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Lokale Sportpolitik vor neuen Herausforderungen

In Kirchheim wird Sport groß geschrieben. Davon kündet unter anderem die erfolgreiche Konzeption "Kinder unsere Zukunft Kirchheim in Bewegung". Doch mit einer daran anknüpfenden Sportentwicklungsplanung tut sich der Gemeinderat schwer. Das liegt keineswegs an den Inhalten, sondern am Geld: Fast 60 000 Euro für das Vorhaben schon vorab im Haushalt einzuplanen das war dem Gros der Räte schlichtweg zu viel.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM "Es geht um Volksgesundheit und Bewegungsmangel", umriss Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker das Thema Sportentwicklungsplanung als Teil der gesamten Stadtentwicklungsplanung. "Warum muss man Sport überhaupt planen?" lautete die Schlüsselfrage von Stephan Eckel vom Stuttgarter Institut für Kooperative Planung und Sportentwicklung (Ikps), die dieser sogleich selbst beantwortete. So skizzierte er das Spannungsfeld des Sports zwischen geändertem Freizeitverhalten, angespannter Finanzen, einem im Umbruch befindlichen Bildungssystem und einer alternden Gesellschaft.

Anhand einer Untersuchung des Themas Sport in Friedrichshafen zeigte Eckel, dass die Wertvorstellungen in der Bevölkerung durchaus nicht deckungsgleich mit politischen Bestrebungen sein müssen. Zwei Drittel der Bevölkerung treiben nach eigenen Angaben Sport. 90 Prozent aller Sporttreibenden bezeichnen sich als Freizeitsportler. Maßgebliche Motive sind Gesundheit und Spaß, keineswegs Erfolg und Leistung. Demzufolge hoffen viele Bürger auf Investitionen in relativ einfache Sportangebote im Umfeld.

König Fußball schaffte es entgegen allen Erwartungen bei der Friedrichshafener Befragung nicht unter die zehn häufigsten Sportarten. Er landete auf Platz elf, hinter Sportarten wie Radfahren, Schwimmen, Joggen oder Wandern. Eckel beschrieb einen klaren Trend zum selbst organisierten Sport. Neue Sportarten könnten urplötzlich Furore machen, wie die Inline-Skating- oder die Nordic Walking-Welle bewiesen.

Eine Sportentwicklungsplanung ermöglicht, die Veränderungen im Bewegungsverhalten zu erfassen und auf das Ziel einer bedarfsgerechten Versorgung der Bevölkerung bei optimaler Nutzung der Sportstätten hinzuarbeiten. Die Planung erfolgt laut Ikps in mehreren Phasen. Am Anfang steht eine umfassende Datensammlung. Zum Schluss erarbeitet eine qualifizierte Gruppe aus Vereinen und anderen Fachleuten konkrete Handlungsempfehlungen.

"Es geht hier um die Stärkung der Vereine", ließ die Oberbürgermeisterin keinen Zweifel daran, dass die Planung im Verbund erfolgen müsse. Dies hatte sie bereits auf der Mitgliederversammlung des Stadtverbandes für Leibesübungen (SfL) im März angekündigt und die für Oktober geplante Kanzelwandtagung als geeigneten Diskussionstermin genannt. Auch SfL-Vorsitzender Siegfried Hauff hatte seinerzeit schon ausgiebigen Diskussionsbedarf für das Thema Sport als "weichen Standortfaktor" angekündigt.

Doch die Vorbereitungen schienen vielen im Gemeinderat noch zu wenig konkret. Der Antrag der Verwaltung, 57 120 Euro (plus Reisekosten) im Haushalt 2007 für die Durchführung der Sportentwicklungsplanung einzustellen, sorgte für Zündstoff. Während die einen ein Signal setzen wollten durch frühzeitige, aber unverbindliche Einstellung der Mittel, fürchteten die anderen, dadurch enorme Erwartungen zu wecken.

"60 000 Euro stehen im Raum da muss was dabei rauskommen", forderte Michael Holz von den Grünen Alternativen und pochte auf durch und durch Kirchheim-spezifische Ergebnisse. "Kein Pappenstiel" lautete auch Ralf Gerbers Kommentar zur genannten Summe. Wichtig sei, die Vereine mit ins Boot zu nehmen und schon vor dem Haushaltsplanentwurf auch Möglichkeiten der finanziellen Beteiligung abzuklopfen, argumentierte der Vertreter der Freien Wähler. Ein Vorab-Gespräch mit den Vereinen über Inhalte und Kosten war auch Eva Baudouin von der CDU ein Anliegen, die die hohe Summe in Frage stellte und besorgt in die Zukunft blickte: "Was kommt hinterher noch auf uns zu?"

Stephan Eckel suchte die Bedenken zu entkräften und verwies darauf, dass die Konzeption eine langfristige Handlungsempfehlung sei, die zum großen Teil kostenneutral abgearbeitet werden könnte. Einzelne Kommunen hätten sogar gewaltig gespart, weil sie rechtzeitig erkannt hätten, dass geplante Investitionen am Bedarf vorbeizielten.

"Das Thema lautet letztlich: bessere Gesundheit für alle", brach Dr. Klaus-Peter Herzberg (SPD) eine Lanze für die Sportentwicklungsplanung. "Wenn wir Mittel einstellen, setzen wir ein politisches Signal." Seine ärztliche Kollegin von der Frauenliste, Dr. Silvia Oberhauser, verwies ebenfalls auf die große Volkskrankheit Bewegungsmangel. "Der Preis ist horrend, aber in diesem Preis steckt Potenzial", sprach sie politische Chancen an und sah die Problematik beim Gremium selbst: "Haben wir auch den Mut und den Willen zur Umsetzung möglicher Erkenntnisse?"

Kategorische Ablehnung kam von Albert Kahle (FDP/KIBÜ): Wir können uns solche Sachen nicht leisten", argumentierte er. Zahlen könnte man auch über Vereine abfragen, das Übrige sei eine Aufgabe der zuvor gewählten neuen Leiterin des Geschäftskreises Kultur und Soziales (Bericht zur Wahl auf Seite 16). Sie zumindest einzubinden schlug auch Mathias Waggershauser (CDU) vor und plädierte für Abwarten. "Alles nicht schlüssig", lautete das Urteil des Vorsitzenden der Fraktion der Freien Wähler, Hagen Zweifel. Er verwies auf die seit Jahrzehnten funktionierende Sportselbstverwaltung. Daher müsse vor der gemeinderätlichen Beschlussfassung eine Abstimmung der Rahmenbedingungen mit den Vereinen erfolgen.

Die Oberbürgermeisterin betonte, dass die Stadt stolz sei auf die funktionierende Sportselbstverwaltung und verwies auf die Kanzelwandtagung. "Wir stehen an einem Schnittpunkt, wie's weitergehen soll", suchte sie die Brisanz der Sportkonzeption zu unterstreichen.

Den Schlussstrich unter die hitzige Diskussion zog schließlich Helmut Kapp, CDU-Fraktionsvorsitzender, mit einem Antrag: Einstimmig stimmte das Gremium der Idee einer Sportkonzeption im Grundsatz zu. Mit 18 zu 15 Stimmen setzte sich das konservative Lager gegen das bürgerliche mit dem Ansinnen durch, vorerst keine Mittel im Haushaltsplan auszuweisen. Die Konzeption wird mit der neuen Geschäftskreisleiterin vorbereitet und mit den Vereinen im Oktober diskutiert.