur Bischof von Konstanz, sondern auch Abt von Sankt Gallen und Kanzler des Reiches unter drei aufeinanderfolgenden Herrschern Arnulf von Kärnten, Ludwig dem Kind und Konrad I. war, in schmählicher Weise verschleppt und gedemütigt wurde, schildern mehrere schriftliche Quellen. Es gibt allerdings nur einen einzigen Hinweis auf den Ort des Geschehens: Der Name "Thietpoldispurch" findet sich lediglich in der Sankt Galler Klosterchronik des Mönchs Ekkehard IV., dessen Werk in der Mitte des 11. Jahrhunderts entstanden ist. Die einzige erhaltene Abschrift wird auf die Zeit um 1200 datiert. Das Problem besteht also darin, dass die schriftliche Namensnennung etwa 150 Jahre jünger ist als das historische Ereignis.

Hinzu kommt, dass Ekkehard nicht als absolut verlässliche und glaubwürdige Quelle gilt. "Er schreibt eigentlich keine Klosterchronik, sondern eher Klostergeschichten, die er von den Erzählungen der Alten, also durch mündliche Überlieferung kennt", sagt Christoph Bizer. Das erklärt vielleicht, warum die Geschichtsforschung im Lauf von 500 Jahren fünf verschiedene Standorte für die "Thietpoldispurch" ausgemacht hat. Vier davon liegen in der Nähe des Bodensees, und der fünfte ist die Diepoldsburg bei Unterlenningen, die aber schon seit Ende des 16. Jahrhunderts zum Kreis der "Verdächtigen" zählt.

Rolf Götz hat für die aktuelle Neu-erscheinung einen Abriss über die Forschungsgeschichte zur "Thietpoldispurch" verfasst. Was lange gegen die Lenninger Burganlage sprach, war die große Entfernung zum Bodensee und die Datierung. "Der wichtigste Einwand gegen unsere Burg war, dass sie gar nicht so alt sein kann", berichtete Rolf Götz bei der Buchvorstellung. An diesem Punkt habe die Archäologie nun aber ganz neue Erkenntnisse gebracht: Christoph Bizer hat an der Diepoldsburg Scherben von "älterer gelber Drehscheibenkeramik, Typ Runder Berg" aufgelesen, die nur bis etwa 1050 vorkam.

Für die Zeit danach konstatiert Bizer einen "Hiatus", eine Fund- und daher auch Besiedlungslücke "von reichlich hundert Jahren". Die beiden Historiker schließen daraus, dass die alte "Thietpoldispurch" in den Kämpfen, die auf den Investiturstreit in den Jahren 1077 und 1078 folgten, zerstört wurde. Als 100 Jahre später an gleicher Stelle wieder eine Burg errichtet wurde, erhielt sie denselben Namen, der sich als Diepoldsburg bis heute erhalten hat. Für Christoph Bizer ist das der Beweis, dass die Burg 1077/78 einen "furiosen Abgang" hatte, wenn der Name so lange in Erinnerung blieb.

Dieselbe "Beweisführung" wendet Bizer auf Ekkehards Namensnennung an: "Er wusste nicht, wo die Burg ist, aber er wusste, wie sie heißt." Die Gefangenschaft einer so hochrangigen und prominenten Persönlichkeit wie Bischof Salomo hält Christoph Bizer für bedeutend und außergewöhnlich genug, dass der Name der Burg auch 150 Jahre später noch glaubhaft habe überliefert werden können. Zum zweiten Einwand gegen die Lenninger Burgstelle zu große Entfernung vom Bodensee schreibt Bizer, es müsse bedacht werden, "dass Ekkehard den Ort der Gefangennahme des Bischofs nicht nennt und schon dadurch alle Vermutungen zur Lage der Burg und ihrer Entfernung von Konstanz und dem Hohentwiel einer gesicherten Grundlage entbehren".

Für Christoph Bizer und Rolf Götz steht daher fest, dass das Lenninger Tal im Jahre 914 Schauplatz großer Geschichte war. Zum Ausgang der Geschichte sei übrigens so viel verraten: Die Brüder Erchanger und Bertold wurden 917 hingerichtet, während Bischof Salomo 919 eines natürlichen Todes gestorben ist.

INFOBand 31 der Schriftenreihe des Kirchheimer Stadtarchivs "Die Thietpoldispurch und die Burgen der Kirchheimer Alb" ist im Buchhandel sowie am Schalter des Teckboten zum Preis von 15 Euro erhältlich.